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Kabarettist Stefan Waghubinger spielt mit den Perspektiven und Erwartungen des Publikums

Witz mit Tiefgang

LÜGDE. Völlig absurd. Was Stefan Waghubinger am Samstag den Gästen im Lügder Kloster da aufgetischt hat, hat genauso den Rahmen ihrer Gewohnheiten gesprengt, wie das blaue Essen, das Alfred Hitchcock einmal seinen Gästen serviert hat.

veröffentlicht am 15.01.2017 um 20:58 Uhr
aktualisiert am 16.01.2017 um 12:11 Uhr

Stefan Waghubingers Witze blieben nicht nur an der Oberfläche, sondern drangen auch zu Reizthemen und Selbsterkenntnis vor. Foto: yt
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Autor

Carlhermann Schmitt Reporter
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Zunächst holte der Kabarettist sie förmlich von zuhause ab: „Ich arbeite mich jetzt schon über einen Monat an der Steuererklärung ab – und habe noch nicht einmal damit angefangen.“ Doch dann spielte er mit ihren Perspektiven und Erwartungen, was sich immer wieder in Kalauern äußerte: „Sie joggt, will sich also laufend verändern und wiegt sich in falscher Hoffnung.“ Und er blieb auch beim Finanzamt, jenem emotionalen Reizthema, dessen bloße Erwähnung bei jedem Veranlagten das vegetative Nervensystem in Aufruhr versetzt. Er erzählte von seinem Mitschüler, der jetzt beim Finanzamt sei: „Früher hast du mich doch auch immer abschreiben lassen, lass mich jetzt halt das Hemd abschreiben.“ Das Publikum prustete ob solcher Sprachwitze, während Waghubinger seinen verdutzten Gesichtsausdruck stets beibehielt, was die Wirkung seiner Gags nur verstärkte.

Waghubingers Spiel mit den Erwartungen des Publikums erstreckte sich aber nicht nur über die Oberfläche, auch wenn er die Frage aufwarf, ob der Kern eines Schalenkoffers die Schale sei und das Innere nur Füllmaterial. Er drang auch zur tieferen Erkenntnis vor: „Ist die auf Eierpackungen propagierte Bodenhaltung wirklich artgerecht für einen Vogel?“ Im Grunde sei die Freiheit des Menschen in der hiesigen Gesellschaft ähnlichen Restriktionen und Grenzen unterworfen, wie die seines Hamsters: „Er hat’s warm, genug zu fressen und darf sich dafür abstrampeln.“ Auch betonte er, dass die Arbeiter in indischen Textilfabriken keine Sklaven seien. „Sklaven haben genug zu essen. Das ist ja der Vorteil des Kapitalismus – auf sein Eigentum gibt man acht.“

Über Political Correctness, also die Wissenschaft davon, seine Meinung nicht falsch auszusprechen, kam er auf die Kultur und befand, dass Verhüllen eigentlich kein Alleinstellungsmerkmal des Islam sei. So erinnerte er an den Künstler mit dem christlichen Namen, der den Reichstag verhüllte, und den Sofaschonbezug. Dann nahm er sich das Wesen des Menschen vor. Ist der Kern die Schale, die die anderen sehen? Wo beginnt Selbstfindung? „Mein neues Handy, da kann ich mich auch drin finden. Und gegebenenfalls übers Internet bestellen.“ Aber: „Wieso soll ich mich finden, wenn ich dann längst schon wieder woanders bin?“ So komme es doch letztlich darauf an, nicht sich selbst zu finden, sondern einen Parkplatz.

Die Gäste waren oft erschüttert. Meistens vom vibrierenden Zwerchfell, immer wieder aber auch von bedrückender Selbsterkenntnis. Relativ ruhig blieb es, als Waghubinger von der Zukunft sprach, vor allem von der, die schon hinter uns lag. Von den noch in Schwarz-Weiß von Raumschiff Enterprise angekündigten „unendlichen Weiten“, die wir bis heute nicht erreicht haben. „Mein Onkel war Kapitän. Er hat die Welt gesehen. Na ja, soviel auch nicht, er fuhr nur auf der Donau. Auf einer Fähre.“ Das mag wohl übertragend auf die meisten zutreffen. Und so ist es gut, wenn man den Humor nicht verliert.



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