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Sitz der einstigen Spitzen-Fabrik kommt unter den Hammer

Wer zahlt 2,7 Millionen fürs Lügder „Corvett“-Gelände?

veröffentlicht am 18.07.2016 um 22:34 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:22 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Wenn mode- und qualitätsbewusste Frauen ihre Dessous überstreiften, dann verdankten sie den hauchzarten Tüll, die delikate Klöppelspitze oder kunstvoll gewirkte Borten am BH nicht nur den jeweiligen Modelabels, sondern auch jahrzehntelang einer kleinen Fabrik in Lügde. Wo zum Beispiel „Triumph“ oder „Skiny“ auf dem Etikett stand, waren oft „Corvett Spitzen“ drin. Und bis heute vermarktet das hessische Unternehmen „Chanty“ seine „Corvett“-Nebenlinie als „zeitlos, elegant und detailliert“.

So hat der in der Branche offensichtlich noch immer klingende Lügder Name das einst international renommierte Edel-Nischen-Unternehmen schon um acht Jahre überlebt. Denn 2008 ging „Corvett Spitzen“ pleite. Etwa 100 Menschen verloren ihre Jobs. 2009 kaufte Konkurrent Chanty einen Teil der Lügder Produktionsmaschinen und übernahm den Markennamen gleich mit.

An den früheren Gebäuden des Lügder Spitzenherstellers hat seither der Zahn der Zeit genagt. Bisher gelang es nicht, den aus mehreren Produktionshallen und einem Bürotrakt bestehenden Komplex zu verkaufen.

Erst versuchte es der einstige Firmengründer und Eigentümer selbst. Anfangs schien er noch zuversichtlich. Das geht aus dem Jahresabschluss seiner Grundbesitz-Gesellschaft für 2010 hervor. Dem im „Bundesanzeiger“ veröffentlichten Dokument zufolge erwartete die Gesellschaft damals „aus dem Grundstücksverkauf einen Erlös, der deutlich über dem ausgewiesenen Buchwert liegt. Aus diesem Grund geht die Gesellschaft nicht von einer Überschuldung aus.“ Doch die Hoffnung trog. Niemand griff zu. So mancher Lügder meinte damals hinter vorgehaltener Hand, die Preisvorstellung sei illusorisch gewesen. Allerdings drückten die Gesellschaft zu dieser Zeit fast 1,5 Millionen Euro Schulden. Und genügend Mieter fanden sich auch nicht, als dass sich die Verbindlichkeiten durch Mieteinnahmen nachhaltig hätten reduzieren lassen.

Dann hing lange Zeit das rote Banner der Immobiliengesellschaft der damals noch selbstständigen Sparkasse Detmold neben dem Haupteingang des grau verblendeten Flachbau-Entrées mit dem blauen Baldachin davor. Doch auch das Plakat lockte keinen zahlungskräftigen Käufer an.

Jetzt steht der Termin für die Zwangsversteigerung fest. Anfang Oktober sollen die auf einem fast drei Hektar großen Grundstück stehenden Immobilien an der Lügdes Siemensstraße sowie ein knapp 3500 Quadratmeter großes unbebautes Grundstück in der Nachbarschaft unter den Hammer kommen. Den Verkehrswert des Pakets hat ein Gutachter mit rund 2,7 Millionen Euro beziffert. Betrieben wird die Versteigerung von der Commerzbank Hamburg.

Wer auch immer den Zuschlag erhält, falls sich Interessenten finden, wird mit dem Gros der Gebäude nicht unbedingt viel anfangen können. Einige Hallen des ab 1967 erbauten und bis 1995 mehrfach erweiterten Komplexes sind zwar noch ganz gut in Schuss. Der Zustand anderer Gebäude gilt jedoch als mangelhaft. Der über Jahre durchs undichte Flachdach Dach getropfte Regen hat so manche Wand im Innern schimmeln lassen.

Abgesehen vom Zustand der Gebäude müsste ein Käufer auch Verwendung für die Immobilie finden. Da die Hallen stets auf die Bedürfnisse der Spitzen-Produktion hin zugeschnitten wurden, passt ihr Zuschnitt nicht zwangsläufig ins Konzept eines potenziellen Interessenten.

Hinzu kommt: Wer hier neu bauen will, wird sich an die neuen Spielregeln halten müssen, die die Stadt Lügde für das Gewerbegebiet aufgestellt hat. Der Bebauungsplan ist zwar noch nicht in Kraft getreten. Aber alles geht an dieser Stelle nicht. So können sich mögliche Interessenten schon jetzt abschminken, auf dem Grundstück irgendwann Waren zu verkaufen, die „innenstadtrelevant“ sind. Also: Produkte, die bereits die Einzelhändler in der Lügder Altstadt im Sortiment führen. Der Bau eines weiteren Verbrauchermarkts wäre also an dieser Stelle keine gute Idee. Wer hier in ein Einzelhandelsprojekt investieren will, sollte vorher einen Blick ins Lügder Einzelhandelsgutachten mitsamt der auf die örtlichen Verhältnisse zugeschnittenen Sortimentsliste werfen.

Mit der wäre jedenfalls keinesfalls verträglich, was vor Jahren einem auswärtigen Projektentwickler vorschwebte: Der Mann wollte zwischen Siemens- und Pyrmonter Straße am liebsten gleich ein großes Vollsortiments-Kaufhaus hochziehen – ohne Rücksicht auf zwangsläufige Verluste für bereits im Talkessel ansässige Geschäfte. Aufgrund andernorts eingezogener Erkundigungen soll der Projektentwickler mit seiner Vision allerdings keinen wirklich seriösen Eindruck hinterlassen haben.

Die Zwangsversteigerung für das als gewerbliche Baufläche geltende ehemalige Corvett-Areal ist für Donnerstag, 6. Oktober, um 11 Uhr im Amtsgericht Blomberg (Saal 1) terminiert.



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