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Wie Reinhold Hartmann Lügder Achtklässler über Straftaten aufklärt

„Was ist, wenn ich ’ne Mofa frisiere?“

Von Juliane Lehmann

veröffentlicht am 03.05.2010 um 22:01 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 13:41 Uhr

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Lügde. Eine Handvoll jugendlicher Intensivtäter gibt es in Lügde, schätzt Reinhold Hartmann. In diese Kategorie fällt bei der Polizei, wer fünf „normale“ Straftaten oder zwei, drei Gewaltdelikte begangen hat, die auf der Wache aktenkundig wurden.

Der Polizei-Bezirksbeamte will nicht, dass es soweit kommt. Deshalb setzt er auf Aufklärung. Heute ist die Klasse 8 b des Realschulzweigs der Johannes-Gigas-Schule an der Reihe. Hartmanns Besuch ist ein Baustein im Präventionsprogramm, das sie Schule unter Anleitung ihrer Deeskalations-Fachfrau Karin Brunnert schon früh beginnt.

Als der Polizist zur dritten Stunde den Klassenraum betritt, haben die 29 Heranwachsenden schon eine Stuhlkreis gebildet und ihm einen Platz darin freigehalten. Dem uniformierten Besucher schallt ein kollektives „Guten Morgen, Herr Hartmann“ entgegen. Denn viele kennen den Polizisten schon von kleinauf. Den Kontakt zu ihnen baut er schon früh auf, etwa wenn er mit den Kindergartenkindern ihren künftigen Schulweg abschreitet.

Hartmann sieht darin nur Vorteile. „Die Kinder haben keine Scheu, mich anzusprechen. Sie reden, später vielleicht auch als Zeugen, unbefangener mit mir als mit einem Unbekannten“, sagt er. Die Jungen scheinen an diesem Vormittag allerdings keinen gesteigerten Wert auf allzu große Nähe zur Exekutive zu legen. Um Hartmann herum sitzen beiderseits ausschließlich Mädchen.

In der 8 b kommt er gleich zum Thema: „Ich will mich heute mit Euch über Straftaten unterhalten“, sagt er. Der Zeitpunkt scheint dem Polizisten optimal, denn die meisten im Raum sind 14 Jahre alt. Und damit gerade strafmündig. Nun will er ihnen klarmachen, welche Konsequenzen es haben kann, wenn sie etwas Verbotenes tun. „Wenn man erwischt wird“, raunt ein Junge, der besonders cool wirken will – und hat das wissende Lachen einiger Klassenkameraden auf seiner Seite.

Dass es nicht korrekt ist, in ihrem Alter Mofa zu fahren – und schon gar kein frisiertes –, weiß so ziemlich jeder in der Klasse. Dass die Polizei einem die Schachtel Zigaretten abnehmen darf und den Inhalt einer Flasche Schnaps wegkippen darf, ist hingegen nicht allgemein bekannt.

Typisch: Auf Hartmanns Frage nach Straftaten zählen die Jugendlichen eine ganze Latte von Delikten auf. Nur eines fällt ihnen nicht ein: die Beleidigung. Was Hartmann allerdings nicht wundert: „Darauf kam erst ein Mal jemand“, erinnert er sich – und macht seinen jungen Zuhörern klar, dass man dafür nicht einmal mit Schimpfwörtern um sich werfen muss, sondern schon das bloße Duzen justiziabel ist. „Ich möchte, dass Ihr Euch Gedanken darüber macht, wie Ihr miteinander sprecht“, erklärt er mit Blick aufs Jahr 2012, wenn die ersten Jugendlichen ins Berufsleben ausschwärmen. „Lege ich da nach zehn Jahren plötzlich meinen Schalter um?“, fragt Hartmann in die Runde und fordert sein junges Publikum auf, sich „mal ein paar Gedanken mehr zu machen.“

Dass sie das tun, ist nicht allen der 15 Mädchen und 14 Jungen auf den ersten Blick anzusehen. Während ein paar Mädchen es beim Flüstern belassen oder mit den Klassenkameraden auf der gegenüberliegenden Kreis-Seite kichern, erregen ein paar Jungs Hartmanns Aufmerksamkeit, weil sie dann doch zu laut herumalbern oder kleine Boxhiebe herumgehen lassen. „Ihr könnt gern zu Herrn Tillmanns gehen, wenn Ihr hier nicht mitmachen wollt. Der hat sicher eine Aufgabe für Euch“, sagt der Polizist – und es kehrt wieder Ruhe ein.

Als Hartmann dann auf die Sanktionen zu sprechen kommt, die jungen Straftätern blühen, hören die Jugendlichen genauer hin. Sozialstunden mögen ja gerade noch angehen. Aber ein Wochenendarrest im Amtsgericht klingt dann schon deutlich weniger erstrebenswert. Ebenso ein Besuch des Jugendamts bei den Eltern und diverse Steigerungsmöglichkeiten der Bestrafung. „Ich habe schön öfter Jugendliche in die Arrestanstalt nach Lünen gefahren“, erzählt Hartmann.

Voll bei der Sache sind die Schüler dann, als sie Fragen stellen dürfen. Und spätestens die zeigen, dass Hartmanns spätere Kundschaft, um die er sich schon jetzt sorgen müsste, wohl kaum aus der 8 b kommen wird. „Warum darf bei der Mofa keiner hintendrauf sitzen“, will ein Mädchen wissen. Eine andere interessiert: „Was darf man denn mit 16?“. Und ein technisch versierter Junge fragt:„Was ist, wenn ich ’ne Mofa frisiere?“ und interessiert sich auch gleich für die juristischen Folgen einer eingebauten elektronischen Drosselung. Fast charmant klingt dann eine der letzten Fragen: „Drücken Sie denn nie ein Auge zu?“

Für Reinhold Hartmann sind die zwei Stunden jedenfalls ganz ordentlich gelaufen. „Die haben ganz gut mitgemacht“, resümiert der Bezirksbeamte hinterher im Lehrerzimmer. Und dann geht’s auch schon zum Besuch der nächsten Klasse.

Mit 14 Jahren sind Heranwachsende strafmündig – ein guter Grund für Reinhold Hartmann (Mi. hi.), die 8. Klassen zu besuchen. Der Polizei-Bezirksbeamte will, dass sich die Mädchen und Jungen „mal ein paar Gedanken mehr machen.“

Foto: jl

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