weather-image
13°

Rathaus-Mitarbeiter haben es bisweilen mit exotischen Kaufinteressenten für den alten Bahnhof zu tun

Von Kaisertreuen und buddhistischen Nonnen

Lügde (jl/jhe). Am Lügder Bahnhof ist im Moment ziemlich viel los – dient doch die Strecke Hannover-Paderborn nach den Unfällen dieser Woche als Hauptumleitung für sämtliche Güterzüge auf der Ost-West-Achse.

veröffentlicht am 08.01.2010 um 22:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 17:41 Uhr

Katrin Buhr
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Jenseits der Schienen, im Innern des 118 Jahre alten Bahnhofsgebäudes, herrscht hingegen noch immer Stille. Zwar gibt es derzeit wieder einen ernsthaft scheinenden Interessenten. Er hat seinen nächsten Besuch für Februar angekündigt. Aber bis der Unternehmer aus dem Raum Hannover auf der Bildfläche erschien, hatten es Katrin Buhr, Günter Loges und Ute Hanebaum von der Stadtverwaltung mit diversen auch kuriosen Kunden zu tun.

So landete eines Tages eine E-Mail im Internet-Posteingang der Hauptamtsleiterin, verfasst vom Großmeister eines neu gegründeten „Deutschen Ritterordens der Kaisertreuen“. Der Mann erklärte gleich, dass seine Gemeinschaft „nicht wirklich viel Geld zur Verfügung“ habe. Zugleich aber versprach er, das 118 Jahre alte Haus zu sanieren und der Stadt und den Vereinen Räume im künftigen „Ordenshaus“ zur Verfügung zu stellen. Und er versicherte der Adressatin: „Keine Angst, wir sind keine Sekte.“

„Ich habe ihm daraufhin unsere Bedingungen genannt – und nichts mehr von ihm gehört“, erinnert sich Buhr, die das Ganze eher gelassen sieht: „Wir wollen das Gebäude ja nicht um jeden Preis verkaufen und der Stadt dadurch einen Schaden zufügen.“ Wie solide ein Interessent und sein Konzept seien, „hat man recht bald ’raus.“

2 Bilder
Günter Loges

Damit sich potenzielle Käufer angesichts der günstigen Verhandlungsbasis von 15 000 Euro keine Illusionen machen, erklären die Rathaus- Mitarbeiter gleich jedem, dass die Sanierung des Gebäudes bestimmt zwischen 250 000 und 300 000 Euro kostet. „Dach, Putz, Heizung, Elektrik und Sanitäranlagen müssen erneuert werden“, zählt Günter Loges auf. Aber Katrin Buhr ist sicher: „Mit dem nötigen Kleingeld wird das ein richtiges Kleinod.“ Allerdings komme man letztlich nur ins Geschäft, wenn das Konzept sowohl zur exponierten Lage des Gebäudes als auch zur Stadt passe.

Die Kleinod-Vision dürfte auch die beiden buddhistischen Nonnen aus Vietnam gelockt haben, die eigens zur Bahnhofsbesichtigung aus Ho-Chi-Minh-Stadt anreisten. „Sie kamen direkt vom Flughafen nach Lügde“, erzählt Buhr. Doch auch hier war ihr Kollege Loges, der die Bahnhofsführung im vergangenen August übernahm, schnell ernüchtert. Denn, wie 80 Prozent alle Interessenten, hatten auch die asiatischen Nonnen kein Geld. „Das war uns zu windig“, sagt er mit Blick auf deren Vorstellungen über die Finanzierung. „Die wollten gleich einziehen und den Bahnhof dann etwa zehn Jahre lang renovieren.“

Die Mittel zum Herrichten ihres geplanten buddhistischen Meditationszentrums hätten die Frauen ausschließlich aus Spenden aufbringen wollen. „Uns ist es aber wichtig, dass ein Käufer möglichst schnell auch die denkmalgeschützte Fassade saniert“, betont Loges. Und Buhr ergänzt: „Da soll nicht zehn Jahre lang ein Baugerüst davorstehen.“

Besondere Hoffnungen legten die Verwaltungsleute in einen ehemaligen Lügder, mit dem sie mehrere Gespräche führten. Denn, so sagt Katrin Buhr: „Er hatte eine Liebe zu dem Gebäude.“ Letztlich aber sei es der erforderliche finanzielle Aufwand gewesen, der den Mann abgeschreckt habe.

Angesichts der Erfahrungen und weil jede Führung bis zu zwei Stunden dauert, gesteht Bauamtsleiter Loges ein: „Man geht mittlerweile nicht mehr mit Euphorie dahin.“ Aber er weiß natürlich auch: „Auf dem Immobilienmarkt braucht man einen langen Atem.“ „Und Glück“, setzt Katrin Buhr hinzu.

„Schade, dass aus der Gasthausbrauerei nichts geworden ist“, sagen beide übereinstimmend. Von den im Frühjahr 2009 auf den Plan getretenen Interessenten (wir berichteten) hat man im Rathaus schon seit Monaten nichts mehr gehört. „Dabei hätte das Konzept auch wirklich gut zum Gebäude gepasst.“

Letztlich war Lügde den Bier-Fans aber einfach zu weit entfernt von ihrer Heimat Rheinland-Pfalz. „Wir haben uns ein anderes Objekt ausgesucht“, erklärte der damalige Interessent jetzt auf PN-Anfrage. „Aber der Bahnhof in Lügde wäre unsere zweite Wahl gewesen.“

Die erste Wahl ist nun ein Haus an der Mosel, das nur 80 Kilometer vom Heimatort der eventuellen Brauerei-Betreiber entfernt stehe. Für ihn als Rentner wäre es zwar kein Problem gewesen, die Brauerei in Lügde zu betreiben, sagt er. „Wir beiden Rentner wären da hochgezogen, aber für die Arbeitenden wäre das zu weit gewesen.“ Seine Enkelin ist vom Fach und sollte die „gläserne“ Brauerei betreiben, die angeschlossene Gaststätte hätten er und seine Freunde betrieben.

Endgültig abgesagt hat der Brauerei-Fan der Stadt Lügde nach eigenem Bekunden aber bewusst noch nicht. „Ein kleines Hintertürchen wollen wir uns noch offen lassen, falls das mit der Baugenehmigung für das andere Gebäude nicht klappt“, sagt er.

So sieht der Mann denn auch noch „eine kleine Chance, dass wir doch noch nach Lügde kommen“.

Aktuell gibt es wieder einen ernsthaften Kaufinteressenten für das Lügder Bahnhofsgebäude. Foto: jl



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?