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Kabarettistin Anny Hartmann im Kloster: Wahrheit mit wenig Biss

Von fies bis belanglos im Dozentenstil

Lügde. Er glich einer Geisterbahnfahrt, der Jahresrückblick, mit dem die Kabarettistin Anny Hartmann den Gästen im Lügder Klostersaal das Schaudern lehrte. Sie erinnerte an den NSU-Skandal und den NSA-Skandal, brandmarkte den Verfassungsschutz und die Bundesregierung. Sie zog über die Drittstaatenregelung bei der nachgerade verachtenswerten Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik Deutschland her, die es bevorzugt, „Tausende von Menschen im Mittelmeer verrecken zu lassen“, als angemessene Hilfe zu leisten. Sie sprach Blatter an, ohne Al Capone mit einzuflechten und jenes obskure Vertragswerk mit dem einprägsamen Namen „TTIP“.

veröffentlicht am 08.12.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 03:41 Uhr

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Autor:

von Carlhermann Schmitt
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Anny Hartmann klärte auf. Sie zeigte die Absurdität des Freihandelsabkommens TTIP auf. Hieß es bei Berthold Brecht dereinst noch: „Erst kommt das Fressen und dann die Moral“, zeigte die Kabarettistin, dass im jetzigen Stadium des globalisierten Kapitalismus, bestenfalls noch das Kotzen kommt, und die Moral schon längst nicht mehr Teil des Satzes sei.

Aber sie spottete nicht pointiert, sondern dozierte im Volkhochschul-Stil über Ursache und Wirkung. So teilte sie mit, dass die radikalislamistische ISIS deshalb so einen enormen Zulauf hätte, weil sie den Dschihadisten neben freier Kost und Logis noch 50 Euro im Monat zahle. „Wenn wir denen also 60 Euro anbieten, müsste sich das Problem einfach lösen lassen.“ Sie rechnete vor, dass das Frauenquotengesetz 30 Prozent der Aufsichtsratsposten in gut 100 Firmen betreffe: „Und damit für weniger als 40 Frauen in ganz Deutschland relevant ist.“

Die Pointen schienen den Abend immer wieder ins Belanglos-Fröhliche abdriften zu lassen: Ihr Running Gag war eine ADAC-Wahl: Zur beliebtesten Kabarettistin, zum homophobsten Putin und zum Was-auch-immer. Sie kriegte aber immer wieder die Kurve zum Wort zum Sonntag, in der sie beispielsweise die Krankheit „Pädophilie“ unterschied von Machtgelüsten, mit denen Erwachsene sie über Kinder hermachten; in der sie die Payback-Mentalität verurteilte, die den Ausverkauf des freien Menschen an die Machenschaften der Kapitalisten perfektioniere. Und gelegentlich schimmerte ein Hauch von Entrüstung durch die ansonsten weitgehend unaufgeregte Rückschau.

Mit Anny Hartmann stand jemand auf der Bühne, der die Welt aus dem gleichen Blickwinkel betrachtete und Hoeneß als Steigbügelhalter für die Witze benutzte, während sie gleichzeitig Politik und Medien dafür schalt, dass sie die Bürger mit Irrelevantem und Belanglosem von den echten, den wirklichen Problemen ablenkten, machte sie Witzchen über Schlankheitswahn. Die Kabarettistin bekam ihren Applaus und die Gäste die Bestätigung, dass sie mit ihrer Weltsicht auf der richtigen Seite stehen.

Anny Hartmann holte aus und statt zuzustechen, war der erhobene Zeigefinger ihre Waffe. Der war weniger gegen die Zuschauer, denn gegen die Politik gerichtet. yt



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