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Welche Erfahrungen Lügder mit dem frisch beruhigten Herzen ihrer Stadt gemacht haben

Von „endlich gut schlafen“ bis „Totentanz“

Lügde (jl). Natürlich waren alle gespannt, wie es jetzt läuft, wo der frisch freigegebene Tunnel den Durchgangsverkehr aus der Lügder Stadtmitte saugen soll. Doch mit der Fahrbahnverengung am künftigen Mittel-Kreisel und vor allem mit der seit Montag geltenden Einbahn-Regelung (PN von gestern) und hat ein Ausnahmezustand den anderen abgelöst.

veröffentlicht am 13.10.2010 um 21:12 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 08:21 Uhr

Der Bohrer kann weg: Gerade sind die Fundamente für eine Lärmsch
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Da ist es zwar noch deutlich zu früh für eine Bilanz – zumal die Hoffnungen vieler Menschen zur Belebung der Innenstadt auf dem ab 2011 geplanten Rückbau der Mittleren Straße ruhen. Aber erste Eindrücke haben die, die hier unterwegs sind, leben oder arbeiten, schon sammeln können. Je nach Standpunkt sind sie ziemlich unterschiedlich: Wer zu Fuß unterwegs ist, kann die Straße jetzt gefahrlos und ohne langes Warten überqueren. „Man wird nicht mehr fast überfahren“, freut sich eine Passantin. Ein Mann spricht beim Blick auf die in diesem Moment fast leere Straße indes von „Totentanz“.

Aufatmen können im Zentrum die Radfahrer, denn sie haben nun deutlich mehr Platz. „Wenn ich bisher mit meinem Fahrrad über die Straße wollte, musste ich immer warten“, sagt Meike Steffen, die in der Arminius-Apotheke arbeitet.

Die Zahl der Kunden dort ist übrigens seit Montag nicht merklich zurückgegangen – was auch daran liegen mag, dass die Branche weniger von spontaner Laufkundschaft lebt. „Die Ärzte in der Nachbarschaft sind ja auch noch hier“, sagt Meike Steffen.

In der Mittleren Straße war gestern Nachmittag wenig los. Im Interesse der Einzelhändler sucht der Bürgermeister eine „unbürokratische Lösung“ für die Einbahn-Regelung.

Wer im Herzen der Stadt wohnt, ist indes froh. „Endlich kann man besser schlafen“, sagt Annemarie Hasse und weiß sich in diesem Empfinden mit anderen Anliegern einig. „Die Verkehrsbelastung war wirklich schlimm.“ Damit meint die Einzelhändlerin, die über ihrem Geschäft wohnt, nicht nur die letzten Baustellen-gebeutelten Jahre, sondern auch die Zeit davor. „Der Lärm und Dreck wurde ja immer mehr. Das war schlimm.“ Darunter hätten auch die Häuser gelitten.

Ebenso sei es ein Zugewinn an Lebensqualität, „dass wir endlich auch mal tagsüber die Fenster öffnen können“. Und geputzt werden müssten sie künftig vielleicht nicht mehr ganz so häufig wie bisher.

Allerdings sind Annemarie Hasse und ihre Mitarbeiterin Ursula Herden gespannt, wie sich der Umsatz künftig entwickelt. „Wir hatten noch letzte Woche ein paar auswärtige Kunden aus Steinheim und aus Köln. Als sie an der Ampel warten mussten, haben sie etwas in unserem Schaufenster entdeckt und spontan gekauft“, erzählt Herden. Dass die künftig komplett wegbleiben, fürchtet sie allerdings nicht unbedingt. „Ich fahre selbst nicht so gern durch Tunnel“, sagt sie und hofft, dass es auch manch Ortsfremder ebenso hält.

Was die Fertigstellung des Tunnels betrifft, so hat ihre Chefin jedoch mit Blick auf das knappe Dutzend teils zunehmend verfallender Leerstände in der Mittleren Straße eine ganz klare Meinung: „Die Ortsumgehung ist 20 Jahre zu spät gekommen.“

Im „Schlecker“-Drogerie-markt an der Marktplatz-Ecke liefen die Geschäfte in den letzten Tagen wie sonst auch. Allerdings sind die Mitarbeiterinnen nicht eben optimistisch: „Ich denke, dass sich die Umgehungsstraße nachteilig auswirken wird“, glaubt eine Mitarbeiterin, die ihren Namen nicht öffentlich genannt wissen möchte.

Deutlicher wird Ute Kleine aus der gleichnamigen Tabak- und Zeitschriftenhandlung. „Wenn die Leute erst einmal weg sind, ist das für uns irgendwann der Tod“, fürchtet sie. Vor allem ist sie sauer über die Einbahn-Regelung, die sie ohne Vorwarnung getroffen hat. „Aber, so Kleine: „Wir sind ein Familienbetrieb. Wir können nicht einfach dichtmachen.“

„Viele denken doch jetzt: ,Da brauche ich gar nicht mehr ‘reinzufahren‘ “, sagt ihr Einzelhändler-Kollege Dietmar Seitz vom Fachgeschäft „Papier - Büro - Schule“ (PBS) mit bangem Blick auf seinen Umsatz. „Da hätten sie auch gleich die ganze Stadt zumachen können.“

Weil Seitz und andere empörte Geschäftsleute schon im Rathaus vorgesprochen haben, will sich Bürgermeister Heinz Reker des Problems annehmen. „Die Geschäfte in der Mittleren Straße sind zwar auch über die Hintere und die Vordere Straße mit dem Auto zu erreichen“, sagt er. „Einheimische müssten das wissen.“ Und doch will er sich bei der Landesbehörde „Straßen.NRW“ für eine „unbürokratische Lösung“ in Sachen Einbahnregelung einsetzen. Heute hofft er, den Verantwortlichen zu erreichen.

Unterdes haben viele Lügder und auch Pyrmonter „Tunneltouristen“ ihre ersten Erfahrungen mit der Umgehung gesammelt. „Jetzt hat das Warten an der Ampel endlich ein Ende“, sagt der Fotograf Volker Stein, der nach eigenem Bekunden bei seiner ersten Tunnelfahrt „jeden Meter genossen“ hat. „Ich war richtig begeistert.“

„Praktisch ist er schon“, findet auch Wolfgang Siefert, der täglich zwischen Elbrinxen und Bad Pyrmont pendelt. Allerdings hatte er sich „die Auskleidung des Tunnels etwas schöner vorgestellt“.

Von einem „interessanten Gefühl“ bei seiner ersten motorisierten Tunnel-Tour spricht indes der Bürgermeister, „denn das Projekt hat mich mein ganzes Arbeitsleben lang begleitet“. Vor allem aber schwelgt Reker noch in glücklichen Erinnerungen an das Freigabe-Wochenende. „So viele gut gelaunte Leute habe ich in Lügde noch nie auf einmal gesehen. „Alles, was Beine hatte, war da.“

Alles, was Räder hat und die Umgehung über die Emmer-straße erreichen will, braucht indes noch Geduld. Denn gerade erst haben die Vorarbeiten für den Mittel-Kreisel begonnen. Und bevor der nicht fertig ist, geht auch die neue Zuwegung nicht ans Netz.

Apropos Tunnel: Seine Nutzer können sich an dieser Stelle freuen, dass auf die Inhalte der Internet-Enzyklopädie „Wikipedia“ nicht immer Verlass ist. Dort steht nämlich zu lesen: „Durch die extrem hohen Baukosten ist für die Benutzung des Emmerauentunnels eine Straßenbenutzungsgebühr im Gespräch.“ Wie dieser Satz ins Netz kam, kann sich der Bürgermeister nicht erklären.



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