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Psychiater pessimistisch

Vatertags-Prügelei vor Gericht: Freispruch Fehlanzeige?

DETMOLD / LÜGDE. „Mit Freispruch wird das vermutlich nicht enden.“ Dieser Satz von Richterin Anke Grudda am Ende des dritten Verhandlungstages nach der Vatertags-Prügelei am Lügder Bahnhof dürfte den angeklagten vier jungen Männern aus Bad Pyrmont und Lügde am Mittwoch noch eine Weile in den Ohren geklungen haben.

veröffentlicht am 28.02.2018 um 21:45 Uhr

Laut Gutachter durch ihren Alkoholkonsum am Vatertag zwar eingeschränkt steuerungsfähig, aber noch einsichtsfähig: Die beiden 19 und 23 Jahre alten Hauptangeklagten (v.li.), hier mit ihren Verteidigern Christian Walter (2.v.li.) und Roman von Alvensl
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Denn diese Aussicht straft den Inhalt eines Whatsapp-Chats vom 26. Mai 2017 Lügen. „Wir kriegen locker Geldstrafen“ und „Wird sowieso fallengelassen“, hatten zwei von ihnen damals geschrieben.

Die Richterin gab den Beschuldigten nach fast fünfstündiger Verhandlung auch den Appell mit auf den Weg, sich vielleicht doch noch einmal zum Geschehen zu äußern. Das taten vor Gericht bisher drei der vier Beschuldigten, vorwiegend mit Aussagen zur jeweils eigenen Entlastung. Die Tritte oder Schläge, die dem Hauptgeschädigten drei Brüche im Gesicht bescherten, räumte keiner der jungen Männer ein. Deshalb Gruddas Hinweis zum Abschied: „Ein Geständnis wirkt sich immer strafmildernd aus.“

In dem Statement der Vorsitzenden der Großen Jugendkammer am Landgericht Detmold schien zugleich durch, wie die mit zwei weiteren Richterinnen und zwei Schöffen besetzte Kammer die zuvor gehörten Aussagen vier junger Frauen gewichtet, die am Vatertag mit den Beschuldigten unterwegs waren.

Die Schilderungen der drei Bad Pyrmonterinnen und einer Aerzenerin stellten die Tat vorwiegend als Notwehr vonseiten der jungen Männer dar.

Nahezu übereinstimmend sagten die 19-Jährige und die drei jeweils 20 Jahre alten Studentinnen und Auszubildenden aus, der jüngere Hauptangeklagte – ein inzwischen 19 Jahre alter Erstsemester-Jurastudent aus Bad Pyrmont – sei infolge einer Ohrfeige aus dem gegnerischen Lager gestrauchelt und am Boden liegend von zwei Männern geschlagen worden. Einer dieser Schläger soll der 35-Jährige aus Schieder gewesen sein, der später am schwersten verletzt wurde und vor Gericht nun als Nebenkläger auftritt.

Den Schlag, der den Schiederaner kurz darauf zu Boden gebracht haben soll, schilderte die erste Zeugin als Versuch des nach der Befreiung durch zwei seiner Begleiter wieder aufgestandenen 19-Jährigen, die Umstehenden zur Seite zu schieben. In der Version ihrer Freundinnen traf der Pyrmonter jedoch nicht den 35-Jährigen, sondern dessen Schwiegervater (65).

Dass die Stimmung an diesem allseits trunkenen Nachmittag nicht nur aufseiten der Angeklagten aggressiv war, hatten an den vorherigen Verhandlungstagen mehrere auch unbeteiligte Zeugen gesagt. Dass die Jüngeren sich jedoch nur gegen die Älteren gewehrt haben sollen, erscheint indes schon angesichts der Folgen wenig plausibel. Der Pyrmonter blieb äußerlich unversehrt. Einer seiner Lügder Kumpel hatte hinterher eine Handverletzung, mutmaßlich von Schlagen.

Den übereinstimmenden entlastenden Aussagen der Zeuginnen, der Jurastudent sei zu betrunken gewesen, um noch gezielt agieren zu können, widersprach die Einschätzung des Lügder Polizeibeamten Reinhold Hartmann, der am Mittwoch ebenfalls aussagte. Er hatte den 19-Jährigen kurz nach der Auseinandersetzung gestellt und dessen Personalien aufgenommen. „Er war ziemlich sicher auf den Beinen und konnte sich artikulieren“, so Hartmann. Der dann bei dem Pyrmonter festgestellte relativ hohe Blutalkoholwert habe ihn deshalb gewundert.

Der für den 19-Jährigen präsente Vertreter der Jugendgerichtshilfe Hameln-Pyrmont, Felix Deutsch, empfahl dem Gericht, bei dem Studenten wegen dessen anzunehmender Reifeverzögerung das Jugendstrafrecht anzuwenden.

Was der psychiatrische Gutachter Dr. Bernhard Bätz mit Blick auf die zwei Hauptangeklagten zu sagen hatte, dürfte die Kammer dagegen nicht milde stimmen: Eine alkoholbedingte Einschränkung der Steuerungsfähigkeit nahm er zwar an, nicht aber eine verminderte Einsichtsfähigkeit. Das heißt: Bätz‘ Expertise nach wussten der 23-Jährige und der 19-Jährige durchaus, was die taten. Und: Der Psychiater sieht bei beiden Angeklagten eine Wiederholungsgefahr. Bätz: „Ich erwarte weitere Körperverletzungen.“ Bei dem 19-Jährigen gehe er von „Verdrängungs- beziehungsweise Verleugnungsmechanismen“ aus.

Die Verhandlung vor dem Landgericht Detmold wird fortgesetzt am Montag, 5. März, um 9 Uhr.

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