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Warum Wolfgang Focke vom Runden Tisch „Heimerziehung“ enttäuscht ist / „Jetzt sind drei von uns schon tot“

Trotz Nackenschlägen: Ex-„Zögling“ kämpft weiter

Sabbenhausen. Möglichst noch in diesem Jahr sollen all jene entschädigt werden, die in der Nachkriegszeit als Heimkinder misshandelt und zur unentgeltlichen Arbeit gezwungen wurden. Das hat der 2008 auf Betreiben von Opfern wie Wolfgang Focke aus Sabbenhausen einberufene Runde Tisch beschlossen.

veröffentlicht am 25.01.2011 um 23:21 Uhr
aktualisiert am 29.05.2017 um 17:24 Uhr

Wolfgang Focke ist gespannt auf die Höhe der Entschädigungen aus dem Fonds.  Foto: jl
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Einer der Nutznießer der Entschädigungen dürfte auch Focke sein. Und er hätte eine Unterstützung bitter nötig. Denn der Frührentner – „ich bin nicht traumatisiert, ich bin kaputt“ – bekommt 300 Euro monatlich und muss fast die Hälfte davon der Krankenkasse zahlen, denn ihm fehlen vier Monate bezahlter Lebensarbeitszeit zu einem höheren Anspruch auf Geld vom Staat. Außerdem besitzt der 64-Jährige ein Haus und vermietet darin eine Wohnung. In welchem Zustand der alte Fachwerkbau am Ortseingang von Sabbenhausen ist und wie wenig Miete Focke einnimmt, scheint für die zuständige Behörde offenbar nicht relevant.

Jetzt aber sollen der Bund und die elf westdeutschen Länder sowie die beiden großen Kirchen 120 Millionen Euro in eine Stiftung zahlen, die das Geld dann an die einstigen Heimkinder verteilt. Was wann daraus wird, bleibt abzuwarten. Denn Bund und Länder haben dem Prozedere noch gar nicht zugestimmt.

Deshalb konnte die frohe Kunde aus Berlin Focke kaum aufmuntern. „Der Petitionsausschuss des Bundestages hatte uns 2006 eine schnelle Aufarbeitung zugesagt“, erinnert sich der Ex-„Zögling“. „Jetzt sind fünf Jahre vergangen und alles ist totgelabert worden“, glaubt er. Und auf die Höhe der Entschädigungszahlungen für das erlittene Unrecht ist er gespannt.

Doch in seinen Augen drängt die Zeit: „Wir haben damals angefangen mit 40 Leuten“, sagt er in Erinnerung an den Beginn der Heimkinder-Bewegung. „Jetzt sind drei von uns schon tot, und nächstes Jahr werden es bestimmt wieder ein paar weniger sein.“

Sich selbst sieht er inzwischen als einen der wenigen übriggebliebenen Kämpfer, die damals auf das ihnen angetane Unrecht aufmerksam machten. „Die anderen hatten keine Kraft mehr, die haben sich zurückgezogen“, sagt er.

Zwar hat auch Focke schon ans Aufgeben gedacht, sich dann aber doch fürs Weiterkämpfen entschieden – auch wenn er gerade einen Nackenschlag einstecken musste: Eine Anwältin, die ihn beim weiteren Betreiben seiner 2010 angestrengten Klage gegen die evangelische Kirche vertreten wollte, nachdem ihr Vorgänger „gar nichts mehr machte“, hat ihn jetzt beschieden, dass sie keine Chance auf Prozesskostenhilfe sehe und daher das Mandat niederlege, erzählt er.

Zu allem Überfluss hat sich nun auch noch ein Verlag, der Fockes Erinnerungen als Buch herausbringen wollte, von dem Projekt verabschiedet. „Die haben Angst vor Klagen“, glaubt Wolfgang Focke. Denn drei der Heime, von denen er sich um seine Kindheit und Jugend betrogen sieht, existieren noch.



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