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Wie der Sabbenhausener Heimkinder-Aktivist Wolfgang Focke seine Auseinandersetzung mit der Kirche um Genugtuung sieht

„Sie zeigen immer wieder, dass sie uns gar nicht für voll nehmen“

Sabbenhausen. Wer mag wohl der Sabbenhausener mit dem bei Kirchenvertretern und Politikern bundesweit höchsten Bekanntheitsgrad sein? Keine Frage: Das ist Wolfgang Focke. Denn den 67-Jährigen beschäftigt seit sieben Jahren ein Thema: der Kampf um sein Recht – und damit auch die Rechte andere ehemaliger Heimkinder.

veröffentlicht am 12.11.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 12:26 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Wie andere durch Zwangsarbeit und sexuelle Übergriffe um ihre Kindheit und Jugend gebrachten „Zöglinge“ wartet Focke seit Jahren darauf, dass die Institutionen in deren Obhut das Unrecht geschah, das Leid anerkennen. Und zwar nicht nur mit Bitten um Entschuldigung, sondern auch finanziell.

Focke sieht sich zwar als Opfer. Aber er will kein Bittsteller sein, sondern tritt selbstbewusst und fordernd auf – und macht dabei auch keinen Unterschied zwischen Ministern oder den obersten Repräsentanten der evangelischen Kirche.

Was seinen Kampf erschwert: Das Lesen und Schreiben hat er in der Schule nicht gelernt, sondern sich erst Jahrzehnte später mühsam selbst beigebracht. Deshalb lässt er all die Briefe und E-Mails, die er durch die Republik schickt, von einem Bekannten tippen.

In den Schreiben und inzwischen zwei Büchern hat er allen, die es wissen sollten, seine Geschichte erzählt und seinen Standpunkt erklärt. Er ist sicher: Fast sechs Jahrzehnte nach seiner Heimkarriere, die schon als Kleinkind begann, braucht er keine Therapie. Das Einzige, was ihm eine gewisse Genugtuung verschaffen kann, ist Geld. Damit die Jahre, die ihm noch bleiben besser werden, als die Jahrzehnte davor.

Zwar hat Focke im Ringen auch um die finanzielle Anerkennung des unter staatlicher und kirchlicher Obhut erlittenen, aber strafrechtlich längst verjährten Unrechts für sich und andere Heimkinder schon diverse Etappensiege erzielt. Aber je länger sein Kampf dauert, desto zorniger wird er. Heute verletzt ihn zwar niemand mehr körperlich. Und doch wird er das Gefühl nicht los, dass man nicht ehrlich mit ihm umgeht. Doch sofern irgendein Adressat seiner Briefe jemals geglaubt haben sollte, Focke mit warmen Worten kaltstellen zu können, dann dürfte er einem Trugschluss unterlegen sein. Denn als Rentner ist der 67-Jährige ebenso unbeugsam wie damals im Heim, als er das Ausgeliefertsein so schwer ertrug. „Ich werde denen nie verzeihen können“, sagt er. „Ich werde darunter leiden, bis ich ins Loch springe.“

Die Repräsentanten der Kirche seien zwar nicht dieselben wie etwa der Heimleiter, der sich am liebsten in der Dusche an ihm verging, oder wie Schwester Gertrud und all die anderen, die ihren Erziehungsauftrag wohl darin verstanden, ihre „Zöglinge“ zu brechen.

„Die Kirchen haben zwar eingestanden, dass sie uns Böses angetan haben. Aber die Leute, die heute am Drücker sind, tun alles, um möglichst billig aus dieser Sache ‘rauszukommen“, glaubt Focke. „Wenn sie sagen, sie wollen aufarbeiten, dann zeigen sie mir doch immer wieder, dass sie uns gar nicht für voll nehmen.“

Dass an den diversen Runden Tischen, in Beiräten, Lenkungsausschüssen und Clearingstellen mehr über die Heimkinder geredet wurde als mit ihnen, enttäuscht nicht nur Focke. Er sagt: „Ich glaube an Gott, aber nicht an die Kirche.“

Weil er deren Oberen immer wieder in den Ohren liegt, will er schon vor einiger Zeit erfahren haben, dass die Lippische und die Westfälische Kirche den Heimkindern in Anerkennung ihres durch sexuelle Übergriffe entstandenen Leids pauschal 5000 Euro zu zahlen bereit seien – egal, wie lange und wie vielen Übergriffen sie ausgesetzt waren.

Das will Andreas Duderstedt so jedoch nicht bestätigen. „Ende November werden wir mit dieser Frage an die Öffentlichkeit gehen“, sagt der Kirchen-Pressesprecher am Montag auf PN-Anfrage. Dann dürfte wohl auch eine neue Anlaufstelle für Missbrauchsopfer in Münster ihre Arbeit aufnehmen. Das hatte die Kirche allerdings schon Anfang August für die „nächsten Wochen“ angekündigt. „Das ist ein insgesamt recht komplexer Vorgang“, sagt Duderstedt. Denn hier seien sowohl zwei Gliederkirchen als auch die Diakonie und das Diakonische Werk involviert.

Bei der hannoverschen Landeskirche hat man solche organisatorischen Hürden längst überwunden. Dort werden die Opfern strafrechtlich verjährter sexueller Übergriffe in kirchlichen Einrichtungen seit Monaten mit Summen entschädigt, die sich an der Rechtsordnung orientieren – ganz so, wie es die EKD empfohlen hat.

Wer aus erster Hand mehr über Wolfgang Fockes Schicksal und seine Odyssee durch die Instanzen erfahren will: Heute um 19.30 Uhr findet unter dem Titel „Die Situation von Heimkindern und Jugendlichen in Einrichtungen der Kirchen und des Staates im Nachkriegsdeutschland“ ein Vortrags- und Gesprächsabend mit dem Heimkinder-Aktivisten im Wichernhaus statt. „Ein brisantes und sehr wichtiges Thema“, sagt Pfarrer Holger-Nolte-Guenther. Am Mittwochabend ist Focke dann live im WDR-Fernsehen zu Gast.



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