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Der Wald als Sammelfläche unterschiedlichster Nutzeransprüche

Sehnsuchtsort als Schlachtfeld?

Bad Pyrmont / Lügde. Wenn er nicht gerade umzäunt oder besonders geschützt ist, dann ist der Wald für alle da. Eigentlich. Doch: So verschieden die Menschen sind, so weit driften ihre Ansprüche an den Aufenthalt im Wald auseinander: Wanderer und erst recht Pilger streben nach Kontemplation. Mit leisem Vogelzwitschern als Geräuschkulisse. Andere wieder zieht‘s zum Joggen an die frische Luft. Und wer auf dem Mountainbike durchs Grüne brettert, der sucht den Kick.

veröffentlicht am 11.05.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 17:58 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Wenn sie nach ein paar Stunden auf Tour ausgepowert und bematscht vom Sattel steigen, sind nach Erlebnisdichte lechzende MTB-Fahrer glücklich. Ist der Kampf gegen sich und die Elemente ausgefochten, dann frohlockt das Kind im Manne. Ein paar Frauen ergeht das wohl auch so. Aber sie sind unter den Mountainbikern in der Minderheit.

Doch wie passt das stille Glück der Fußgänger zur tempobetonten Erfüllung der Adrenalin-Junkies? Das Zauberwort heißt, ganz banal und manchmal doch so schwierig: Rücksicht. Um die scheint es in den Forsten rund um den Pyrmonter und Lügder Talkessel allerdings ganz gut bestellt. „Wir leben hier in einer gewissen Glücksseligkeit“, sagt Detlef Briese. Der drahtige Freizeitsportler erlebt den Wald in gleich mehreren Rollen: als Läufer, Mountainbiker und als Wanderer. Nennenswerte Probleme zwischen den unterschiedlichen Nutzergruppen sieht der 56-Jährige nicht. In seinem Job als Polizeibeamter bekäme er wohl mit, wenn es handfesten Ärger gäbe. Aber das letzte eskalierte Wortgefecht im Wald, von dem er erfuhr, liege schon Jahre zurück, sagt er. Und die Zahl derer, die durch ihre rabiate Fahrweise andere Waldnutzer nerven oder gar gefährden, schätzt Brise „im Promillebereich“.

Klar: Dass Menschen sich in Kenntnis der Bedürfnisse und Befindlichkeiten anderer Leute angemessen zu benehmen wissen, ist auch im Straßenverkehr nicht immer üblich. Denn warum sonst laufen manche Fußgänger einfach blindlings über die Fahrbahn?! Warum heizen Radler als Rentnerschreck durch Fußgängerzonen?! Warum nötigen rabiate Autofahrer andere zur Vollbremsung?“ Von den Schwimmern, die im öffentlichen Pool ihre Bahn gepachtet zu haben glauben ganz zu schweigen.

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Dabei wäre alles so einfach, wenn jeder sein Verhalten an den Erfahrungen orientierte, die er aus der einen Situation in die andere überträgt.

„Manche Leute sind eben verbissen“, versucht Margret Reese das urmenschliche Beharren der stolzen Silberrücken zu erklären. Die 71-Jährige ist seit 40 Jahren als Wanderführerin mehrmals pro Woche in den heimischen Wäldern unterwegs. „Die Leute sind dann am Plaudern und haben wie ein Brett vorm Kopf“, sagt sie über Spaziergänger, die auch angesichts entgegenkommender Radfahrer nicht ein Stückchen zur Seite weichen.

Und noch etwas beobachten Margret Reese wie Detlef Briese regelmäßig: Hundehalter, die ihre Vierbeiner frei laufen lassen, „oder an der ganz langen Leine quer über den Weg“, sagt der Mountainbiker und gibt zu: „Dann ärgert man sich schon.“

Allerdings fährt oder geht er im Begegnungsverkehr nicht auf Konfrontation. Er setzt auf vorbeugende Deeskalation: „Ich bremse ab oder bleibe stehen, mache Platz und grüße freundlich. Dann grüßt auch das Gegenüber freundlich.“

Aber Briese kennt auch ein No-Go, mit dem Wanderer den Radfahrern zusetzen: „Sie versuchen, schnell noch auf die andere Seite zu laufen, zu ihrer Frau oder ihrem Mann.“

Mit dem Wandern hat Briese, nach zweieinhalb Jahrzehnten auf dem Mountainbike, erst vor ein paar Jahren angefangen. „Die Entdeckung der Langsamkeit“, sagt er. Dazu zieht es ihn allerdings eher ins Elb-Sandsteingebirge oder in Südtirol. „Hier kenne ich ja schon jeden Baumstumpf.“ Allerdings findet er auch: Und Wald-Fan Briese ergänzt: „Für eine so schöne Gegend wie unsere wird anderswo Eintritt genommen.“

Seine Wanderziele hat sich Briese allerdings zunächst auf dem Rad erschlossen – und irgendwann beschlossen: „Das ist so schön, das möchte ich zu Fuß entdecken.“ Denn nur so sehe er Dinge, an denen er mit dem Rad vorbeigefahren wäre.

Apropos Langsamkeit: Laut Briese sollten Mountainbiker in Wanderer-Nähe „auf jeden Fall die Geschwindigkeit reduzieren und nicht von hinten bis auf 20 Zentimeter ranfahren“. Solche Regeln würden in seinem Bekanntenkreis auch gelebt, versichert der Pyrmonter.

Insgesamt finden sowohl er als auch Margret Reese, dass in den hiesigen Wäldern Friede herrscht. Ein möglicher Grund: Die Zahl der Mountainbiker hält sich im Raum Bad Pyrmont und Lügde mit rund drei Dutzend in Grenzen.

Offizielle Trails finden sich in den Pyrmonter Wäldern denn auch nicht. Aber wie Forstamtsleiter Uwe Schenkemeyer erklärt, vertreibt hier auch niemand die MTB-Fahrer aus dem Wald. Er findet sie denn auch „nicht besonders auffällig“.

Von einer derart friedlichen Koexistenz können die Menschen etwa im Naturpark Hochtaunus bei Frankfurt nur träumen: Dorthin zieht es im Durchschnitt etwa 49 000 Besucher. Täglich. Der Knatsch zwischen den unterschiedlichen Nutzergruppen ließ Hessens Landesregierung vor ein paar Jahren sogar ein Fahrverbot in Erwägung ziehen – ohne Gespür für das veränderte Freizeitverhalten, wie damals die Mountainbiker monierten.

Und, klar: Je weiter es in Richtung hannoversches Flachland geht, desto mehr Großstädter bevölkern die grünen Oasen. Im Deister etwa treffen deutlich mehr Wald-Fans mit sehr unterschiedlichen Präferenzen aufeinander. Und je schmaler und belebter die Wege, desto eher droht Zoff im Naturidyll.



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