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Wie Lügdes Kunden und eine Schlecker-Frau mit der Hiobsbotschaft umgehen

Schluss mit der falschen Hoffnung

Lügde. „Brauchste was, dann geh’ schnell nach Schlecker. Die haben auch Kaffee und Kekse.“ So beschreibt ein Stammkunde den Wert der Drogeriemarkt-Filiale an Lügdes Mittlerer Straße für viele Einwohner. Mit seiner graubeige gefliesten 60er-Jahre-Front sieht das zentral gelegene kleine Geschäft von außen zwar wenig einladend aus. Und doch ist es für viele Menschen in der Kernstadt ein wichtiger Anlaufpunkt. „Die Pampers in Größe 6 gibt‘s nur hier“, sagt eine Mutter mit Windelpaket in der einen und ihrer zweijährigen Tochter an der anderen Hand. Ein anderer fragt ratlos: „Wo soll ich jetzt meine Fotos entwickeln lassen?“

veröffentlicht am 02.06.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 18.01.2017 um 09:22 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Wie er so sind auch andere Kunden schockiert, als sie erfahren, dass die Schlecker-Gläubiger die Zerschlagung des Pleite-Konzerns besiegelt haben. Anders als Mitte März werden nun nicht mehr nur die unprofitablen Läden geschlossen, sondern alle – und damit auch der Lügder, der sich in weitem Umkreis als letzter gehalten hatte.

„Wir haben noch immer gehofft“, sagt drinnen die Verkäuferin Andrea Fuhrmann. Dass nun auch sie und die verbliebenen Kolleginnen zum Monatsende ihre Kündigung bekommen werden, hat sie schon erfahren. „Da kam vorhin ein Fax, aber das habe ich nur überflogen“, gibt die deutlich jünger wirkende 53-Jährige mit dem blonden Fransenschnitt zu. Seit der Schließung ihrer früheren Filiale in der Hamelner Erichstraße pendelt sie zweimal wöchentlich nach Lügde. „Aber jetzt muss ich mir was Neues suchen.“

Muße, die Hiobsbotschaft aus Ehingen sacken zu lassen, findet sie nicht. Denn sie ist allein im Laden, muss die Sonderangebote platzieren, kassieren und immer wieder auch vor allem älteren Kunden helfen. So kann ein 85 Jahre alter Kunde die Scheuermilch nicht finden, und eine Frau will wissen, ob nochmal Ware kommt. Sie ist um kurz vor 17 Uhr die Erste, von der Andrea Fuhrmann auf das am Mittag besiegelte Schlecker-Aus angesprochen wird. „Ich nehme sonst nämlich immer das rosa Haarspray“, erklärt die Kundin, während sie diesmal drei weiße Fläschchen vor der Kasse abstellt. „Wirklich schlimm, vor allem für die Schlacker-Frauen“ findet sie die verkündete Schließung und verlässt mit ihrem ersten Hamsterkauf das Geschäft.

Derweil stehen zwei jugendliche Skater suchend vor dem Saftregal. Als sie ihren süßen Eistee nicht finden, streben sie mit großen Schritten zum Ausgang. Andrea Fuhrmann ruft ihnen ein fröhlich klingendes „Wiedersehen“ hinterher.

Dass die Zukunftsangst sie zuletzt manche Nacht nicht richtig schlafen ließ, sieht man ihr nicht an. Aber in einer ruhigen Minute gesteht sie: „Ich bin richtig von der Rolle. Ich habe eigentlich so viel zu tun. Aber ich weiß gar nicht, wie ich das heute schaffen soll.“

Was sie ärgert: „Schlecker ist der Entwicklung zehn Jahre hinterhergehinkt.“ Und es fiel ihr in letzter Zeit zunehmend schwer, die Kunden zu vertrösten, die auf bestimmte Produkte warteten. „Wir wussten ja selber nichts.“ Aber jetzt ist immerhin die Zeit der falschen Hoffnungen vorbei..

Die Hamelnerin war – dem schlechten Image zum Trotz – zwölf Jahre lang gern bei Schlecker. „Als ich anfing, haben die schon Tarif gezahlt“, sagt sie. „Es war eigentlich ein schönes Arbeiten. Unser Team war wunderbar und die Kunden lieb und nett. Was „da oben“ an der Firmenspitze gelaufen sie, „haben wir ja nicht so gemerkt“.

Was sie künftig machen will, weiß Andrea Fuhrmann noch nicht. So dürfte es mancher der zuletzt republikreit 13 200 Schlecker-Frauen gehen. Nach ähnlich familienfreundlichen Arbeitszeiten werden sie anderswo eine Weile suchen müssen.

Der künftige Leerstand ist auch aus Sicht des Stadtentwicklers „sehr bedauerlich“, wie Bauamtsleiter Günter Loges sagt. Doch er ist zuversichtlich, dass das Erdgeschoss der 1798 erbauten ehemaligen Zehntscheune nicht lange verwaist bleiben muss.

Mit Blick auf die gerade begonnene Neupflasterung der Straße sagt er: „Wir werden alles tun, um die Stadt für den Einzelhandel wieder attraktiv zu machen.“

Erst seit Anfang April arbeitet Andrea Fuhrmann in der Lügder Schlecker-Filiale. Jetzt wird die 53-Jährige, nach der Schließung ihres Ladens in Hameln, ihren zweiten Ausverkauf mit organisieren müssen. Fotos: jl



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