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Teil 2: Zwischen ländlichem Leben und herrschaftlichem Bestreben

Pyrmont dreht das große Rad

Die Salbücher aus dem 17. Jahrhundert sind aufschlussreiche Grund- und Katasterwerke der Grafschaft Pyrmont. Allerdings: Bei ihren Angaben waren die Bauern ungenau. Teil 2 unserer Darstellung zur Geschichte des Kurortes unter Graf Georg Friedrich von Waldeck

veröffentlicht am 09.02.2019 um 10:42 Uhr

In den Pyrmonter Bergdörfer taten sich die Bauern zusammen, um eine Mühle zu errichten. Sie wurde verpachtet, der Pachtzins ging an die Investoren. Das Foto wurde um das Jahr 1920 aufgenommen. Foto: Archiv Pyrmonter Bergdörfer

Autor:

Wolfgang Warnecke
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Wie Heinrich Jonas in seinen Beiträgen zu den Pyrmonter Salbüchern schildert, teilten die Bauern der Grafschaft die Anzahl der geackerten Flächen dem Amtmann Henrich Ortgies zwar korrekt mit, aber die Morgenzahlen gaben sie durchgehend falsch an. Ursache dafür sei, dass die Bauern von über Generationen mündlich überlieferten Werten ausgingen. Dieser Umstand wurde Kammerrat David Waldschmidt bei der Kanzleiprüfung schnell klar. So veranlasste er eine Landvermessung, um die Steuern gerecht berechnen zu können. 1695 entstanden Flurkarten mit großer Genauigkeit von allen Dörfern der Pyrmonter Grafschaft. Sie werden heute im Hessischen Staatsarchiv in Marburg aufbewahrt. Allerdings wurden sie damals von der Herrschaft nicht berücksichtigt, um die Steuerungerechtigkeit zu beheben.

Ortgies war verantwortlich für die Sicherung und Förderung aller herrschaftlichen Rechte und Ansprüche, die Abhaltung der Landgerichtstage, die Beaufsichtigung der Kirchen-, Land- und Forstordnung sowie die Kontrolle über die Garnison auf dem Schloss Pyrmont. Besonders intensiv bemühte sich der Amtmann um die Ordnung und Beschreibung der Landgrenze. Zahlreiche Protokolle von Gerichtsverhandlungen, Streitsachen und Schlichtungen sind von ihm aus dieser Zeit überliefert. In den Jahren 1669/70 ließ Ortgies „auf einer freien Stätte vor dem Dorff Östorff“ ein neues Amtshaus errichten. Im Salbuch des Dorfes Oesdorf wird das noch ganz im Stil eines bäuerlichen Niedersachsenhauses gestaltete Gebäude, das sich in der später entstandenen Brunnenstraße Nr. 17 am Anfang zur kleinen Lauengasse befand, beschrieben. Es biete Küche, Scheune, Stall und Garten. Das Gebäude wurde 1977 abgerissen.

Graf Georg Friedrich gewährte seinen beiden hohen Bediensteten, die zu den herausragenden Pyrmonter Persönlichkeiten des 17. Jahrhunderts zählten, großzügige wirtschaftliche Vergünstigungen und Freiheiten. Amtsschreiber Bernhard Judenhertzog, 1630 in Schwalenberg geboren, übernahm kurz vor Michaelis 1660 die Aufgabe als Amtsschreiber in Pyrmont. Er verdreifachte ganz im Sinne der Verwaltungsreformen des Grafen Georg Friedrich in kurzer Zeit die Aufzeichnungen in den Amtsrechnungen, wie Historiker Dr. Hermann Engel in seinem Beitrag „Die Pyrmonter Amtsrechnungen“ herausstellt. Zudem hatte er die Kontrolle über alle gräflichen Finanz- und Naturaleinnahmen sowie -ausgaben. Der von Haus aus vermögende Bernhard Judenhertzog erwarb von Graf Georg Friedrich in Oesdorf das Grundstück mit einem baufälligen Haus des Amtsvorgängers für die damals enorme Summe von 500 Talern und verpflichtete sich, ein neues anspruchsvolles und auf den Kurbetrieb ausgelegtes städtisches Patrizierhauses zu errichten. Als Gegenleistung erhielt Judenhertzog, der mit Margarethe Elisabeth Dreckmeyer aus Detmold verheiratet war, für seinen neuen Grundbesitz die Steuerfreiheit von herrschaftlicher Seite, zudem wurde er von den üblichen bäuerlichen Abgabeleistungen und Dienstpflichten entbunden. Das Haus wird an der Hauptfassade gegenüber der Oesdorfer St.-Petri-Kirche durch ein Zwerchhaus an der Traufseite, einem hölzernen rustikalen Balkon und einem dekorativen reichen Schnitzwerk am Eichengebälk geprägt. Das Oesdorfer Amts- und Logierhaus, „zur Zierde der Dorfschaft Oesdorf und Bequemlichkeit der zu den Pyrmontischen Sauerbrunnen ankommenden Gäste“ erbaut, diente als Vorbild für den Ausbau der Neustadt Pyrmont mit großzügigen Hotels und Pensionshäusern. 1852 ging es als „Haus Bethesda“ in den Besitz der gleichnamigen Stiftung, die sich um Kranke, Obdachlose und Bedürftige kümmert.

Das Logierhaus von Bernhard Judenhertzog hatte ab 1670 Vorbildcharakter im Kurort Pyrmont. 1681 wohnte dort Königin Sophie Amalie von Dänemark, geboren als Prinzessin von Braunschweig-Calenberg. 1852 übernahm die Anstalt Bethesda das Anwesen. Foto: Museum

Am 8. Juni 1694 wurden die Bewohner der „oberen Grafschaft Pyrmont“ vollständig von ihrem „Mühlen- und Mahlzwang“ zur Dringenauer Mühle befreit. In einer Urkunde des Grafen Christian Ludwig von Waldeck – er lebte von 1635 bis 1706 und war der Nachfolger Georg Friedrichs – wurde ihnen bestätigt, eine Windmühle auf eigene Kosten zu erbauen und sie gemeinschaftlich zu betreiben. Seitens der gräflichen Herrschaft wurde den Bauern in dieser Zeit noch angeordnet, in welcher Mühle sie das Korn zu mahlen hatten. Dadurch wurden die landeseigenen Mühlen vor Konkurrenz aus dem „Ausland“ geschützt, und die erwirtschafteten steuerlichen Einnahmen und Erträge konnten kontrolliert und effizient direkt in die gräfliche Kasse fließen.

Vorausgegangen war ein langer Streit mit dem Müller in der Dringenau, dem die Bauern der Bergdörfer zusammen mit ihrem Neersener Pastor Franz Ramm vorwarfen, für das gelieferte Korn zu wenig Mehl oder Schrot abzugeben. Allerdings blieben sie für diesen Vorwurf den Beweis schuldig und wurden daraufhin zu einer enorm hohen Geldstrafe von 50 Reichstalern, etwa dem Kaufpreis von zweieinhalb Morgen Land, verurteilt. Die den fünf Berggemeinden gemeinschaftlich gehörende Windmühle wurde verpachtet. Die Pachterträge wurden prozentual ausgezahlt – „nicht an alle Gemeindebewohner, sondern nur an diejenigen, welche die Mühle früher gebaut haben“. Später verwendete man die Windmühlenpacht und den Mühlenzins zur Unterhaltung von Kirche und Pfarrhaus des Kirchspiels Neersen.



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