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Gudrun Rathke wandert samt Kiepe und Märchen im Gepäck

„Oasen im turbulenten Alltag“

LÜGDE. DAs 200-jährige Jubiläum der Grimmschen Sagen führt die Erzählerin rund um den Köterberg, nach Lügde und Elbrinxen. Die Themen, die sie in ihrer Kiepe dabei hat, sind für sie noch heute aktuell. Geschichten, sagt sie, „schaffen Oasen im turbulenten Alltag“.

veröffentlicht am 08.08.2018 um 18:07 Uhr
aktualisiert am 08.08.2018 um 20:20 Uhr

Nur im kleinen Kreis ging es in Lügde statt auf Märchenwanderung nach Elbrinxen auf einen märchenhaften Spaziergang zur Kilianskirche. foto: sbr
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Autor

Sabine Brakhan Reporterin
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„Geschichten schaffen Oasen im turbulenten Alltag“, sagt Gudrun Rathke, die freie Erzählerin aus Frankfurt. Oasen verbindet man in erster Linie mit sengender Hitze, staubigen Wüsten und Märchen aus 1001 Nacht, womit wir auch schon mitten im Thema wären: Das Thermometer hatte die 40 Grad-Marke fast erreicht, der Weg sollte durch die staubtrockene Ackerlandschaften führen und die Märchenerzählungen, die die Wanderer unterwegs zu hören bekommen sollten, waren heimischen, aber auch internationalen Ursprungs.

Beste Voraussetzungen in diesem Supersommer also für die Märchenwanderung von Lügde nach Elbrinxen, eine Premiere im Zuge des 200. Jubiläums der Grimmschen Sagensammlung in der Köterbergregion, die sich erst vor kurzem dem Verein „Deutsche Märchenstraße“ angeschlossen hat – oder vielleicht doch nicht?

Die freie Erzählerin erkennt man auf den ersten Blick: Sie trägt statt eines Rucksacks – der sicher auf den Wanderungen für ihren Rücken besser wäre, wie sie sagt – eine Kiepe bei sich. „Die habe ich vor fünf Jahren auf einem Kunsthandwerkermarkt im Frankfurter Hessenpark gesehen und spontan entschieden: Das ist meine! Sie wurde vom letzten hessische Korbflechtermeister Horst Pfetzing gearbeitet. Allerdings war die Kiepe ursprünglich mit wenig bequemen Hanfgurten versehen. Nach einem Jahr Gebrauch habe ich dann einem Lederkürschner den Auftrag für das Rückenpolster und ein Gurtsystem erteilt. Diese Maßanfertigung ist zwar immer noch nicht die perfekte Lösung, aber immerhin deutlich besser als die Hanfgurte“, erzählt Gudrun Rathke.

Angesichts des großen Flechtkorbs auf ihrem Rücken ist natürlich die Neugierde geweckt: Was schleppt eine Geschichtenerzählerin auf ihren Touren so durch die Natur? „Bei diesem Wetter natürlich vor allem eine große Flasche Wasser und meine Wanderkarte“, berichtet die 53-Jährige. Denn ihre Wanderungen sind für sie stets eine Expedition in unbekannte Gefilde, weil fürs Vorwandern der Wahlhessenerin einfach die Zeit fehlt, wie sie eingesteht.

Und in diesem Zusammenhang fällt ihr auch gleich die Geschichte einer kuriosen Begegnung ein: „Für gewöhnlich sind die Menschen einer Frau mit Kiepe immer freundlich zugewandt. Allerdings gab es eine Ausnahme: Als ich auf einer meiner Wanderungen im Wald offenbar dem falschen Weg gefolgt war und nicht so recht wusste, wo ich mich gerade genau befand, freute ich mich umso mehr, als ich ein Auto am Waldrand entdeckte. Als ich auf dessen Fahrer zuging und ihn ansprach, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als vor der Kiepenfrau zu flüchten“, berichtet sie mit einem gewinnenden Lächeln, während sie weiter den Inhalt der Kiepe hervorkramt.

Zum Vorschein kommen unter anderem eine Handspindel samt ungesponnene Schafwolle sowie ein kleiner Kupferkessel im Puppenküchenformat, ein Kästchen mit einer Minigeige darin, alte Spitzenbrauthandschuhe und ein Spielzeugesel. Nach der kleinen gelben Keramikente aus ihren Kindertagen sucht sie in den Tiefen ihrer Kiepe vergeblich. „Hoffentlich habe ich die nur zuhause vergessen“, zieht eine kleine dunkle Wolke über ihr ansonsten sonniges Gemüt, während sie die vielen kleinen Utensilien, die sie bei ihren Märchenerzählungen unterstützend einsetzt, wieder sorgfältig in bunte Baumwollsäckchen verstaut und zurück in die Kiepe legt.

Und dann startet die nächste Etappe der Erzählwanderung entlang der Deutschen Märchenstraße, rund um den sagenumwobenen Köterberg, etwas abgespeckt als märchenhafter Spaziergang nur bis zur Kilianskirche, der Hitze geschuldet. Und was hat die Köterbergregion für Märchen, Sagen und Geschichten zu bieten? Die regional wohl berühmteste, die Geschichte vom eingeschlossenen Hermann auf der Herlingsburg oberhalb von Lügde, hat Gudrun Rathke schon am Vortag zweimal am Schiederstausee erzählt, wie die gelernte Buchhändlerin mit Germanistik- und Skandinavistik-Studium berichtet.

Aus diesem Grund erzählt sie am Emmerufer aus Lügdes ganz dunklen Tagen, während die Pest in der Region wütete und die Totengräber gegen ihre Verzweifelung ein Feuer entzündeten, das wiederum einem verirrten Ritter den Weg wies. Auf dem Weg zur Kilianskirche kommt die Erzählerin natürlich nicht an der Geschichte der drei feurigen Rosen vorbei. Und da vor der Kilianskirche das Grabkreuz des letzten Scharfrichters aus Lügde, des Scharfrichters Bröker, steht, ist das wie ein Fingerzeig zum Krähenbrink, wo einst Lügdes Galgen stand.

Den Schatten der sagenumwobenen Hudeeiche erreicht die kleine Wandergruppe nicht mehr, also berichtet Gudrun Rathke von der magischen Kraft der Springwurz und wie man laut Anleitung der Gebrüder Grimm durch eine List in ihren Besitz kommt auf dem schattigen Kirchhof. Zum Abschluss gibt es noch ein chinesisches Storchen-Märchen, das wunderbar unter die beeindruckende Elbrinxener Wittekindslinde gepasst hätte. Im Schatten der beeindruckenden Kilianskirche hat es nicht weniger fasziniert. Hier erzählt Gudrun Rathke auch, dass sie ihr Erzähltalent an der Akademie Remscheid für Kulturelle Bildung zum Beruf weiterentwickelte und nun als Freiberuflerin ausübt.



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