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Eine Ziegenbank erinnert an eine jahrelange Tradition / Zeitzeugen erzählen von ihrem Leben mit den Tieren

Nach der Schule ging’s hinaus zum Hüten

Hummersen. In Sachen Ziegen ist das kleine Bergdorf Hummersen seinem Hauptort Lügde um eine Hornlänge voraus. In Hummersen steht nun zwar kein „Ziegenbrunnen“, doch eine „Ziegenbank“ – und die hat ihre ganz eigene Geschichte.

veröffentlicht am 17.09.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 02:21 Uhr

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Autor:

von Rudi Rudolph
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Bis 1936 nämlich wurde die „Milchkuh des Kleinen Mannes“ einmal im Jahr über den Berg nach Niese zum Decken geführt, und auch die Nieser kamen zum selben Zweck mit ihrem Vieh nach Hummersen. Das vermied die Inzucht innerhalb des eigenen Bestandes. Der jahrhundertealte Weg über die Ziegenau besteht noch heute und ist inzwischen Bestandteil der von Hummersen ausgehenden Nordic Walking-Strecke. Für Heinz-Friedrich Müller, der schon in der Vergangenheit rund um das Dorf auf eigene Kosten und mit viel eigener Arbeit verschiedene Bänke aufbaute, ein willkommener Anlass, am Ziegenweg eine komfortable Klappbank mit eingefrästem Schriftzug „Up’n Ziegenöwe“ an markanter Stelle – der Ziegenau – aufzustellen.

Müller war über den Ortsvorsteher Helmut Pollmann auf das Kassenbuch von Wilhelm Marx, dem letzten Vorsitzenden des 1936 gegründeten Ziegenzuchtvereins, gestoßen und hatte erstaunliche Entdeckungen gemacht: Bei der Gründung des Vereins gab es 29 Mitglieder, die einen Jahresbeitrag von 1,20 Reichsmark abführen mussten. Bis 1948 wuchs der Verein auf 46 Ziegenhalter und stellte 94 Deckscheine über je zwei Reichsmark aus. Wer sich damals keine Kuh leisten konnte – denn die brauchte zum Unterhalt Weideland – hielt eine oder mehrere Ziegen. Die lieferten ebenfalls die Milch, aus der Butter und Käse hergestellt wurde. In den Jahren 1947 bis 1950 wurde der Höhepunkt der Ziegenhaltung erreicht, es gab im Ort an die 100 Muttertiere, dazu eine Anzahl Zicklein und ein paar Böcke. Auf dem Weg nach Niese, der damals ein Haupthandelsweg war, hielten die Ziegen die Seitenränder und Gräben sauber. Für eine Gebühr von 50 Pfennig pro 100 Meter Grabenlänge durften sie dort weiden. „Damals erhielt der Kreis noch Geld für diese Pflege,“ sagt Müller, „heute muss er dafür selbst Geld in die Hand nehmen.“

Hartmut Marx erinnert sich noch an seine Schulzeit: Noch Anfang der 60er Jahre ging es für ihn nach der Schule hinaus zum Ziegenhüten. „Wenn die Ziegen den Ziegenweg entlanggeführt wurden, gab es an der Unterführung an der Köterbergstraße immer Probleme“, erzählt Müller. „Sie weigerten sich, in das Dunkel der Unterführung zu gehen und mussten mit sanfter Gewalt erst überzeugt werden.“

Sie lebten mit den Ziegen (von links): Hartmut Marx, Frieda Pahmeier, Auguste Pollmann und Thekla Klinge. Dahinter Initiator und „Banker“ Heinz-Friedrich Müller. Unten: Der Schriftzug erinnert an eine andere Zeit.

Frieda Pahmeier wie auch Auguste Pollmann, beide inzwischen Mitte 90, haben die Ziegenhaltung noch in der eigenen Familie erlebt. Auch Thekla Klinge erinnert sich an die Zeit nach dem Krieg, als die Ziegen halfen, die Familien über Wasser zu halten. Allerdings habe sie sich immer geschämt, wenn sie auf die Frage der Soldaten, wohin sie gehe, antworten musste: „Nach’m Bocke!“ Im Kassenbuch des Ziegenzuchtvereins sind in akribischer Handschrift säuberlich alle Ereignisse aus der damaligen Zucht dokumentiert: Wie viele Ziegen ein Haushalt besaß, die Kosten fürs Decken und auch die Aufwendungen für den Tierarzt. Manchmal wies der Kassenbestand ein Plus von 93 Pfennigen auf. Doch Ende der 60er Jahre verschwand die Ziegenhaltung aus Hummersen.

Alle Informationen rund um die Ziegen hat Müller auf einer Tafel verewigt, die jetzt auf einem Gedenkstein neben der Bank befestigt ist.



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