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Neu: Chronik über Neu-Falkenhagen

Mit Wäscheklammern fing alles an

FALKENHAGEN. Falls Irgendjemand glaubt, die Globalisierung und ihre Folgen seien etwas Neues – ein Blick in die frisch gedruckte Falkenhagener Chronik zeigt: Der Aufstieg und Niedergang der „Gebr. Oldemeier GmbH“ war geprägt von internationalem Handel, aber auch dem Einfluss der ganz großen Politik.

veröffentlicht am 21.08.2017 um 22:55 Uhr

Willy Gerking (vorn) hat die Chronik „Falkenhagen – das neue Dorf am Klosterberg“ geschrieben. Bernd Waltemode (hinten) will das Buch am kommenden Sonntag um 16 Uhr beim Schützenfest präsentieren. Foto: jl
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Fest steht: Ohne den einst renommierten Hersteller von Buchenholz-Wäscheklammern und hochwertigen Toilettensitzen wäre das Dorf nach dem Zweiten Weltkrieg wohl nie entstanden.

Anfang der 1970er Jahre, auf dem Höhepunkt ihres Erfolges, hatte die 1944 von Spenge nach Falkenhagen verlegte Firma Oldemeier, die aus den bei der Wäscheklammer-Produktion anfallenden Buchenholz-Sägespänen hochwertige Toilettensitze presste, mehr als 200 Mitarbeiter. 1972 setzte die Holzwarenfabrik mehr als 9 Millionen D-Mark um. Doch schon wenige Jahre später ging es bergab: Ausländische Billiganbieter und hier vor allem Plastik-Klobrillen- und Deckel aus Italien machten den Falkenhagenern das Leben schwer. Die auf den Export in die Vereinigten Staaten ausgerichtete Wäscheklammer-Produktion lief zunächst noch hervorragend – bis die USA 1979 eine Einfuhrsperre für Klammern verhängten. Der Dollar-Verfall in den 1980er Jahren gab dann auch diesem Unternehmenszweig den Rest.

Einzig das Label „Olfa“ für WC-Sitze hat überlebt. Denn 1991 verkauften die Oldemeier-Gesellschafter ihre Mehrheitsanteile an ein französisches Unternehmen. Auf ihrer Internetseite reklamieren die heutigen Macher „50 Jahre Erfahrung im Herzen der französischen Ardennen“ für sich. Dass der Markenname die beiden Worte Oldemeier und Falkenhagen abkürzt, ist dort freilich nicht zu lesen. Das erfahren die Leser jedoch in der von Willy Gerking verfassten Chronik.

„Sie sollte eigentlich schon vor 20 Jahren fertig werden“, erzählt Bernd Waltmode, der das Projekt nach dem ersten im Sande verlaufenen Anlauf jetzt maßgeblich auf den Weg gebracht und diverse Sponsoren zur Finanzierung des 216-Seiten-Buches aufgetan hat.

Einige Zeit nach dem Tod des ursprünglich als Autor vorgesehenen Reinhard Oldemeier im April 2016 fragte Waltemode bei Willy Gerking an, der schon mehr als ein Dutzend Chroniken geschrieben hat. Der Nieser legte dann bald los: „Im Sommer habe ich angefangen, und im Frühjahr 2017 war ich fertig“, sagt der 70-Jährige. Falkenhagen ist ihm ohnehin vertraut. 1997 hatte er aus Anlass des 750-jährigen Bestehens des ehemaligen Klosters Falkenhagen, dessen Chronik vorgelegt. „Ganz so viel recherchieren musste ich diesmal nicht“, sagt er schmunzelnd. Obendrein kennt er den Ort und die Firma Oldemeier von kleinauf: „Mein Vater arbeitete hier. Da bin ich schon als Junge durch die Räume geschlichen.“

Was Gerking und auch den ehemaligen Ortsbürgermeister Waltemode motiviert: „Die Dorfgeschichte muss erlebbar bleiben.“ Warum sollte jemand, der heute das Haus seiner Eltern übernimmt, nicht wissen, dass die Grundstücke Anfang der 50er Jahre so bemessen wurden, dass nicht nur das Haus darauf passte, sondern die Bewohner auch noch ein Schwein halten konnten?!

Bei seinen Recherchen stellt Gerking immer wieder fest: „Es muss aufgeschrieben werden, sonst ist alles weg.“ Viele Leute glaubten zwar, sie wüssten viel über ihr Dorf. „Dabei wissen sie wenig oder gar nichts“, schildert der Heimatgeschichtler seinen Eindruck.

Dass schädliche Inhaltsstoffe der Lacke in der Toilettensitz-Produktion so manchem Arbeiter gesundheitliche Probleme bescherten, steht indes nicht in der Chronik. Das bleibt weiterhin den Erinnerungen der Betroffenen und ihrer Familien vorbehalten.

Dagegen richtet Gerking den Fokus auf die Hinrichtung fünf junger Wehrmachtssoldaten durch die Amerikaner im April 1946 auf Basis von Augenzeugenberichten.

Breiten Raum nehmen die vier Vereine im Ort ein. Denn, so Bernd Waltemode: „Sie machen das Dorfleben aus.“

So erzählt Willy Gerking nicht nur von vergangenen Zeiten, als Falkenhagen einen eigenen Arzt hatte und der heutige „Klosterkrug“ Gerichtsort war. Der Autor blickt auch aufs heutige Dorf: Die mehr als 200 Arbeitsplätze in der Wäscheklammern- und Toilettensitz-Produktion sind zwar Geschichte. Doch das ehemalige Fabrikgelände bot Raum für Neues: Hier hat heute ein Chemieunternehmen seinen Sitz. Hinzu kommen eine Baufirma, ein Bausachverständiger und als Arbeitgeberin auch die Stadt Lügde mit ihrem Kindergarten. So bietet Falkenhagen immerhin 55 Jobs. Das ist für ein Dorf mit knapp 330 Einwohnern kein schlechter Schnitt. Was Bernd Waltemode freut: „Wir haben derzeit keine Leerstände.“ Manche Neubürger seien auch aufgrund der landschaftlich schönen Lage nach Falkenhagen gezogen. Sie wie auch Einheimische dürften beim Lesen in Willy Gerkings Buch allerlei erfahren, was ihnen bisher nicht bekannt war.



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