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Nachts unterwegs im Emmerauenpark

Mit Detektoren Fledermäuse aufspüren

Lügde. Die Dämmerung hat fast alles Tageslicht im Emmerauenpark verschluckt, als eine Menschengruppe sich vorsichtig Schritt für Schritt vortastet und sich dem Ufer nähert. Nur einer von ihnen kennt sich bei Dunkelheit hier bestens aus und bewegt sich sicher durchs Gelände – Matthias Füller, Diplom Biologe und Leiter der Biologischen Station Lippe.

veröffentlicht am 24.06.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 05:41 Uhr

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Autor:

von claudia guenther
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„Guck mal Mama, der Baum da drüben sieht aus wie ein Tyrannosaurus“, macht der achtjährige Jannik Müller seine Mutter aufmerksam. Doch der Junge hofft eigentlich darauf, viel kleinere Tiere zu entdecken. „Ich bin gespannt“, sagt er schon etwas müde gegen 22.30 Uhr. Mithilfe von Fledermaus-Detektoren suchen die 26 Nachtwanderer, die Tiere, die sich jetzt irgendwo am Nachthimmel auf der Jagd befinden.

„Es sind auch Abendsegler da, aber die sind ganz weit weg“, erklärt Füller anhand des Klangs der Detektoren. „Abendsegler haben einen geraden Flug aus dem sie plötzlich in den Sturzflug gehen.“

Dann zieht plötzlich ein großer Baum am gegenüberliegenden Ufer, direkt hinter der Insel des Emmerstrandes, alle Aufmerksamkeit auf sich. „Da!“, rufen mehrere der Nachtwanderer begeistert aus und zeigen mit dem Finger auf einen Baum. Ein Abendsegler erhebt sich aus dem Wipfel, fliegt um den Baum herum und schnellt auf das Gewässer zu, auf der Suche nach Nahrung. Im Schutz der Gebüsche ist viel mehr los, stellen die Teilnehmer fasziniert fest. In der zugewachsenen Uferzone, ungefähr auf Höhe des mittleren Kreisels, fliegen etliche Wasserfledermäuse nur 20 Zentimeter emsig über dem Wasser hin und her.

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„Fledermäuse schieben ihre Beute mit der Schwanzflughaut wie mit einem Kescher in den Mund“, erklärt Füller. Allerdings geschehe dies so schnell, dass es das menschliche Auge nicht wahrnehmen könne. Und „mit vollem Mund spricht man nicht“, deshalb würde während des Fressens das Ultraschall-Signal aussetzen, damit der Leckerbissen nicht wieder entwische.

Und der Experte weiß noch mehr: Die weiblichen Fledermäuse bilden Wochenstuben, in denen die Säugetiere ihre Jungen groß ziehen und einander wärmen. „Die Mitglieder der Wochenstube erkennen sich am Geruch“, erklärt er. „Die Weibchen fliegen früh aus den Quartieren zu bestimmten Jagdgründen“. Meist kehren sie nach zwei Stunden zum Säugen der Jungen ins Quartier zurück und fliegen danach ein zweites Mal aus.

Füllers Beschreibung, „die Männchen hängen alleine im Baum“, entlockt einigen Teilnehmern ein breites Grinsen, ob ähnlicher Verhaltensweisen von Mensch und Fledermaus. „Die Geschlechter leben getrennt und finden nur zu bestimmten Zeiten in sogenannten ,Schwärmquartieren‘ zueinander“– zur Begattung.

Die kleinen Zwergfledermäuse hatte die Volkshochschul-Gruppe bereits zuvor auf dem Weg von der Kilianskirche zur kleinen Emmer entdeckt. Die typische Stadt- und Dorffledermaus hat die größte Verbreitung. „Hier sind die Breitflügelfledermäuse offensichtlich noch ein bisschen schüchtern“, meint Füller unzufrieden, „sie zeigen sich uns nicht.“ Im letzten Jahr sei die in den Zapfhohlräumen alter Fachwerkhäuser lebende Fledermaus zuverlässig in der Lügder Innenstadt beobachtet worden. Auch das Braune Langohr habe im umliegenden Wald ihren Lebensraum und würde dort jagen. Sie zu entdecken sei sehr schwer, so Füller, denn „sie sind nur auf zwei Meter Entfernung zu hören, so flüstern sie.“

Froh seien die Naturfreunde indes über die wachsende Population der meisten Fledermausarten. Der verringerte Einsatz von Pflanzenschutzmitteln habe dazu geführt, dass die Tiere sich wieder vermehren konnten. Denn ihre Nahrung, die Insekten, seien heute nicht mehr so vergiftet wie noch in den 70er Jahren.

Doch, „Fledermäuse sind durch Windräder gefährdet“, erklärt Füller. „Sie gehen evolutionär davon aus, dass da oben nichts ist.“ Einige Arten würden wie Zugvögel die Orte wechseln. Wenn sie auf Jagdflug seien oder den festgelegten jahreszeitlichen Wanderrouten folgen, können sie Opfer der Rotoren werden. Deshalb sei es wichtig, vor dem Bau von Windrädern zu prüfen, ob sich dort eine Fledermaus-Route befände. Denn es gäbe kein „Feindsignal“ um die Tiere von für sie lebensgefährlichen Orten fernzuhalten.

Eine aufregende Geschichte aus Hummersen erzählt Frank Jakob, der mit Tochter Linnea (11) dem Biologen folgt. Als sein damals siebenjähriger Sohn Joshua mitten in der Nacht plötzlich nach seinen Eltern rief. Als der Vater das Zimmer betrat, saß der Junge auf seinem Hochbett. Im Lampenschein flogen mehrere Fledermäuse immer um seinen Kopf herum. „Mein Sohn fand das ganz toll“, erinnert sich Jakob an dieses Familienerlebnis.

Der Senior Walter Willeke, der mit seinem Enkel Tammo (15) an der Exkursion teilnimmt, fühlt sich indes bestätigt. „Meine Kinder haben in der Schule viel zum Unterricht in Naturkunde beigetragen, weil ich immer mit ihnen unterwegs war.“

Bei mehr Wind, weiß Matthias Füller, flögen die Fledermäuse noch tiefer und seien noch besser zu beobachten, da die Insekten dann näher am Boden zu finden sind. Doch die Teilnehmer sind zufrieden und fußmüde. Sie haben verschiedene Fledermausarten gesehen.

Gemeinsam mit Biologe und Fledermausexperte Matthias Füller (re.) ging eine Gruppe von Interessierten am späten Freitagabend im Emmerauenpark auf die Suche nach den Tieren. Ausgestattet waren sie mit speziellen Fledermaus-Detektoren. cg



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