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Bürgerbus fährt im 18. Jahr seines Bestehens auf Rekordkurs

Mit dem „Lütten Lügder“ auf Tour

LÜGDE. Ich lebe seit 34 Jahren in Lügde und habe durch meine berufliche Tätigkeit schon fast alles in der Kernstadt gesehen. Dachte ich. Dann hatte ich eine Idee und deren Umsetzung sollte mich eines Besseren belehren. Ich bin mal eine komplette Nachmittagsschicht mit dem „Der lütte Lügder“, wie der Bürgerbus in der Osterräderstadt liebevoll getauft wurde, mitgefahren. Seit 2001 tourt das inzwischen dritte Bürgerbus-Fahrzeug auf der offiziellen Linie 763, ausgestattet mit allem, was auch „große“ Linienbusse an Bord haben, auf einem Kernstadt-Kurs.

veröffentlicht am 29.08.2018 um 18:40 Uhr
aktualisiert am 29.08.2018 um 19:50 Uhr

Arnulf Schaper hilft zwei Touristinnen, die mit ihren Rollatoren unterwegs sind, nach der Stadtrundfahrt aus dem „Lütten Lügder“. Foto: Afk
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Autor

Achim Krause Reporter
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25 Passagiere unterschiedlichster Art habe ich dabei an diesem Tag getroffen. Darunter mit Arnulf Schaper auch einen Ur-Lügder. Und der saß am Steuer.

Es ist Donnerstagmittag, 13.30 Uhr. Arnulf Schaper kommt mit dem Fahrrad zum Busdepot im Vereinsheim der Gemeinschaft für Fischerei und Naturschutz unter den Klippen. Dort steht „Der lütte Lügder“ außerhalb seiner Einsatzzeit. Es ist ein heißer August-Sommertag, aber bevor der 2015 in Betrieb genommene moderne Mercedes-Achtsitzer aus der „Garage“ in die Wärme rausrollen kann, kontrolliert der Fahrer in der Halle das Äußere des Fahrzeugs nach eventuellen Beschädigungen. „Alles okay“, befindet Schaper, betätigt die äußeren Nottüröffner und fast lautlos schweben die beiden Flügel der Einstiegstür auseinander. Sein prüfender Blick wandert durchs Wageninnere, bevor er sich hinter das Steuer setzt. Das Wechselgeld wird noch in den Automaten gefüllt und die Fahrer-Identitätskarte eingelesen.

Dann ist es so weit: Der Wagen rollt ins Freie, die Klimaanlage beweist ihre leicht kühlende Wirkung und Arnulf Schaper fährt den Bus zum Ausgangspunkt am Lügder Bahnhof. 20 freiwillige und ehrenamtlich tätige Fahrer, darunter auch eine Frau aus Horn-Bad Meinberg und zwei Männer aus Bad Pyrmont, teilen sich derzeit die wöchentlich acht Schichten, darunter dienstags und donnerstags nur nachmittags, erzählt er. „Wir brauchen aber noch mehr Kolleginnen und Kollegen“, erzählt Schaper, der im Vorstand des Bürgerbus-Vereins das Amt des Kassierers bekleidet. „Denn es wird schon mal jemand krank oder fällt ganz aus. Wir suchen deshalb ständig Menschen, die gern Auto fahren, mit Leuten umgehen können und ihre Freizeit sinnvoll gestalten wollen.“ Viel wird nicht vorausgesetzt: Interessenten müssen mindestens 21 Jahre alt sein, über einen Führerschein der Klasse B (früher 3) sowie mindestens zwei Jahre Fahrpraxis verfügen. Nach einem Gesundheitscheck, der in NRW auf den Einsatz in Bürgerbussen ausgerichtet ist und nach sorgfältiger Einarbeitung und anfänglicher Begleitung kann man dann loslegen. Es sind vor allem Rentner, die sich hier einbringen. Der aktuelle Altersdurchschnitt der Fahrer liegt bei 68 Jahren.

Vor Fahrtantritt meldet sich Fahrer Arnulf Schaper für seinen Schichtdienst im Bürgerbus an und kontrolliert den Wechselgeldbestand. Foto: afk
  • Vor Fahrtantritt meldet sich Fahrer Arnulf Schaper für seinen Schichtdienst im Bürgerbus an und kontrolliert den Wechselgeldbestand. Foto: afk
Auch der Kinderwagen seines Sprösslings findet im Bürgerbus Platz und wird von Florian Zeidler vorschriftsmäßig rollfest angeschnallt. Foto: Afk
  • Auch der Kinderwagen seines Sprösslings findet im Bürgerbus Platz und wird von Florian Zeidler vorschriftsmäßig rollfest angeschnallt. Foto: Afk

Ein- bis zweimal im Monat sitzen die Fahrer hinterm Bussteuer, entweder drei Stunden vormittags oder fünf Stunden nachmittags, um diese 50-minütige Tour über jeweils 13 Kilometer mit Start und Endstation Bahnhof zu absolvieren. In 1700 Stunden legen sie 23 000 Kilometer jährlich nach exaktem Fahrplan in der Kernstadt zurück. Eine Bezahlung gibt es für dieses ehrenamtliche Engagement nicht, lediglich Fahrtkostenerstattungen.

Pünktlich um 14.08 Uhr fordert ein kurzer Hupton den Fahrer auf, nun mit der Fahrt zu beginnen. „Über GPS werden wir ständig verfolgt. Wenn wir außerhalb der Toleranzzeit zu spät oder zu früh an einer der 30 Haltestellen ankommen, gibt es einen Hinweis“, berichtet Schaper. An diesem Tag aber ist „Der lütte Lügder“ überall pünktlich im vorgegebenen Zeitfenster.

Als gebürtiger Lügder kennt er die Fahrgäste fast alle und begrüßt sie persönlich mit ihren Namen. Die meisten sind älter und jeder Zehnte ist behindert und muss nicht zahlen. Viele wohnen in den meist bergigen Randgebieten der Stadt wie unterm Schild oder der Waldstraße und verfügen über kein Auto. „Es sind unsere Stammgäste. Durch den Bus bekommen sie nicht nur die Möglichkeit, sich selbst zu versorgen, sondern auch soziale Kontakte zu pflegen“, weiß Schaper. Er kennt bei ihnen auch deren Fahrziele, meist die Verbrauchermärkte oder die Arzt- und Therapiepraxen, die alle im Tal angesiedelt sind. Die Haltestellen sind bewusst nach dem Bedarf ausgesucht worden und neue Haltestellenvorschläge ergeben sich häufig aus der Praxis.

Wir brauchen aber noch mehr Kolleginnen und Kollegen.

Arnulf Schaper, Bürgerbusfahrer

Zu den Stammgästen gehören auch die 79-jährige Marlies Schellbach und Aishe Turkoglu. Man kennt sich seit Jahren von den gemeinsamen wenn auch kurzen Fahrten und tauscht schnell die neuesten Neuigkeiten aus. Meist dreht es sich um das Thema Gesundheit. „Wir machen uns dann schon Sorgen, wenn jemand mal mehrere Tage lang nicht mitgefahren ist“, sagt der Fahrer, der natürlich sofort seine Hilfe anbietet, wenn jemand beim Ein- oder Ausstieg am kleinen Absatz zwischen erhöhter Bordsteinkante und Bustür Probleme hat.

Für Rollstuhlfahrer ist zudem eine ausfahrbare Rampe im Bus vorhanden. Zwei ältere Damen vom Niederrhein warten mit einem Yorkshire Terrier an der Haltestelle am Pfarrhaus an der Mittleren Straße. „Machen Sie auch eine Stadtrundfahrt?“, fragt eine. „Selbstverständlich“, versichert Schaper und hilft den beiden, ihre Rollatoren im Bus zu verstauen. „Ihren Hund nehmen wir auch gratis mit.“ Die beiden Touristinnen erleben in der nächsten Stunde für 1,60 Euro Fahrpreis auch eine kleine Stadtführung inklusive, denn Arnulf Schaper erzählt ihnen im Vorbeifahren in Kurzform viel über den Osterräderlauf, die Kilianskirche und vieles andere. „Eine tolle Fahrt“, bedanken sie sich. Die Beliebtheit des Lügder Bürgerbusses lässt sich auch an den kontinuierlich steigenden Fahrgastzahlen ablesen: 6888 waren es 2017 – ein Rekord! Für 2018 zeichnet sich nach Hochrechnungen Schapers ab, dass die 7000er-Marke deutlich übersprungen wird. Es könnten durchaus noch mehr werden, spekuliert Schaper. „Es ist unverständlich, dass wir beispielsweise nicht nach Bad Pyrmont fahren dürfen. Der Bedarf aus Lügde ist da, aber das geht aus rechtlichen Gründen bisher nicht.“ Um 18.45 Uhr ist die Schicht vorüber. „Danach weiß ich, was ich getan habe“, sagt Schaper.



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