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Wie die Stadt ihr Vermögen für die Eröffnungsbilanz ermitteln musste / Fünf Jahre Arbeit mit der Umstellung

Lügdes Straßennetz ist fast 30 Millionen Euro wert

Lügde. Auch wenn mancher das meinen mag – das Bild vom Beamten, der Thermoskanne und Brotdose täglich pünktlichst in die speckige Aktentasche versorgt und beim Gongschlag auf Feierabend schaltet, deckt sich längst nicht mehr mit der Realität im Lügder Rathaus.

veröffentlicht am 02.02.2011 um 22:12 Uhr
aktualisiert am 29.05.2017 um 17:24 Uhr

Solche bunten Sprühzeichen auf Bordsteinen, Straßen und Gehsteigen waren vor rund vier Jahren die ersten und bis heute einzigen
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Kämmerer Hans-Jürgen Wigge zum Beispiel ist einer, der in letzter Zeit „viele Wochenenden“ im Büro verbracht hat. Dazu zwang ihn ein aufwendiges Werk: die längst überfällige Eröffnungsbilanz fürs „Neue Kommunale Finanzmanagement“ NKF. Diese Buchführungsmethode zwingt alle Städte dazu, nicht mehr nur ihre Einnahmen und Ausgaben aufzurechnen, sondern auch ihr Vermögen in diese Rechnung einfließen zu lassen. Und Straßen, Kindergärten Schulen oder Gehwege sind Vermögen. Rückblickend gesteht Hans-Jürgen Wigge: „Der Arbeitsaufwand war ein Problem.“

Der 41-Jährige war allerdings längst nicht der Einzige, dem das vom Land angeschobene Projekt zusätzliche Arbeit bescherte. „Im Laufe der Jahre hatte bestimmt die Hälfte unseres Rathaus-Personals damit zu tun“, schätzt sein Chef Heinz Reker.

Der heutige Bürgermeister war es, der die Mammutaufgabe vor fünf Jahren – damals noch als Kämmerer – in Angriff nahm. Und mit Blick auf die seit dem offiziellen Stichtag 1.1.2008 verstrichene Zeit bis zur Fertigstellung gestand er jetzt den Politikern im Rat: „Das Projekt hat mir ein wenig im Magen gelegen.“

H.-J. Wigge
  • H.-J. Wigge

An die ersten und einzigen im Straßenbild sichtbaren Zeichen der Bilanz-Fleißarbeit erinnert sich mancher aufmerksame Lügder noch: Etwa viereinhalb Jahre ist es her, da begann der Trupp eines Höxteraner Ingenieurbüros quer durch die Großgemeinde Tausende von Pfeilen, Kringeln, Punkten und Zahlen auf die Straßen und Bordsteine diverser Straßen der Großgemeinde zu sprühen. Die Messungen der Männer lieferten dienten der Erfassung der 225 Straßenkilometer inklusive Bürgersteige und Gossen, aber auch der Grünflächen. Und das war längst nicht alles.

Vor allem die Rathaus-Leute selbst gingen unter die Datensammler. Denn ebenso wie die Straßen galt es, über 3000 Grundstücke mit und ohne Gebäude in die Vermögensliste einzupflegen. Dafür reichte es aber nicht, ein Haus bloß aufzulisten und seinen Wert grob zu schätzen. „Bei der Lügder Grundschule mussten wir zum Beispiel bis zu den alten Rechnungen von 1954 zurückgehen“, sagt Kämmerer Wigge. Doch der Aufwand war notwendig, um auch die Kosten zu kennen und als Abschreibung zu verbuchen, die das Gebäude verursacht hat.

Zudem floss in die Rechnung floss der Zeitwert ein. Und hier wie bei den Werten der stadteigenen Grundstücke haben die Rathaus-Mitarbeiter eher tief gestapelt. „Wir wollten uns nicht reicher rechnen als wir sind“, sagt Bürgermeister Reker. Denn: „Hätten wir den Wert eines Grundstücks zu hoch angesetzt und müssen es dann irgendwann billiger verkaufen, würden wir einen Verlust machen.“

„Viele Kopfschmerzen“ hat Kämmerer Wigge und seinen Leuten auch der Zwang bereitet, erst einmal sämtliche Dinge ab einem Wert von 60 Euro aufzulisten – obwohl letztlich doch nur Einzelposten ab 410 Euro Wert in die Bilanz einzupflegen waren. „Da haben es die Niedersachsen einfacher“, findet Wigge. Dort liege die Untergrenze zur Auflistung bei mehreren tausend Euro.

Das Werk haben Lügdes Kämmerer und sein kleines Team mit Zuarbeit der anderen Ämter zwar jetzt fertig. Doch aufatmen kann der Kämmerer noch nicht. „Jetzt fängt die Arbeit erst richtig an“, sagt er. Denn nun muss er die Haushalte der vergangenen Jahre auf Basis der neuen Bilanz aktualisieren. „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Abschlüsse für 2008, ‘09 und ‘10 bis zum Jahresende fertigzustellen“, sagt er. Ob den Lügdern das in dieser Zeit gelingt, hängt allerdings auch von der Behörde ab, die diese Abschlüsse genehmigen muss.

Immerhin stellt sich die Eröffnungsbilanz so schlecht nicht dar: An Eigenkapital konnte Lügde zum Stichtag rund 40,4 Millionen Euro plus fast 3,7 Millionen Euro Ausgleichsrücklage geltend machen. Aus dem Eigenkapital leitet sich ab, wie die Stadt wirtschaften kann. Denn das Schreckgespenst „Haushaltssicherung“ wird erst dann durchs Rathaus geistern, wenn die Lügder zweimal hintereinander fünf Prozent ihrer Rücklage aufbrauchen, um ihren Haushalt auszugleichen.

Hans-Jürgen Wigge ist allerdings nicht allzu optimistisch: „Wieviel die Verbesserungen wert sind, wird sich in den nächsten Monaten zeigen“, sagt er. Denn er weiß längst, dass die Stadt 2011 wieder deutlich weniger Steuern einnehmen wird, als sie an den Kreis Lippe abführen muss – zumal auch das Land künftig weniger Geld nach Lügde pumpen wird als bisher.

Ganz egal also, wie solide die Emmerstädter bisher gewirtschaftet haben mögen: Sparen müssen sie trotzdem. Wo und wieviel, darüber werden die Verwaltungsleute mit den Politikern am Samstag bei einem Treffen hinter verschlossenen Türen beraten. Und auch da dürften wieder die Köpfe rauchen.



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