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Nur SPD will Beistand für alle

Lügdes Politmehrheit blockt Forderung nach Sozialarbeiter ab

LÜGDE. Die SPD fordert einen Sozialarbeiter für Lügde. „Er soll für alle Lügder Bürger ein offenes Ohr haben“, betont Jörg Eickmann, der sich überzeugt zeigt, dass auch viele Deutsche seine Hilfe zu schätzen wüssten. CDU und FWG halten eine solche Unterstützung jedoch nicht für nötig.

veröffentlicht am 02.02.2018 um 22:09 Uhr
aktualisiert am 05.02.2018 um 18:44 Uhr

Viele ehrenamtliche Flüchtlingshelfer drohen laut SPD-Fraktionschef Dieter Diekmeier im Behördensumpf zu versinken, in den die Flüchtlinge ohne Rücksicht auf ihr Sprachverständnis gezogen würden. Foto: dpa

Autor:

Calhermann Schmitt
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Die Sozialdemokraten unterstützen ein Anliegen aus den Reihen der Flüchtlingshilfe. Deren Ehrenamtliche brachten die Forderung erstmals Anfang 2015 auf den Tisch. So lange schon halten die Freiwilligen die Unterstützung durch einen Profi für notwendig – sei es in organisatorischen Fragen oder zum Vermitteln im Konfliktfall. Seitdem wird immer wieder aufgezeigt, wo die Flüchtlingshelfer trotz allen Engagements scheitern und selbst über ihre Belastungsgrenze hinaus beansprucht werden. Bei den Elbrinxer Flüchtlingshelfern, die sich von der Stadtverwaltung alleingelassen fühlen, hat das bekanntlich zum Rückzug aus diesem Ehrenamt geführt. Dennoch wurde der Antrag mit den Stimmen der CDU und der FWG im Hauptausschuss abgelehnt.

Die Diskussion zuvor drehte sich um die Notwendigkeit eines Sozialarbeiters, die zunächst an Zahlen festgemacht werden sollte, ohne dass diese vorlagen. Denn Manfred Engel, der den Fachbereich Ordnung und Soziales im Rathaus kommissarisch leitet, konnte keine genaue Auskunft über die Anzahl der in Lügde lebenden Flüchtlinge geben. Immerhin hatte sich Ute Schaper (CDU) über die Vielzahl der Kinder und Jugendlichen schlaugemacht, die in der Jugendarbeit und bei der Schulsozialarbeiterin Hilfe fänden und deshalb gar keinen Sozialarbeiter bräuchten. Und angesichts der vielen jungen Leute äußerte sie Zweifel, dass es überhaupt genügend erwachsene Geflüchtete gebe, um die sich ein Sozialarbeiter kümmern könnte.

Bürgermeister Heinz Reker baute seine Ablehnung auf bürokratische Organisationsstrukturen auf. Er verwies darauf, dass viele erwachsene Migranten jetzt in die Zuständigkeit des Jobcenters fielen und sich die Situation ohnehin entspannt habe. Außerdem würden Manfred Engel und sein Mitarbeiter Manual Hasse hervorragende Arbeit machen.

Das schlüsselte Torben Blome (SPD) etwas auf: „Im Jobcenter kümmert man sich um Arbeit und Fortbildung für die Flüchtlinge. Engel und Hasse arbeiten die verwaltungstechnischen Fragen ab und sind damit ausgelastet. Was fehlt, ist die menschliche Komponente. Ich erinnere an unsere Willkommenskultur.“ Nach schlimmen Erfahrungen in ihren Heimatländern hätten sich die Geflüchteten auf einen vollkommen ungewissen Weg gemacht. Auf eine Reise, von der sie nicht einmal sicher sein durften, dass sie sie überleben. Nun seien sie hier. Aber vielen seien die Sprache und die Kultur noch fremd – und doch würden sie von den Behörden unentwegt in die Pflicht genommen. „Diese Personen sind oftmals traumatisiert. Und es ist notwendig, den Erwachsenen eine Betreuung anzubieten, mit deren Hilfe sie integriert werden können. Blome erinnerte daran, dass viele Migranten langfristig in Deutschland und eben auch in Lügde bleiben werden. „Und je besser sie integriert sind, umso besser fügen sie sich in Dorfgemeinschaften ein, in die Vereine, und können dadurch die Stadt bereichern, die Nachbarschaften stärken und mit selbstbewusster, guter Arbeit auch den Steuersäckel auffüllen helfen.“ Jörg Eickmann (SPD) warnte derweil vor dem, was passieren kann, wenn Menschen nicht vernünftig integriert werden, am Rande der Gesellschaft leben, traumatisiert und ausgegrenzt. „Das kann auf uns zurückfallen und wir können dann nur mit den Schultern zucken auf die Frage, warum wir uns nicht rechtzeitig gekümmert haben.“

Dieter Diekmeier (SPD) machte klar: „Ehrenamt kann nicht alles.“ Er erinnerte auch daran, dass ehrenamtliche Flüchtlingshelfer sich selbst schon als überfordert und ausgebrannt bezeichnet haben. Denn sie hätten eben nicht nur die menschliche Komponente zu betreuen, sondern drohten im Behördensumpf zu versinken, in den die Flüchtlinge ohne Rücksicht auf ihr Sprachverständnis und ihre Möglichkeiten gezogen würden. Klaus Meier (FWG) betonte: „Ich habe das so verstanden, dass für die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer ein Sozialarbeiter ein Wunsch sei, aber kein Muss.“

Diese Debatte ist mehrfach im Lügder Rathaus geführt worden. Dabei wurde allerdings meist jeweils über die Ehrenamtlichen gesprochen anstatt mit ihnen. Das jedoch hätte Einzelnen die Mühe erspart, deren Aussagen erst interpretieren zu müssen.

Die SPD hatte sogar ein Kooperationsmodell mit einem freien Träger angeregt, um den Bedenken von CDU und FWG Rechnung zu tragen, es gäbe für einen Sozialarbeiter zu wenig zu tun. Dieter Diekmeier hat darüber hinaus die Ortsvorsteher-Telefonpauschale ins Spiel gebracht: „Die Ortsvorsteher wären bereit, darauf zu verzichten, um sich damit an den Kosten für die Sozialarbeit zu beteiligen.“ Diekmeier bezifferte den Betrag, der zwar hauptsächlich symbolisch zu verstehen sei, auf immerhin 3000 Euro im Jahr. Und Jörg Eickmann erinnerte an den zähen Anlauf, einen Schulsozialarbeiter zu installieren: „Wie hartnäckig wurde behauptet, dass das gar nicht nötig sei – um dann schon in der Anfangsphase festzustellen, dass das Angebot wahrgenommen werde. Jetzt ist die Sozialarbeit an den Schulen gar nicht mehr wegzudenken.“

Im Übrigen wolle die SPD den Sozialarbeiter keineswegs nur für Migranten installiert wissen. „Er soll für alle Lügder Bürger ein offenes Ohr haben“, betonte Eickmann. Er ist überzeugt davon, dass auch viele Deutsche die Hilfe zu schätzen wüssten.

Dennoch ließen sich CDU und FWG nicht überzeugen, einem Sozialarbeiter eine Chance zu geben.



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