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Kabarettist Kai Magnus Sting und seine Sehnsucht nach der guten alten Zeit

Lieber Kännchen als Coffee to go

Lügde. Man konnte den Eindruck gewinnen, es sei nicht so sehr die Schwerkraft, die ihn nach unten zieht. Und dabei hatte Kai Magnus Sting noch nicht einmal politische Themen in sein Kabarett-Programm eingebaut. Ihm offenbarten sich Zahnarzthelferinnen, Schulsportlehrer und Helene Fischer als apokalyptische Reiter. Eigentlich sind es irgendwie alle, die ihn zu nerven scheinen und so erhob Sting das Jammern vom Lebensinhalt zur Kunstform. Und das auch noch so vortrefflich, dass die Leute im voll besetzten Lügder Klostersaal vollkommen frei und lauthals lachten.

veröffentlicht am 22.02.2016 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 26.10.2016 um 08:48 Uhr

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Autor:

Carlhermann Schmitt
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Das fing bei der Betrachtung des Sports an: „Ich sitze gut gelaunt mit einer Zeitung in der Hand am Tisch. Nun soll ich viele Kilometer Rad fahren, um nach Stunden nass geschwitzt am gleichen Tisch anzukommen – nur schlecht gelaunt?“ Es ging weiter mit Schlagermusik: „Nein, umschalten tu ich nicht. Sehen tu ich Helene Fischer ja gern, ich muss nur den Ton abstellen.“

„Ich habe am 8. Januar Geburtstag.“ Das liefert Sting schon den ersten Aufreger: „Das Jahr ist noch neu und ich werd’ älter.“ Aber dann kommt die Erklärung: Er sei aus Duisburg. Und das erzählte der Kabarettist so nebenbei, als ob das nicht allen Grund liefern würde für die Betrachtung des irdischen Daseins als Fegefeuer. Eine Stadt, in der die Menschen ein Kissen ins geöffnete Fenster legen, um mit den Nachbarn und gegebenenfalls auch zufällig vorbeischlendernden Passanten zu chatten. Analoges Wlan. Hat laut Sting Vorteile: Abhörsicher – die NSA scheitere. Aber auch Nachteile: Man könne den Ton nicht abstellen.

Fesch sah Sting aus, in seinem Anzug, jung und dynamisch. Aber er bestand darauf, alt zu wirken. Sprach von Wählscheibentelefonen, tat so, als würde die Coffeeshop-Culture von Starbucks und Co. ihn in Sinnkrisen und Verständnislosigkeit stürzen: „Ich will draußen trinken, gibt’s auch Kännchen?“ Und die Gäste fühlten sich verstanden in ihrer Weigerung, Schritt halten zu wollen mit einer Entwicklung, die alte, aber keineswegs lieb gewonnene Gewohnheiten über Bord wirft und neue Antworten einfordert. Sie lachten herzlich über die jungen Leute, deren Knopf im Ohr nicht von Steiff ist. Ebenso über „Deutschland sucht den Superstar“ - Stings Antwort: „Ich will den gar nicht finden.“ Über den „Bachelor“, der alle Bemühungen um Emanzipation wieder zunichtemache, über „Bauer sucht Frau“ — „Wozu?“. Angesichts der in RTL-Hinterzimmern zusammengebrutzelten Deppenshows bekam die Erwähnung des altehrwürdigen Testbilds Szenenbeifall.

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Aber auch die Gäste, die dem Telegramm nachtrauerten, konnten sich bald jung fühlen, als er auf Oma zu sprechen kam – jener Instanz allgemeingültiger Weisheit in jeder Lebenslage. Die mit souverän geäußertem Kondensat menschlicher Erkenntnis jegliche Situation zu meistern und zum Guten zu wenden in der Lage ist: „Endlich stand Papa nach so vielen Jahren, in denen er sich gewünscht hatte, Leonardo da Vincis ‚Mona Lisa‘ einmal betrachten zu können, im Louvre und Oma daneben mit dem Spruch ‚Na ja, wo’s hinpasst‘.“

Hier musste Kai Magnus Sting erst einmal eine längere Pause einlegen, bis sich das Publikum wieder etwas beruhigt hatte und zu Atem gekommen war. Sting ging auf die Gäste ein, versuchte sie auch zum Mitmachen zu bewegen. „Wenn Sie was zu sagen haben, sagen Sie es laut. Ich hole Sie auch gern auf die Bühne und mache Sie etwas lächerlich, dann haben wir alle was davon.“ Es wurde niemand lächerlich gemacht, die Besucher hatten teilweise auch so viel Spaß, dass die Schmerzgrenze überschritten war.

Kai Magnus Sting zog die Besucher des Lügder Klostersaals mit Anekdoten über die alten Zeiten in seinen Bann und erhielt dafür Lacher sowie Applaus.

Fotos: yt



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