weather-image
Sozialarbeiterin berichtet von ihrer Aufgabe an den Lügder Schulen / Besonderer Bedarf bei den Erst- bis Viertklässlern

„In manchen Klassen verhindern Probleme das Lernen“

Lügde. Susann Schramm ist das neue Gesicht an der Lügder Grundschule und an der Johannes-Gigas-Schule. Als Schulsozialarbeiterin kümmert sich die 27-Jährige um Problemfälle in den Klassen, um die Sorgen und Nöte der Schüler, Lehrer und Eltern. Auch die Grundschulen Elbrinxen und Rischenau gehören zu ihrem Einsatzgebiet – wenn ihre Hilfe dort benötigt wird. Ihre Arbeitszeit an der Grundschule war eigentlich auf viereinhalb Stunden angesetzt. Da der Bedarf aber größer ist, verbringt sie acht Stunden bei den Erst- bis Viertklässlern – zehn Stunden sind derzeit im Gespräch. Nachmittags betreut die gelernte Erzieherin Jugendliche im Jugendzentrum „Lokalmotion“. Julia Henke sprach mit ihr über Gewalt, Außenseiter und Frustrationsmomente.

veröffentlicht am 06.11.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 20:21 Uhr

Die beiden Schüler René (li.) und Jonas stellen für das Foto ein
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Frau Schramm, seit Beginn des Schuljahres sind Sie Schulsozialarbeiterin. Mit Drogenproblemen oder Liebeskummer werden Sie an der Grundschule nicht zu tun haben. Sondern?

Es geht hauptsächlich um Gewalt – Schlägereien auf dem Schulhof, Schüler werden unterdrückt oder gemobbt. Es werden spezielle Außenseiter gesucht und auch gefunden, die beleidigt, provoziert und geschlagen werden.

Gibt es einen bestimmten Außenseiter-Typus?

Es gibt Charaktere, die es anderen leichtmachen. Zum Beispiel ruhige Kinder. Jene, die nicht viel sagen und sich nicht wehren. Pauschalisieren würde ich das aber nicht – es gibt auch Ausnahmen.

Und die Täter?

Das sind oft Kinder, die in der Schule überfordert sind und Aufmerksamkeit haben wollen. Teilweise kommen sie aus nicht intakten Familienverhältnissen und bekommen zu Hause keine sozial angemessenen Normen und Werte vermittelt. Zum Teil mangelt es den Tätern auch an Selbstbewusstsein.

Mangelndes Selbstbewusstsein und andere unterdrücken – wie passt das zusammen?

Wenn jemand nur Misserfolge erlebt, kann er kein positives Selbstbild entwickeln. Wenn er andere unterdrückt, die dann Angst vor ihm haben, kann sich der Täter ein positives Gefühl verschaffen, Anerkennung und Aufmerksamkeit erleben – auch wenn es im negativen Sinn ist.

Können Schulsozialarbeiter Amokläufe verhindern?

In manchen Fällen vielleicht. Aber Schulsozialarbeit ist kein Allheilmittel. Wir versuchen natürlich präventiv zu handeln und Schüler zu erkennen, die so viel Gewaltpotenzial in sich tragen. Aber wir sind auch da, um die Lehrer zu entlasten. Denn in manchen Klassen ist gar kein Unterricht möglich, da andere Problematiken im Vordergrund stehen und das eigentliche Ziel der Schule – nämlich Lernen – verhindert wird. Grundsätzlich halte ich Schulsozialarbeit an jeder Schule für sinnvoll.

Acht Stunden wöchentlich an der Grundschule – können Sie in dieser kurzen Zeit etwas bewirken?

Man muss sich klar darüber sein, dass man nicht in kurzer Zeit alles umkrempeln kann. Dass ich mich nicht mit jedem Schüler beschäftigen kann, ist auch klar. Deshalb suche ich mir Schüler raus, die eine Führungsrolle in einer Gruppe haben oder durch eine hohe Gewaltqualität und -quantität auffallen.

Was machen Sie mit diesen Schülern?

Mir ist es wichtig, dass ich möglichst keine Sanktionen ausspreche und den Kindern nicht sage, was sie zu tun haben. Für eine langfristige Wirkung sollen sie selbst ihr Verhalten reflektieren und sich überlegen, wie sie es ändern können. Das machen wir in Gesprächen oder anhand von Spielen. Manchmal hole ich mir auch ein, zwei Kinder am Nachmittag ins Jugendzentrum. Dann kann ich mir noch mal extra Zeit für sie nehmen. Bei Bedarf können auch Klassenprojekte losgelöst vom normalen Unterricht durchgeführt werden.

Gehen Sie auch auf die zurückgezogenen, stillen Kinder ein?

Grundsätzlich bin ich Ansprechpartner für alle Kinder. Natürlich ist es schwierig, bei vielen auffälligen Kindern auch die zu sehen, die auf den ersten Blick nicht auffallen. Die Lauten ziehen mehr Aufmerksamkeit auf sich und nehmen mehr Raum für sich in Anspruch. Aber ich gebe mir Mühe, auch auf die weniger auffälligen Schüler einzugehen.

Trauen sich die Schüler, mit ihren Problemen auf Sie zuzugehen?

An der Grundschule kommen die Kinder weniger auf mich zu. Da muss ich selbst genauer hingucken und Problematiken ansprechen. An beiden Schulen bin ich auf die Zusammenarbeit mit den Lehrern angewiesen.

Wie bauen Sie ein Vertrauensverhältnis zu den Schülern auf?

Beziehungsarbeit steht im Vordergrund. Ich gehe vorurteilslos auf Kinder und Jugendliche zu und nehme sie mit ihren Interessen und Bedürfnissen ernst. Wichtig ist auch Zuverlässigkeit, Kontinuität und Stillschweigen meinerseits über anvertraute Probleme – sofern diese nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Nicht immer werden Sie eine Lösung parat haben. Frustriert Sie das?

Nein, gar nicht! Mir ist klar, dass ich mit Menschen arbeite – und die sind nicht unfehlbar. Ich sehe solche Situationen als Herausforderung und schaue, was ich besser machen kann.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2017
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare