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Behinderter Lügder verzweifelt

Hausverwalter und Eigentümerbeirat verweigern Stellplatz

LÜGDE. Hans-Theo Beer und seine Frau Rebecca sind verzweifelt. Vor zwei Jahren wurde dem pensionierten Polizeibeamten (73) eine seltene Autoimmunerkrankung diagnostiziert, die ihn unbeweglich macht und seine Motorik schwächt. Nun verweigern Hausverwalter und Eigentümerbeirat ihm einen Stellplatz für seinen E-Scooter.

veröffentlicht am 13.06.2018 um 22:58 Uhr

Ohne E-Scooter kommt Hans-Theo Beer nicht mehr aus dem Haus. Seine Frau Rebecca hat für ihn ihren Job aufgegeben. Foto: jl
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Im Dezember stürzte Beer in seiner Eigentumswohnung in einem Hochhaus am Lügder Asternweg. Als die Schmerzen später unerträglich wurden, stellte sich im Krankenhaus heraus: Er hatte sich zwei Lendenwirbel gebrochen. Nach langem Klinikaufenthalt kommt er nun daheim kurzzeitig mit dem Rollator voran, wenn seine Frau ihn stützt. „Der Medizinische Dienst hat mich als Pflegegrad IV eingestuft“, sagt Beer und hält die Tränen mühsam zurück. Denn er war zeitlebens ein vitaler Typ. Auch, seit er die Ursache seiner gesundheitlichen Beschwerden kennt, ließ er sich nicht hängen. Nun aber sind er und seine Frau mit den Nerven am Ende. Rebecca Beer hat aufgehört zu arbeiten, weil ihr Mann sie braucht.

Und er braucht noch etwas: einen Elektro-Scooter. Ein Pyrmonter Sanitätshaus hat das vom Arzt verordnete und von der Kasse bewilligte Hilfsmittel vor einem Monat geliefert. Damit hat Hans-Theo Beer nun ein neues Problem: Der Verwaltungsbeirat der Eigentümergemeinschaft und der professionelle Verwalter des 25-Parteien-Hauses verweigern ihm einen praktikablen Stellplatz für sein Gefährt, ohne das er außerhalb des Hauses immobil ist.

Dabei gäbe es Platz genug: einen heute als Fahrradkeller genutzten früheren Tischtennisraum. Einige Räder darin stehen mit platten Reifen schon lange ungenutzt in der Ecke. Und den ihnen zustehenden Platz im Raum nutzen die Beers seit 2016 nicht mehr. Nach einem Aufruf der Flüchtlingshilfe hatten sie ihre eigenen Räder damals verschenkt.

Provisorisch steht das Gefährt unter einer Treppe. Zweimal haben Unbekannte den Stecker gezogen. Foto: jl
  • Provisorisch steht das Gefährt unter einer Treppe. Zweimal haben Unbekannte den Stecker gezogen. Foto: jl

Der fragliche Raum ist ebenerdig auf Haustür-Niveau über den Flur zu erreichen. „Eine Steckddose würde ich dort auf meine Kosten verlegen lassen und selbstverständlich den Strom bezahlen“, betont Karl-Theo Beer. „Und wir würden den zum Rückbau nötigen Geldbetrag auf einem Extra-Konto anlegen, falls uns etwas passiert.“ Spätere Scherereien für die 24 übrigen Eigentümer würde vorgebeugt.

Doch so einfach ist die Sache nicht. Laut Beirat ist „ein Stellplatz im Fahrradkeller für einen Scooter nicht möglich“. Die Begründung der drei Eigentümervertreter: „Bei Genehmigung des Stellplatzes müsste jedem Eigentümer das gleiche Recht eingeräumt werden.“ Offenbar möchte man keinen Präzedenzfall schaffen.

Der Hausverwalter behauptete am Mittwoch auf Anfrage dieser Zeitung: „Es gibt schon zwei weitere Anmeldungen.“ Die Namen der Anmelder, die seine Aussage bestätigen könnten, wollte aber nicht nennen. Nur soviel: Die Betreffenden hätten sich seit Jahren nur zurückgehalten, weil sie wüssten, dass in einen Fahrradkeller nur Fahrräder gehörten. „Das steht so im Aufteilungsplan.“ E-Scooter bräuchten wegen ihres größeren Wendekreises mehr Platz als ein Fahrrad.

Überhaupt hebt der Verwalter vor allem auf das Fahrzeug ab: „Herr Beer hat sich ein Gefährt ausgesucht, das im Haus nicht unterbracht und geladen werden kann“, sagt der Pyrmonter und behauptet: „Es gibt keine Behinderung, die nicht mit einem Rollstuhl bedient werden kann.“

Sein Vorschlag: In der nächsten Eigentümerversammlung (im Frühjahr 2019) könne über die Ausstattung aller Garagen mit Steckdosen abgestimmt werden. Das sei praktikabel, aber teuer und beanspruche Zeit. Alternativ bietet er an, Beers könnten die Einberufung einer außerordentlichen Versammlung beantragen. Kosten: 250 Euro.

Doch wie passt die Blockadehaltung zur Wohnung, die Beers 2013 über eine andere Maklerin als „barrierefrei“ gekauft hatten? „Die Wohnung ist doch gar nicht barrierefrei“, sagt der Hausverwalter. Für die unzutreffende Aussage sei hafte die Maklerin.

Allerdings: Zum Hauseingang führt eine Rampe. Und die vierte Etage ist per Lift zu erreichen. Nur das Rangieren mit dem Scooter wäre ein Problem.

Die Aussagen des Verwalters machen Hans-Theo Beer fassungslos: „Der Scooter ist doch kein Spaßmobil für mich“, sagt er. Ohne den sei er vom Leben außerhalb der Wohnung abgeschnitten.

Provisorisch haben Beers den Scooter nun einstweilen – ohne den Segen von Beirat und Verwalter – in einem toten Winkel unter einer Kellertreppe geparkt. Das Stromkabel in ihren eigenen Kellerraum hat Rebecca Beer mit gelb-schwarzem Klebeband auf dem Boden fixiert. Allerdings haben Unbekannte jüngst zweimal den Stecker gezogen, das Klebeband abgerissen und einmal die bereitliegende Klebebandrolle mitgenommen. „Das grenzt an Mobbing“, sagt Hans-Theo Beer. Als der Akku das erste Mal leer war, habe er einen wichtigen Arzttermin verpasst.

Gotthard Feist, Vorsitzender des Behindertenbeirats Hameln-Pyrmont, schüttelt über die Situation den Kopf. Seine Auffassung: „Wenn Herr Beer die Eigentümergemeinschaft verklagt, muss die ihm die Möglichkeit schaffen, den Scooter zu parken.“

Übrigens: Mehreren Gerichtsurteilen zufolge dürften auf den Rollstuhl angewiesene Bewohner ihre Fahrzeuge sogar im Hausflur abstellen.

Abgesehen davon: Was ein Betroffener auf den ihm zustehenden Platz im Fahrradkeller stelle, sei vollkommen egal. Um ein solches Problem zu lösen, müsse eine Hausverwaltung nicht einmal eine Eigentümerversammlung einberufen. Aber wo kein Wille sei, da sei offenbar kein Weg.

Der Beirat teilt laut Verwalter dessen Auffassung. Er sei „zu der Entscheidung gelangt, dass ein Elektro-Scooter mit dem von Ihnen gewählten Ausmaß und dieser Technik, auch Ladetechnik, nicht im Haus untergebracht werden kann“, heißt es im Schreiben des Verwalters weiter. Den Ausschlag gab wohl ein Defekt an der Fahrstuhltür. Der trat auf, als Rebecca Beer am Pfingstmontag den Lift öffnen wollte, wie sie erklärt. Da habe die Tür blockiert. Weil der Notfallknopf nicht funktionierte (was ein anderer Bewohner dem Hausverwalter schon Wochen vorher telefonisch mitgeteilt hatte) und ihr Mann samt E-Scooter im Keller saß, rief sie per Telefon die Wartungsfirma. Die Reparatur kostet zwar nur etwa 100 Euro, weil der technische Defekt sich leicht beheben ließ. Inklusive Notdienstpauschale und Überstundenzuschlag läpperte sich die Rechnung aber auf 480 Euro. Die verlangt der Hausverwalter nun von den Beers. „Dabei hätte das jedem anderen passieren können“, sagt Rebecca Beer.

Wenn Verwalter und Beirat nun den Stellplatz betreffend kein Einsehen haben, sehen sich die Eheleute gezwungen, einen Anwalt einzuschalten.



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