weather-image
23°

Wie die Folgen des Missbrauchsfalls die Lügder immer wieder herausfordern

Getroffen, genervt, ratlos

LÜGDE. Der aufgebrachte Mann, der am Donnerstagabend in der Redaktion anruft, fordert: „Jetzt gucken Sie mal, was ein Kollege von Ihnen da geschrieben hat!“ Im Internet ist er gerade auf einen Artikel eines Anzeigenblatts aus dem Ruhrgebiet gestoßen. Die Lektüre hat ihn in Rage versetzt.

veröffentlicht am 05.04.2019 um 21:56 Uhr

Bürgermeister Heinz Reker entscheid sich für die Mitwirkung an der WDR-Reportage, um das verzerrte Lügde-Bild in der Öffentlichkeit zu korrigieren. Foto: Screenshot WDR
Juliane Lehmann

Autor

Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Über die – zweifellos unzutreffende – Behauptung des Autors, aus der Stadt der Osterräder sei die „Stadt der Kinderschänder“ geworden, sagt er: „Das ist Verleumdung.“ Für einen Moment scheint es, als seien an dem einen verletzenden Satz alle Journalisten schuld. „Dabei hat das mit Lügde nichts zu tun“, schimpft der Anrufer. „Die Verbrecher sind doch nicht mal von hier.“

Dass der Hauptbeschuldigte in dem monströsen Fall mehr als sein halbes Leben auf dem Elbrinxer Campingplatz verbrachte, hat der wütende Lügder in diesem Moment offenbar ebenso wenig im Blick wie die Tatsache, dass ziemlich sicher ein Großteil der mehr als 50 von mutmaßlich 1000 Taten sexualisierter Gewalt Betroffenen aus Lügde oder Bad Pyrmont stammt, hier lebt und weiter hier leben wird.

Nur, weil man keines der Kinder zu kennen glaubt, die Verbrechen an ihnen totzuschweigen, würde den Heranwachsenden aber wohl ebenso wenig helfen wie, sie auf die Opferrolle festzunageln, auszugrenzen und in hilflosem Verdrängen zur Tagesordnung überzugehen. Denn fest steht: Nur die an solchen Taten Schuldigen müssen sich schämen, nicht aber die Betroffenen.

Allerdings gibt es ehemalige Opfer – auch anderswo in Deutschland –, die betonen, dass es ihnen half, wenn ihre Mitmenschen „ganz normal“ mit ihnen umgingen. Der Blick in dauerbetroffene Gesichter hätte ihnen nicht gutgetan.

Doch: So unfassbar die mutmaßlich von zwei ehemaligen Dauercampern verübten Verbrechen erscheinen, so ratlos sind noch immer viele Menschen, die der Fall beschäftigt.

Welche Gedanken Lügdes Bürgermeister Heinz Reker umtreiben, erfuhren die WDR-Fernsehzuschauer am Donnerstag zur besten Sendezeit. „Das Thema überlagert alles“, sagte der Verwaltungschef. Auch mit Blick auf die Hassmails aus ganz Deutschland, die im Posteingang seines Computers landen.

Vor die Kamera trat er auch, um die Lügder zu schützen, wie er sagt. Um den Menschen im Lande klarzumachen, dass Lügde eben kein zu Unrecht verallgemeinerndes Etikett verdient hat. Reker will das Thema nicht totschweigen. Aber er will verhindern, dass alles in einen Topf geworfen wird. Das betrifft auch die Arbeit der Behörden.

Wie genau der Expertenrat umgesetzt werden könnte, das Thema zu enttabuisieren, weiß Heinz Reker bislang nicht. „Ich kann niemanden direkt ansprechen“, sagt er. Denn er kenne keines der Opfer. Wie er, wie die Stadt ihnen helfen kann? Auch das weiß er momentan noch nicht.

Nach der Ausstrahlung der Reportage sagt er: „Ich hätte mir gewünscht, dass die Sorgen und Meinungen der Lügder noch ein wenig mehr in den Vordergrund kommen.“

Seinen Wunsch für Lügde formuliert er so: „Optimistisch und mutig in die Zukunft schauen, ohne dabei die unfassbaren und schrecklichen Geschehnisse zu negieren.“ Zum Umgang mit dem Thema gehöre für ihn auch, eine „umfassende Aufklärung einzufordern und nach Kräften zu unterstützen“.

Am Donnerstag, 11. April, widmet sich der WDR dem Thema erneut – in der Radiosendung „Stadtgespräch“ aus dem Lügder Klostersaal. Sie wird ab 20 Uhr live auf WDR 5 übertragen. Über die Frage „1000-facher sexueller Kindesmissbrauch in Lügde – Kann man so etwas verhindern?“ diskutieren die NRW-Opferschutzbeauftragte Elisabeth Auchter-Mainz, Renate Blum-Maurice (Kinderschutzbund NRW), Landrat Axel Lehmann und Bürgermeister Heinz Reker (Einlass ab 19.30 Uhr, Eintritt frei).



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?