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Forscher legen Siedlungsreste frei

Frühmittelalterlicher Burganlage über Lügde auf der Spur

LÜGDE. Stand auf dem Schildberg im frühen Mittelalter wirklich eine Burg? Ja, das ist ziemlich wahrscheinlich. Vor rund 100 Jahren grub hier schon einmal ein damals bekannter Forscher. Doch dann geriet die Anlage wieder in Vergessenheit. Sie wurde nicht mehr weiter erkundet. Das holen die Archäologen jetzt nach.

veröffentlicht am 28.02.2017 um 22:24 Uhr

Dass es sich hier zu graben lohnt, hat die Archäologin Beate Sikorski vorher per geomagnetischer Prospektion ermittelt.
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Acht Archäologen des Landesmuseums Detmold sowie Mitarbeiter und Studenten der Ruhr-Universität Bochum sind in Lügde im Einsatz. „Wir haben schon ein paar Klasse-Ergebnisse“, sagt Lippes Kreisarchäologin Dr. Elke Treude. Denn unter dem von trockenem Laub bedeckten Boden haben die Studenten Spannendes ausgegraben: Andreas Schewe und Phillipp Vollmer legen zum Beispiel gerade einen Keller frei. Einen guten halben Meter unter dem heutigen Erd-Niveau sind sie auf einen ebenen Boden gestoßen. Und auch ein verkohltes Stück Holz, vermutlich aus einer Wand, lag darauf. „Die Hütte, die hier einmal stand, ist wahrscheinlich verbrannt“, sagt Vollmer.

Die Archäologin Beate Sikorski legt derweil in einem langen Schnitt durchs Erdreich die Reste eines hellgrauen Steinpflasters frei.

Wie sie, so suchen auch die anderen in der Erde vor allem eines: Spuren. Denn Scherben alter Gefäße lassen Rückschlüsse zu auf das Alter der Siedlung, aber auch den möglichen Zeitraum ihrer Nutzung. „Bei diesen hier ist das 10. Jahrhundert ziemlich sicher“, sagt Elke Treude mit Blick auf ein paar braune Scherben, die Grabungsleiter Johannes Müller-Kissing aus einem kleinen Klarsichtbeutel holt. Allerdings wären noch ein paar Randstücke der einstigen Gefäße schön. Ihre Form würde eine noch genauere Zuordnung erlauben.

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Scherben wie diese, die er und seine Helfer ausgegraben haben, könnten aus dem 10. Jahrhundert stammen, glaubt Johannes Müller-Kissing.

Als Müller-Kissing dann noch einen hellen, dünnen Scherben zeigt, ist klar: Das Teil ist deutlich jünger. Es stammt vermutlich aus dem 13. Jahrhundert. „Das wurde schon auf der Töpferscheibe gedreht“, sagt Dr. Treude und zeigt auf die feinen Rillen in der Oberfläche.

Sind die Funde erst richtig untersucht und ausgewertet, lässt sich aus ihnen auch auf den Stand der Berg-Bewohner schließen. „Ob das nur ein kleiner Wachposten war oder ein wichtigerer verteidigungsfähiger Verwaltungssitz“, nennt Johannes Müller-Kissing zwei Möglichkeiten.

Weitere Mosaiksteine, die vom Leben der Leute auf Lügdes Schildberg erzählen, sind Knochen. Denn auch die finden sich in der Erde, die die jungen Forscher beim Abtragen stets ganz genau betrachten, damit ihnen nur ja kein Fund entgeht.

Das Graben selbst ist mühsame Handarbeit mit Schaufel, Harke oder Spatel. Bei der Suche nach den richtigen Stellen zum Buddeln kommt aber Hightech zum Einsatz: Beate Sikorski hat den Schildberg vorher mittels geomagnetischer Prospektion untersucht. Bei diesem Verfahren sind anhand der per Sonde gemessenen Daten zum Beispiel unterirdische Mauerreste zu erkennen. Erst diese Technik ermöglicht überhaupt die gezielte Detektivarbeit. Denn das Budget ist klein. Und auch in der Archäologie gilt: Zeit ist Geld.

Daran, dass die Grabung überhaupt in Lügde stattfinden kann, ist Dieter Stumpe übrigens nicht unschuldig. Denn er hat den Detmoldern jahrelang mit seinem Wunsch in den Ohren gelegen, der mutmaßlichen Burgruine doch einmal auf den Grund zu gehen. Im Zuge seiner Recherchen über die Schildburg war er nämlich auf die Forschungsergebnisse von Carl Schuchhardt (1859 bis 1943) gestoßen. Der damals renommierte Archäologe hatte 1916 in Lügde gegraben. Er schloss daraus auf eine kleine Burganlage, wohl aus dem 12. Jahrhundert. „Richtig froh“, ist Stumpe deshalb nun über die Grabung.

Und schon nach ein paar Tagen wissen die heutigen Archäologen mehr: „Auf drei Flächen haben vermutlich Fachwerkhäuser gestanden“, sagt Grabungsleiter Müller-Kissing. Insgesamt geht er von mindestens fünf Gebäuden auf dem Schildberg aus. Umgeben war die kleine Burg wohl von einem hölzernen Palisadenzaun. Ein mögliches Indiz dafür, dass die kleine Burganlage vielleicht nie ganz fertig wurde. „Sonst hätte man die Palisaden durch eine Mauer ersetzt.“

Wegen der alten Hohlwege in der Nähe könnte die Burg zur Kontrolle von Handelswegen beabsichtigt gewesen sein, vermutet Dr. Treude.

Schade nur: Der kompletten Anlage werden die Archäologen nie auf den Grund gehen können. Denn etwa ein Drittel ihrer ursprünglichen Fläche wurde durch den Abbau im Steinbruch zerstört. Johannes Müller-Kissing: „Deshalb ist nur die gute Hälfte überhaupt zu untersuchen.“ Das dennoch erwartete „spannende Ergebnis“ der Lügder Grabung soll nach der Auswertung publiziert werden. Die Gruben selbst werden wieder zugeschüttet. Aus Sicherheitsgründen, damit niemand hineinfällt. Aber auch, weil die Schnitte nicht konserviert werden können.



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