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Bernd Gieseking im Klostersaal

„Finne dich selbst“: Karaoke und Mücken

LÜGDE. Vordergründig ist das, was der aus Minden stammende Kabarettist und Autor Bernd Gieseking, ein Erlebnisbericht über eine Reise nach Finnland. Aber schon allein aus dem Titel seines Programms im Lügder Klostersaal, das es auch in Buchform gibt, lässt sich erkennen, dass das nicht ein Reisetagebuch sein wird.

veröffentlicht am 09.09.2018 um 11:51 Uhr
aktualisiert am 09.09.2018 um 14:40 Uhr

Als ein großartiger Erzähler und Vorleser erweist sich der Autor und Kabarettist Bernd Gieseking. Foto: ak
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Autor

Achim Krause Reporter
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„Finne dich selbst“, heißt es und ist eigentlich eine Liebeserklärung an ein Land, das schon sprachlich so völlig aus dem europäischen Rahmen fällt. Eingebettet ist das in eine sehr persönliche ostwestfälische Familiengeschichte, die diesem Programm die Würze verleiht.

Es dürften aber nicht nur Finnland-Fans gewesen sein, die im Klostersaal in Lügde mit Bernd Gieseking den Auftakt zur inzwischen 18. Spielzeit der Veranstaltungsreihe „Kultur im Kloster“ von Kolpingsfamilie Lügde und dem Kulturbüro OWL erlebten.

Gieseking erweist sich bei seinem Auftritt als ein großartiger Erzähler und Vorleser. Der versierte Satiriker zeigt sich hier auch als witziger Ethnologe, als charmanter Rechercheur, aber auch selbstironisch als Loser auf dem finnischen Tanzboden, wie man unter anderem erfährt.

Der Hintergrund zu diesem Programm ist schnell erzählt: Weil sich sein Bruder Axel in eine Finnin verliebt hat und seine Eltern ihn in seiner neuen Heimat besuchen wollen, bricht er zu einer Familienreise mit alten Eltern auf und fährt aus der ostwestfälischen Provinz nach Lahti. Bei Finnland hat bei uns ja jeder wohl dieselben Assoziationen wie Seen, Sauna, Mücken, Rentiere und Elche. Und eine verteufelt schwere Sprache, wie Gieseking dann natürlich auch vorführt. „Statt eins, zwei, drei heißt es da yksi, aksi, kolme“, führt er in die Geheimnisse des komplizierten finnisch-ugurischen Sprachstammes ein und meint: „Das ist eher eine Strafe als eine Sprache und eignet als Geheimsprache, an der selbst James Bond verzweifeln würde.“

Dennoch schneiden die Finnen im Vergleich mit den europäischen Ländern bei den Pisa-Studien stets in den Spitzenpositionen ab. Gieseking kennt die Erklärung: „Als die Finnen und Ungarn vom Ural an die Ostsee kamen, standen dort zwei Schilder. Eines zeigte nach Süden. Darauf stand fruchtbares Land, warm. Das andere zeigte nach Norden. Das hatte die Aufschrift: karges Land, halbes Jahr dunkel, Mücken, kalt. Alle, die lesen konnten, sind nach Süden gezogen. Und deshalb sind jetzt die Finnen bei den Pisa-Studien immer so gut. Denn sie nahmen sich vor: Das passiert uns nicht noch einmal.“

Aber wer sind die Menschen dort? Verschrobene Einzelgänger? Trinkfest und sangestüchtig? Bernd Gieseking bekommt auf diese Reise einen Crashkurs, vermag es die Eigenheiten der Finnen fast schon liebevoll, auf jeden Fall mit jeder Menge Humor seinem Publikum näherzubringen und zeichnet dabei ein warmherziges Porträt der „verrückten“ Finnen, sozusagen ein Roadtrip mit Blaubeerkuchen und wilden Kerlen, die beim Gehschieber-Tango nicht mehr zu halten sind. Und seine alten Eltern sehen dieses fremde Land aus ihrer Perspektive, projizieren und kommentieren ihre Erlebnisse im hohen Norden im besten ostwestfälischen Platt auf ihre Situation und relativieren alles. Der 60-Jährige ist gelernter Zimmermann mit Gesellenbrief und hat fürs Lehramt das erste Staatsexamen abgelegt. Dieser persönliche Hintergrund hat ihm vielleicht auch eine gewisse Bodenständigkeit vermittelt, die ihm im Handumdrehen auch in Lügde Nähe zum Publikum verschafft. Die sympathische offene Art und die wunderschöne Geschichten mitten aus dem Leben machen diesen Abend im Klostersaal höchst unterhaltsam und kurzweilig.



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