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Thomas Freitag bot bissiges Kabarett

Europa als Trauerspiel

LÜGDE. Mit der Ode an die Freude begann die Elegie über Europa, in der ein abgehalfterter Zeus noch der großen Idee eines vereinten Kontinents voller Ideale nachtrauert. In der ein kapitalistischer Gottesdarsteller bekennt, dass er nur eine von den Menschen stammende Fantasie gewinnbringend vermarktet. Und in der Jesus Christus nur als eine Einzelmeinung von vielen im Christentum eingeordnet wird.

veröffentlicht am 10.12.2017 um 19:10 Uhr

Thomas Freitag brillierte in verschiedenen Rollen. Unter anderem als toter EU-Beamter. Foto: yt
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Autor

Carlhermann Schmitt Reporter
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In seinem Ein-Mann-Stück beleuchtete Kabarettist Thomas Freitag das Trauerspiel um Europa aus unterschiedlichen Perspektiven: Als toter EU-Beamter an einer Haltestelle, die wenig gemein hat mit der Idee des Paradieses. Aber das ist ja aus Sicht der Pietisten und Calvinisten auch kaum zu erreichen. Als evangelischer Selbstmordattentäter, dem zur Belohnung 36 Sozialpädagoginnen im Jenseits winken (wegen der Doppelnamen bekommt er keine 72 von ihnen).

Der Lügder Klostersaal war nicht ausverkauft, als der bekannte und renommierte Kabarettist am Feitag sein absurdes Drama „Europa, der Kreisverkehr und ein Todesfall“ aufführte. Thomas Freitag hätte es für seinen Auftritt aber verdient gehabt. Und auch nicht alle Gäste sind aus dem richtigen Grund gekommen. Kaum dass Freitag die Bühne betreten hatte, wurde gelacht und gekichert. Erwartet wurde offensichtlich Klamauk im Stile einer Franz-Josef-Strauß-Parodie. Die gab es aber nicht. Sicher es gab Pointen. Da wurde die Frage in den Raum gestellt, ob der Kreisverkehr mit der christlich-abendländischen Tradition breche, die Kreuzungen bevorzugt. Oder ob sechs Wochen Fußmarsch auf dem Jakobsweg getoppt werden können von einer Autofahrt von Dortmund nach Oberhausen.

Es ging aber nicht um Kalauer. Es ging um den Verrat an der Idee des Humanismus, wenn Errungenschaften wie offene Grenzen verteidigt werden sollen mit Zäunen, Grenzsoldaten und Schießbefehl. Wenn die Menschlichkeit geopfert wird zugunsten von Bankenrettung. Es ging um den Krieg von Arm gegen Reich, den der milliardenschwere Finanzinvestor Warren Buffett schon benannt hatte. Und es ging darum, wie die Armen bekämpft werden, statt die Armut.

Der Kabarettist als „Zeus“. Foto: yt
  • Der Kabarettist als „Zeus“. Foto: yt

Thomas Freitag prangerte mit bitterem Humor die Kleingeistigkeit an, die Gier, die zur Religion erhoben wurde, in deren Namen die europäischen Staaten Flüchtlinge im Mittelmeer ersaufen lassen, „Gutmensch“ als Schimpfwor verwendet wird und dem Straßenvolk verkauft wird, die Freiheit nur retten zu können durch deren Einschränkung. Und Thomas Freitag rief auf, sich wieder der alten Ideale zu erinnern, der klassischen griechischen, die die Demokratie als Idee der Gleichen unter Gleichen ins Leben riefen, des Christentums mit seiner Bergpredigt, das auch den Schwachen ein lebenswertes Dasein verspricht, des Humanismus, der die Würde des Menschen für unveräußerlich hält. Und der Idee eines Europas, in dem gleiche und freie Menschen friedlich zusammenleben und in Freiheit und Einigkeit nach Größerem streben können. Der Kabarettist bot dem Publikum tiefgründige und intelligente Unterhaltung.



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