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Flüchtlinge im Praktikum: Zu Besuch in drei Unternehmen in Lügde und Rischenau

Endlich wieder was tun

Integration durch Arbeit – diese Devise wird allenthalben propagiert. Einige in Lügde lebende Flüchtlinge haben jetzt durch Vermittlung ehrenamtlicher Unterstützer Praktika in Lügder Unternehmen absolviert. Wir haben drei der jungen Männer besucht – beim Friseur, im Elektronik-Fachhandel und in einer Werbefirma. (jl)

veröffentlicht am 11.04.2016 um 19:30 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:37 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Lügde. Die meisten in Deutschland gelandeten Flüchtlinge tun hier bisher vor allem eines: Sie warten. Auf ihre Registrierung, die Asyl-Anhörung, den Entscheid, eine Arbeitserlaubnis, einen Sprachkurs. Das Warten macht auf die Dauer mürbe. Es raubt die Motivation, sich ranzuhalten – und die Hoffnung auf das Gelingen ihres Lebens.

Doch ein paar seit 2015 in der Osterräderstadt lebende junge Männer haben die Chance bekommen – und genutzt –, dem zehrenden Schwebezustand wenigstens für ein paar Wochen zu entfliehen. Sie haben durch private Kontakte Praktika in Lügde bekommen.

Einer von ihnen ist Nour B.. Als der 32-Jährige im vergangenen Herbst in Lügde ankam, war er sehr still. Er wirkte niedergeschlagen und bedrückt. Ein Foto auf seinem Handy konservierte die Erinnerung an die eigene Firma in Syriens Hauptstadt Damaskus. Das Bildchen zeigt den Mediengestalter stolz strahlend an seinem Schreibtisch – bevor die Polizei den Webdesigner das erste Mal holte und einsperrte. Weil sein nächtliches Arbeiten ihnen subversiv erschien, zerstörten die Männer später die Einrichtung, erzählt er.

2 Bilder
Endlich arbeiten: Webdesigner Nour B. (32) an seinem Lügder Praktikumsplatz. Fotos: jl

Handy-Foto konserviert

die Erinnerung an die eigene Firma

Jetzt sitzt B. für vier Wochen im Büro der „Kreativen Werbung“ im Lügder Industriegebiet. Hierhin vermittelt hat ihn auf Betreiben der Lügderin Hildegard Steinhage die S & H-Stiftung. Momentan bastelt er am Internet-Auftritt eines Pyrmonter Unternehmens. „I love these people“ – ich liebe diese Leute –, sagt B.. Dabei strahlt er Rebekka Nowrotek am Nebentisch und den Agentur-Co-Chef Stephen Barron an, der gerade gegenüber Platz genommen hat.

„Seine Fähigkeiten sind sehr, sehr gut“, sagt Barron über B.. Weil der fluchtbedingt fast drei Jahre in seinem Beruf pausieren musste, war er zwar zunächst etwas aus der Übung. „Aber er ist sehr engagiert und geht darin auf.“ Anfangs half der Praktikant beim Bilder-Freistellen per Photoshop, dann bekam er eigene kleine Projekte. „Aber noch verdienen wir nichts an ihm“, sagt der Chef.

Während Nour B. auf seinem Entwurf im Rechner ein Bild zurechtrückt, sagt er: „Wenn man diesen Job liebt, will man ihn gut machen.“ Wie wohl er sich mit ihnen fühlt, hat er den Kollegen neulich mittags gezeigt: Da fuhr er fürs Mittagessen der Belegschaft einen Teller voller knuspriger Hähnchenschenkel auf.

Die deutsche Sprache ist indes eine ziemliche Herausforderung für den Syrer. Der stellt er sich jetzt bei Werner Preston. Denn im VHS-Deutschkurs in der Kernstadt kam der 32-Jährige nicht recht klar. „Jetzt fahre jeden Morgen mit dem Fahrrad nach Elbrinxen, für zwei Stunden Unterricht“, erzählt B., sichtlich begeistert von den Lektionen beim ehemaligen Elbrinxer Arzt. Was Stephen Barron betont, ist auch ihm klar: „Die Sprache ist das A und O.“ Die Kollegen bauen nun darauf, dass er möglichst schnell Deutsch lernt. „Wir wollen ihm nicht zuviel versprechen“, sagt Stephen Barron. Aber so viel verspricht er dann doch: „Wir lassen ihn nicht aus den Augen – und hoffen auf die Arbeitsagentur“. Die Freundschaft sei schonmal da. „Jetzt müssen wir sehen, was die nächsten Wochen bringen.“

Am guten Willen der Behörden scheint auch das Schicksal der beiden anderen Praktikanten Hanee A. aus Syrien und Siyawash M. aus dem Iran zu hängen.

„So ganz aus Jux und Dollerei machen wir das nicht“, erklärt M.s Chef Fritz Köller in Rischenau. „Denn wir suchen immer Leute, die nicht dumm, sympathisch, teamfähig und willig sind, bei uns zu arbeiten.“ Die zu finden, sei unter ausgebildeten Einheimischen nicht einfach.

Dass er mit dem von Oliver Jürgens vermittelten Siyawash M. einen Glücksgriff getan hat, glaubt Köller schon nach wenigen Wochen. Er bewundert, wie gut der 30-Jährige nach acht Monaten im Land Deutsch spricht. „Das macht Spaß mit ihm“, sagt Köller. „Wir haben Interesse daran, dass er hier bleibt.“ Dass sein Betrieb mehr elektronisch ausgerichtet sei, während sein Praktikant das Schwergewicht im früheren Job eher auf Elektrik legte, hält der Meister für kein großes Problem. „Es ist ja noch in einem Alter, wo man was lernt“, sagt er über M., der an diesem Tag einen Fernseher repariert hat.

Und wie schmeckt dem smarten Iraner der Job in Rischenau? „Mit gefällt alles, und mir ist Vieles neu“, sagt der 30-Jährige in fehlerfreiem Deutsch. Das pauken er und seine Frau gemeinsam in ihrem neuen Zuhause in Lügde.

Das Arbeitssystem hier nennt er „sehr interessant“. Gehe in seiner Heimat ein Gerät kaputt, müsse man sich ins Auto setzen und das Ersatzteil aus einem anderen Ort holen. „Hier bestellt man es im Internet.“ Das Netz ist indes M.s zweite Heimat. Seit Jahren schreibt er für ein Menschenrechts-Forum. Er plant, seine Texte baldmöglichst zu übersetzen, um sie auch hiesigen Lesern zugänglich zu machen. Vor allem, um in der Bundesrepublik heimisch zu werden, ist er überzeugt: „Das Wichtigste ist Deutsch lernen.“

Das hat Hanee A. noch vor sich. Er lebt noch nicht lange in Sabbenhausen. Aber während seines dreiwöchigen Praktikums im Lügder Friseursalon von Tina und Christine Kliche habe der 20 Jahre alte Syrer schon eine Menge gelernt, finden die beiden. „Er super motiviert.“ Dass er als Herrenfriseur kein Neuling ist, sei seinen Schnitten anzusehen. „In Damaskus hatte ich mit einem Freund eigenen Salon mit drei Plätzen“, erzählt A., während der dem zwölf Jahre alten Mahdi aus Lügde einen modischen Kurzhaarschnitt verpasst.

„Wir werden uns dafür starkmachen, dass er weitermachen kann“, sagt Tina Kliche, die ihren Praktikanten am liebsten als Auszubildenden einstellen würde, um ihm auch das Rüstzeug als Damenfriseur zu geben. „Er ist jung und hat eine Zukunft verdient“, findet sie. Ihren Erfahrungen nach nehmen einheimische junge Leute den Beruf nicht mehr ernst.

Dass Hanee A. in ihrem Salon landete, war Zufall. Den Kontakt stellte ihr Kunde Ralf Wagner her, der sich in Sabbenhausen um den jungen Syrer kümmert. „Er erzählte, dass da einer ist, der den anderen Flüchtlingen oft die Haare schneidet.“ Dann habe sich der 20-Jährige vorgestellt, „und war uns gleich sympathisch.“

Um die Integration von Flüchtlingen geht es morgen, beim nächsten „Café International“, das Einheimische und Neu-Lügder ab 16 Uhr im Lügder Wichernhaus zusammenbringt. Mit dabei ist diesmal auch Andrea Lemm von der VHS Lippe-Ost. Sie will über einen künftig in Lügde geplanten Integrationskurs informieren. Mehr Infos zu den Kursen finden sich im Internet auf www.bamf.de – auch die Anträge für Flüchtlinge für die Zulassung zu einem Integrationskurs. Wissenswertes zu Anträgen, Anmeldung und Kursen gibt es in der VHS-Hauptgeschäftsstelle in Schieder unter Telefon 05282 / 98040.



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