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Wie Bundespolizist Albert Holtkamp Lügder Grundschüler zur Vernunft erzieht / Anlass: Spielende Kinder auf den Gleisen

Eine inbrünstige Warnung vor der tödlichen Gefahr

Lügde. „Eigentlich dachte ich, dass seit dem Bau des Fußgängertunnels und der Anhebung der Bahnsteige Ruhe wäre“, sagt Albert Holtkamp. Doch da hat sich der Bundespolizist getäuscht. Obwohl der Weg über die Gleise seit der Neugestaltung des Lügder Bahnhofsgrundstücks vor dreieinhalb Jahren unbequemer geworden ist als früher, wählt noch immer mancher den kürzeren, lebensgefährlichen Weg. Sei es, um schneller in Richtung Kilianstraße oder in die Stadt zu gelangen. Oder, weil der einzige Fahrscheinautomat des kleinen Bahnhofs auf Gleis 2 steht.

veröffentlicht am 20.01.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 18.01.2017 um 11:17 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Der aktuelle Anlass für Holtkamp, nach mehrjähriger Pause nun doch wieder in Lügde vorbeizuschauen, sind allerdings die Anrufe aufmerksamer Bürger in der Grundschule. „Eine Frau berichtete uns, dass offenbar ein paar jüngere Schulkinder auf den Gleisen spielten“, sagt Schulleiterin Anneli Runte. „Wahrscheinlich aus der vierten Klasse.“

Von dem Hinweis alarmiert, rief die Schulleiterin sofort bei Albert Holtkamp an und bat ihn nach Lügde. Denn sie weiß: Wenn der Polizist in den Unterricht kommt, ist ihm die Aufmerksamkeit der Kinder sicher.

Denn der 54-Jährige fesselt seine jungen Zuhörer von der ersten Minute an, wenn er ihnen klarmacht: „Bahnanlagen sind kein Abenteuerspielplatz!“ Nicht zu drastisch, aber doch eindrücklich erzählt er von Daniel, Fabian und anderen, die beim Spielen an den Gleisen verletzt wurden oder gar zu Tode kamen. So bringt er den Drittklässlern die Sogwirkung eines vorbeirauschenden Zuges nahe, indem er einen Jungen urplötzlich bei den Armen greift und blitzschnell für einen Moment zu sich heranzieht.

Eine volle Stunde lang fesselt Bundespolizist Albert Holtkamp die Kinder der Lügder Grundschulklasse 3 a mit seiner „Herzensangelegenheit“: Eindrücklich warnt er bei seinem Frontalunterricht davor, die Bahngleise zu betreten. Denn Anwohner haben der Schule von dort spielenden Kindern berichtet. Fotos: jl

Ebenso packt er die Kinder mit Worten. Dann ruft er in die Runde: „Darf man da spielen?“ und ihm schallt ein vielstimmiges „Nein!“ entgegen. Oder er will von seinen jungen Zuhörern wissen, worin der Reiz des Verbotenen liegt und ob sie dabei Herzklopfen haben. Und er wiederholt, mit Blick auf den Gruppenzwang zur Mutprobe, mehrfach: „Wenn ihr Herzklopfen habt, sagt ,Nein!“ Und das versprechen ihm die kleinen „Hilfspolizisten“ sofort.

Dann wieder durchmisst der durchtrainierte Beamte den freien Raum zwischen den Tischen mit großen Schritten, um den Acht- bis Zehnjährigen ein Gefühl für Entfernungen und Bremswege zu vermitteln. So macht er ihnen klar: Ein 140 Stundenkilometer schneller Zug, der bis zu 500 Meter bis zum Bremsen braucht, ist eine tödliche Gefahr.

Wenn Holtkamp eine Stunde lang mit vollem Körpereinsatz den inbrünstig mahnenden Entertainer gibt, dann scheint an ihm ein Fernsehprediger verloren gegangen. Dabei arbeitete er, bevor er 1980 zur Polizei ging, bei der Bahn, unter anderem als Fahrdienstleiter im benachbarten Bad Pyrmont.

„In 30 Jahren habe ich sieben Kinder tot aus den Gleisen geholt, und manchmal kann ich deshalb nicht schlafen“, erzählt er der Klasse 3 a. „Und ich will nicht, dass einer von euch das achte ist.“ Mit dieser Mahnung benennt der Uniformierte zugleich seinen Antrieb für die vorbeugenden Einsätze in den Schulen. „Das ist mir eine Herzensangelegenheit.“ Das sagt er jedes Mal. Aber wer ihm zusieht, glaubt ihm das aufs Wort.

Nach der Stunde, als er sich im Lehrerzimmer von der Schulleiterin verabschiedet, sagt Albert Holtkamp, der gerade wieder einmal alles gegeben hat: „So, mehr kann ich nicht machen.“ Und er hofft, dass die Eltern die Zettel lesen, die er den Kindern gegeben hat. Und dass die Erwachsenen im Allgemeinen mit gutem Beispiel voran- – und durch den Tunnel gehen.

Geschafft ist der Bundespolizist nach seinen zwei morgendlichen Präventiv-Einsätzen aber noch längst nicht. „Eigentlich wollte ich heute noch 15 Kilometer für den Hermannslauf trainieren“, sagt er – und geht mit großen Schritten zum Bahnhof. Durch den Tunnel zum Zug in Richtung Paderborn.

Dieser Zufalls-Schnappschuss vom vergangenen Sommer beweist: Längst nicht jeder geht am Lügder Bahnhof durch den Tunnel.



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