weather-image
21°

Eine Gemeinschaft bilden

Wie Lügdes Grundschulen mit Inklusion umgehen

veröffentlicht am 29.06.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 05:41 Uhr

270_008_6442965_pn301_2906.jpg

Autor:

von claudia guenther
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Lügde. Alle Kinder, die in einer Dorfgemeinschaft leben, sollen gemeinsam die Schule besuchen und miteinander lernen. Eigentlich normal – so denkt man. Doch bisher wurden bereits im Kindergarten, bei den Vorsorgeuntersuchungen des Arztes oder in der Vorschule Kinder herausgepickt, die nicht der „Norm“ entsprechen und einen „besonderen Förderbedarf“ benötigen.

„Bei der Einschulung haben Kinder einen Entwicklungsunterschied von drei bis vier Jahren“, beruft sich Dr. Falko Peschel, Schulleiter der Bildungsschule Harzberg, auf Erkenntnisse des Schweizer Kinderarztes und Psychologen Remo Largo. Sind die Kinder 13 Jahre, beträgt dieser Entwicklungsunterschied sieben bis acht Jahre. „Wenn das so ist, dann sind diese Unterschiede normal und keine Behinderung“, meint der Erziehungswissenschaftler. „Mich ärgert, dass im Zusammenhang mit Inklusion Schule nicht neu gedacht wird. Es wird im Moment nach außen Inklusion genannt, aber nur Integration gemacht. Doch Integration ist das krasse Gegenteil von Inklusion.“ Erst würden Kinder ausgegrenzt und diagnostiziert, die anschließend integriert werden sollen. „Die Hospitanten an unserer Schule sagen immer, dass sie anfangs die Kinder mit und ohne Förderbedarf nicht voneinander unterscheiden können“, betont Harzberg-Lehrerin Steffi Peschel.

Bisher werden viele dieser „Kinder mit Diagnose“ auf Förderschulen geschickt, die auf Lernbehinderungen, sprachliche Entwicklung, emotionale-soziale Entwicklung, geistige Entwicklung, Sehbehinderung oder Körperbehinderung spezialisiert sind. Das führt dazu, dass die Kinder aus ihrem sozialen Umfeld gerissen werden und nicht mehr mit Nachbarskindern oder Kindergartenfreundschaften in eine Klasse gehen, sondern viel Zeit im Taxi oder im speziellen Schulbus verbringen, um jeden Morgen von Lügde aus nach Blomberg, Bega, Horn, Paderborn oder Bielefeld zu fahren.

Obwohl die Inklusion seit der 2009 ratifizierten UN-Menschenrechtskonvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Deutschland rechtsgültig ist, hapert es mit der Umsetzung, doch aufgrund dessen „ist die Beschulung an Regelschulen einklagbar“, betont Peschel.

Schülern mit besonderem Förderbedarf stehen Integrationshelfer zu, die vom Jugendamt, beziehungsweise der Schulbehörde bewilligt werden müssen. Sie begleiten das Kind in die Schule und helfen ihm bei der Strukturierung des Lernens. „Das ist Sisyphusarbeit, den überhaupt bewilligt zu bekommen“, sagt eine Lügder Grundschullehrerin. Die Eltern eines ihrer Schüler hätten dem Schulamt sechs Berichte verschiedener Institutionen vorlegen müssen. Es sei ein wahnsinniger psychologischer Druck und Kraftaufwand über einen langen Zeitraum für die Familie gewesen, um das Kind, das sich in der Klasse sehr wohlfühlt und befriedigende bis gute Leistungen erzielt, in der Klasse zu halten. Ohne Integrationshelfer wäre dies nicht möglich und der Junge hätte nach Blomberg zur Schule gemusst.

Schulleiterin Annelie Runte bedauert, mit der Umsetzung der Inklusion an der Schule weitestgehend allein gelassen zu werden. Für Schüler mit besonderem Förderbedarf seien zwei Stunden wöchentlich durch die Sozialpädagogin zu wenig. Glücklicherweise habe die Stadt Lügde, im Gegensatz zum Kreis, an ihrem Versprechen festgehalten und finanziert an der Lügder und Rischenauer Grundschule jeweils vier Stunden. Alle Schüler müssten berücksichtigt werden und benötigten die Aufmerksamkeit der Klassenlehrer, deshalb seien Schulbegleiter sowie eine großzügige Aufstockung der Sozialpädagogen-Stelle unabdingbar.

„Wir sind aus Lügde abgewandert“, berichtet eine Mutter, deren Kind jetzt in eine Bad Pyrmonter Integrationsklasse geht. Das Schulamt wollte das Kind auf eine Blomberger Grundschule schicken, obwohl die nähere Grundschule Schieder das Kind normal einschulen wollte. Das Kind hat eine Trisomie, die fortbestehen wird, trotzdem muss die Familie alle sechs Monate erneut einen ausführlichen Antrag auf einen Schulbegleiter stellen, ohne den das Kind die Regelschule nicht bewältigen könnte.

Die Rischenauer Grundschule besucht seit diesem Schuljahr ein Junge der Rollstuhlfahrer ist, ebenfalls mit Schulbegleiter. Die Schulpsychologin habe gesagt, das täte sichtbar allen Kindern gut und würde die Gemeinschaft stärken, berichtet Schulleiterin Barbara Gutenbeil und meint, „Inklusion ist wichtig, damit behinderte Kinder für uns was Normales sind und sie nicht auf einer Insel sind und ab und zu mal teilnehmen dürfen“.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare