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Zwischen seiner einzigartigen Sammlung lebte Walther Lehnert förmlich auf

Die Wohnung als Privatmuseum

Der Lügder Walther Lehnert lebte inmitten von Möbeln und Zierrat aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Er hatte seit den 1980er Jahren eine ungewöhnliche Sammelleidenschaft entwickelt und sein Haus in ein Privatmuseum verwandelt. Bad Pyrmonts Ex-Museumsleiter erinnert sich an seine Besuche bei Lehnert, der 2017 verstarb – Teil 2 seines Berichtes.

veröffentlicht am 19.01.2019 um 10:00 Uhr

Gefäße aus einer anderen Zeit: Walther Lehnert interessierte sich vor allem für Gegenstände aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Foto: jl/Archiv
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Autor

Dieter Alfter Reporter
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Walther Lehnerts Sammlung von Büchern und Dokumenten, überwiegend zu kulturgeschichtlichen Themen, war geprägt von der Zeit des 18. Jahrhunderts. Das Material zur Pyrmonter Badgeschichte war für ihn von besonderem Interesse. Häufiger hat er für Ausstellungen Leihgaben zur Verfügung gestellt. Das örtliche Museum hatte kein Interesse an dieser Sammlung, stattdessen befindet sich der Bestand heute im Stadtarchiv. Die Bilder aus dem 19. Jahrhundert, darunter seltene Arbeiten in Gouache-Technik, zieren die Wände des Archivs.

Die Bibliothek bestand aus rund 100 Büchern des 18. und 19. Jahrhunderts und enthielt viel seltenes Werbematerial des Kurorts aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Besonders rar ist die in Lemgo gedruckte Kurliste aus dem Jahr 1752, in der auch „Capell-Director“ Georg Philipp Telemann aus Hamburg als Gast des „Gesund-Brunnens“ zu Pyrmont genannt wird.

Wer die Räume und Flure von Lehnerts Haus an der Mühlenstraße 7 kennenlernen durfte, kam in eine andere Welt. Der Besucher wurde in die Zeit des späten 18. und des 19. Jahrhunderts versetzt. Die Musikanlage mit CDs von Werken aus der Zeit des Barock und des Klassizismus war in einem klassizistischen Schrank der Ära um 1800 versteckt, PC und Fernsehgerät standen im Erdgeschoss wie Fremdkörper aus einer anderen Zeit. Neben Küche und Badezimmer gab es keinen Raum, der nicht von den bürgerlichen Epochen des Klassizismus, des Biedermeiers oder des Historismus lebte. Lehnert hielt sich in seiner Freizeit gern in Museen auf – am liebsten im Pyrmonter Heimatmuseum, ab 1986 im neu eingerichteten Museum im Schloss Pyrmont. Er suchte förmlich den Kontakt zu Zeugnissen der Vergangenheit.

Die Fülle historischer Skulpturen gibt einen Eindruck von der übergroßen Sammelleidenschaft des Lügders. Foto: jl/Archiv

Bei meinen Besuchen fiel mir immer wieder auf, dass Lehnert in den Räumen seines Hauses ein ganz anderer Mensch war. Seine mit Kunstgegenständen möblierten und dekorierten Wohnräume gaben ihm eine Sicherheit, die er außerhalb des Hauses nicht zeigte. An den Abenden saß er auf seinem Biedermeier-Sofa im Obergeschoss seines Hauses, umgeben von einem Tabernakel, zahlreichen Skulpturen, mehreren Schreibsekretären und fein gearbeiteten Kommoden sowie goldgerahmten Porträts, Landschaftsgemälden, französischen Pendülen, seltenen Pyrmonter Ansichten aus der Biedermeierzeit, Glasgefäßen und Porzellangegenständen – all das bildete das anregende Umfeld für Gespräche. Und immer wieder holte er aus Regalen oder den Schubladen der Möbel neue, überraschende Bücher und Grafiken hervor, die seine Gedanken beflügelten.

Im Eingangsflur hingen die großformatigen Porträts von Dominikus Carli und seiner Frau Barbara. Carli war im frühen 19. Jahrhundert ein einflussreicher bayerischer Finanzrat und Vorstand des Augsburger Handelsstandes. So entstand eine Beziehung zwischen der venezianischen Hochzeitstruhe, Ausdruck des Reichtums des Handelsstandortes Venedig und der früheren Reichsstadt Augsburg, der Geldmetropole in Schwaben. Viele solcher Assoziationen ließen sich in den Räumen herstellen. Die Beschäftigung mit seinen Sammlungsstücken waren der Dialog und die Sprache, mit der Lehnert in seiner freien Zeit umging. Sie gaben ihm Kraft für die Widrigkeiten des alltäglichen Lebens.

Als Walther Lehnert todkrank im Bathildiskrankenhaus in Bad Pyrmont lag, beschäftigte ihn eine Sorge intensiv: Was geschieht mit seiner Kunstsammlung? Die Lösung: Das Lippische Landesmuseum und das Freilichtmuseum in Detmold, das Museum im Schloss Pyrmont sowie das Stadtarchiv sollten sich die Kunstgegenstände und Dokumente auswählen, die zu ihren Schwerpunkten passten. So fanden vier Gemälde, drei Grafiken und vier kunstgewerbliche Objekte ihren Weg ins Landesmuseum. Das Freilichtmuseum hingegen musste auf eine Übernahme verzichten, weil keine Objekte mit nachweislicher westfälischer Provenienz dabei waren. Lehnert war einverstanden damit, dass verbleibende Objekte an den Kunsthandel verkauft würden. Am Tag vor seinem Tod verriet er, dass die wertvolle Kurliste von 1752 in einem Geheimfach eines Sekretärs verborgen war und in welchem Kästchen sich die Haarlocke von Königin Luise befand.



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