weather-image
23°

Unterstützung durch mehrere Hundert Einheimische half nichts

Die „freiwillige Ausreise“ einer Familie

LÜGDE. Von Kindeswohl ist viel die Rede in diesen Wochen. Doch, abgesehen von den deutschlandweit schlagzeilenträchtigen Ermittlungen in dem immer monströser scheinenden Missbrauchsfall von Elbrinxen, gibt es auch Lügder, die sich fragen, welche Rolle das Kindeswohl für Entscheidungen in Lippes Ausländerbehörde spielt.

veröffentlicht am 13.02.2019 um 22:42 Uhr

Offiziell berufen sich alle zur Ablehnung des Asylantrags der Familie befragten amtlichen Adressaten auf Recht und Gesetz und den Datenschutz. Die „menschliche Katastrophe“ dahinter wird dann hinter vorgehaltener Hand eingestanden. SymbolFoto: dpa
Juliane Lehmann

Autor

Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Ganz konkret im Fall der Familie H.. Ihr Name wird hier abgekürzt, weil die bei vielen Menschen in der Osterräderstadt und darüber hinaus geschätzte Familie Deutschland Ende vergangener Woche verlassen hat. Es fehlt derzeit die Möglichkeit, sie persönlich zu sprechen.

Das Flugziel der Familie: Armenien. Allerdings haben die H.s in ihrer Heimat nichts mehr. Das Haus in der umkämpften Region Bergkarabach, in dem sie lebten, steht nicht mehr. Die Gegend ist seit Jahren Schauplatz bewaffneter Auseinandersetzungen zwischen Armenien und Aserbaidschan. Der aktuelle Sicherheitshinweis des Auswärtigen Amts lautet: „Von Reisen in die Region Bergkarabach (…) wird dringend abgeraten.“ Ein sicheres Herkunftsland ist Armenien auch laut bundesdeutschem Innenministerium nicht. Die Familie soll fürs Erste bei einer Verwandten nahe der Hauptstadt untergekommen sein.

Das Schicksal der H.s raubt auch Lügdern den Schlaf, die der Familie nahestehen. Und von denen gibt es in der Osterräderstadt eine ganze Menge. Denn die Familie galt als eine Art Musterbeispiel für das offiziell immer wieder gewünschte Integrationsbemühen. Seit die Eltern und ihre zwei Kinder in Lügde lebten, waren sie um Kontakt zu Einheimischen bemüht. Der Vater fing schnell beim TuS „Westfälische Eiche“ zu turnen an, die Mutter brachte sich überall ein, wo eine helfende Hand gebraucht wurde. Und auch als Arbeitskräfte wären die Eltern willkommen gewesen.

Eine von Freunden gestartete Petition brachte im Sommer 2018 binnen weniger Wochen mehrere Hundert Unterschriften. Aber auch eine Anrufung der Härtefallkommission des Landes half letztlich nichts.

Nach monatelangem, auch für ihre Unterstützer zermürbenden Nervenkrieg, von einer Duldung zur nächsten, rangen sich die H.s schließlich zur Rückkehr nach Armenien durch. „Freiwillige Ausreise“ nennen die Behörden das. Ihre Freunde in Lügde erzählen, die Eltern hätten vor allem ihren Kindern den Stress einer behördlich organisierten Abschiebung ersparen wollen. Auf diese Weise konnten die Kinder – ein Viertklässler mit Gymnasialempfehlung und großem Handballtalent sowie seine ebenfalls pfiffige kleine Schwester aus der zweiten Klasse – wenigstens noch Abschied von ihren Mitschülern nehmen. Dass der Große nach dreieinhalb Jahren in Lügde deutlich besser Deutsch spricht als Armenisch und die Kleine ihre Muttersprache beinahe ganz vergessen hat, war ebensowenig entscheidungsrelevant wie die erfolgreichen Bemühungen ihrer Eltern, Deutsch zu lernen.

Dass beide Eltern Ausbildungsverträge in der Tasche hatten, soll die Ausländerbehörde ebenfalls nicht interessiert haben. Die Arbeitserlaubnis des Vaters wurde abgelehnt, über die Erlaubnis für die Mutter soll die Behörde gar nicht entschieden haben.

Offiziell berufen sich alle zur Ablehnung des Asylantrags der Familie befragten amtlichen Adressaten auf Recht und Gesetz und den Datenschutz. Die „menschliche Katastrophe“ dahinter wird dann hinter vorgehaltener Hand eingestanden. Einen Ermessensspielraum, um eben diese Katastrophe zu verhindern, sah jedoch niemand. „Letztlich ist keiner verantwortlich“, schildert eine Freundin der Familie, die ungenannt bleiben möchte, ihren Eindruck. Die Lügderin glaubt: „Hier ist alles schiefgelaufen, was schieflaufen kann.“ Zum Schluss habe die Familie dem Druck, dem sie hier ausgesetzt war, einfach nicht mehr standgehalten.

Für sie und die anderen Unterstützer bleiben viele Fragen offen: So etwa, warum die Ausländerbehörde vor wenigen Wochen auf die offenbar vergleichsweise kurze Einschätzung einer Amtsärztin mehr gab als auf zwei ausführlichen ärztlichem Fachgutachten zum mittlerweile psychisch schlechten Gesundheitszustand des Vaters. Und: Warum der Anwalt der Familie das amtsärztliche Schreiben erst Tage später erhielt, nachdem ein Mitarbeiter der Ausländerbehörde erklärt hatte, man habe es bereits gefaxt.

Eine andere Flüchtlingshelferin schildert ihren Eindruck über das vermutlich von politischem Druck zur „Rückführung“ abgelehnter Asylbewerber beeinflusste Vorgehen der Ausländerbehörde mit: „Im Zweifel lieber gegen den Flüchtling.“ Integration sei offenbar gar nicht erwünscht.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?