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Dr. Werner Preston hat Flüchtlinge ein Jahr lang unterrichtet

Deutsch in Elbrinxen: „Letzter Tag heute! Kein Diktat!“

veröffentlicht am 05.09.2016 um 23:04 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:12 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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„Nimm noch ein Stück Kuchen, Du sollst dicker werden“, sagt Hussein I. (Namen d. Red. bekannt). Dabei schiebt der 31-Jährige einen soeben beladenen Pappteller über den Tisch. Sein Gegenüber Siyawash M. kontert grinsend: „Oh Hussein, Du bist schon etwas dicker geworden.“ Darauf setzt sich der Kuchengeber kerzengerade auf, überlegt nur kurz und sagt dann: „Ich kontrolliere mein Gewicht auf einer Waage.“

Spontane Quatsch-Dialoge wie dieser wären kaum bemerkenswert – hätten die Sprecher nicht erst vor einem Jahr begonnen, Deutsch zu lernen. In einem privaten Kurs, den Dr. Werner Preston in Elbrinxen anbot. Einfach so. Ohne Honorar. Ohne Bürokratie. Täglich zwei Stunden lang. Weil der 70-Jährige zu denen gehört, die nicht tatenlos jammern, sondern machen.

Anfangs stellte sich Preston vor das Haus, in dem damals alle in Elbrinxen untergebrachten Flüchtlinge lebten und rief alle möglichen Schülerinnen und Schüler mit einem kräftigen Pfiff zum Unterricht. „Hätte ich einen Tettel ausgehängt, hätte das ja keiner lesen können“, erzählt er.

Der Kurs fand zunächst im Flüchtlingshaus selber statt. Doch bald reichte der Platz dort nicht mehr, und der Kurs kam im evangelischen Gemeindehaus des Dorfes unter. „Zeitweise kamen 24 Leute“, erzählt der Lehrer, der früher der Hausarzt des Ortes war, aber auch vor Jahrzehnten schon einmal Deutsch für Ausländer unterrichtete.

Damals erhielt er das Rüstzeug für die systematische Vermittlung der Sprache. Die Gabe jedoch, seinen Schülern die für sie vollkommen neuen Worte und deren Sinn, die Rechtschreibung und Grammatik mit vollem Körpereinsatz draufzuschaffen, brachte Preston selbst mit.

Wenn der Mediziner im Ruhestand, der nebenher auch immer wieder urlaubende Kollegen in ihren Praxen vertritt, vorn an der Tafel kleine Luftsprünge vollführt, auffordernd mit den Armen rudert und seine Schüler grimassierend zum Reihum-Aufsagen selbst komplizierter Verb-Konstruktionen anstachelt, dann macht das Lust aufs Lernen. Und all das Schwere scheint schon ein klein bisschen leichter.

Prestons Kaspern und sein Showtalent halten auch jene bei Laune, die – vielleicht aus Furcht um die Familie in der kriegsgebeutelten Heimat oder in der lähmenden Ungewissheit über ihre Zukunft – nachts kaum schlafen und morgens ziemlich gerädert zum Unterricht erscheinen.

Exakt zwölf Monate nach der ersten Lektion ging sein Privatunterricht jetzt zuende. Zum harten Kern zählten am Schluss noch drei Frauen und vier Männer. „Die meisten Geflüchteten, die anfangs in Elbrinxen lebten, sind ja inzwischen nach Lügde verzogen“, nennt Preston einen Grund für die gesunkenen Teilnehmerzahlen. Falls ihn das frustiert, lässt er es sich nicht anmerken: „Letzter Tag heute! Kein Diktat!“, verkündet er – und lässt alle das Passiv von „Lieben“ im Präsenz durchkonjugieren. Und alle anderen Zeiten, von Futur bis Plusquamperfekt. Als Hussein I. dann grinsend erklärt: „Die deutsche Sprache ist einfach“, ist klar: Das kann nur ironisch gemeint sein. Und man bekommt eine Ahnung davon, wie mühsam es ist, all die Dinge systematisch zu erlernen, die Muttersprachler von kleinauf nebenher mitbekommen haben.

Zum Abschied sagt Werner Preston: „Ein bisschen habt Ihr gelernt – auch Du“ in Richtung Hussein. Dass der ziemlich viel gelernt hat, zeigt seine Antwort, in die er eine Portion gespielter Empörung legt: „Das ist wirklich unhöflich, Werner.“ Und Preston strahlt übers ganze Gesicht.

Für jene, die bis zum Schluss dabeigeblieben sind und zwischendurch auch noch den mehrmonatigen Anfängerkurs der VHS Lippe-Ost absolviert haben, hat sich das Pauken gelohnt. Sie dürften in einem künftigen Integrationskurs zu den Fitten zählen. An drei der Teilnehmer denkt Werner Preston heute besonders: Sie stellen sich bei der VHS jetzt schon der Sprachprüfung „Deutsch B1“.



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