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Detmolder Sozialrichterin weist Klage ab: Ex-Heimkind Wolfgang Focke steht keine Opferrente zu

Der Kampf geht weiter

Detmold. In Sabbenhausen lebt Wolfgang Focke schon seit knapp zwei Jahren nicht mehr. Jetzt aber kehrte das Ex-Heimkind für einen Tag ins Lippische zurück: zur Verhandlung über seine Klage auf Opferrente gegen den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Die Richterin wies die Forderung des 69-Jährigen jedoch ab.(jl)

veröffentlicht am 28.10.2015 um 20:46 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:53 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Detmold. Dass es im Leben nicht gerecht zugeht, hat Wolfgang Focke schon sehr früh sehr schmerzhaft zu spüren bekommen. Als Kind vom Stiefvater geprügelt in einem Zuhause, das diesen Namen nicht verdiente. Und später in diversen Kinderheimen, ob nun staatlich betrieben oder von der Kirche.

Erzogen wurde dort bis in die 1970er Jahre hinein mit harter Hand. Wer nicht hören wollte, musste fühlen. Aufsässige Zöglinge wurden mit Gewalt gefügig gemacht. Darüber hat Focke ausführlich in seinem Buch „Mein Leben – wie es mich prägte“ geschrieben. Oder, besser: schreiben lassen. Denn Lesen und Schreiben hat man ihm in der Schule nicht beigebracht. „Dabei wurde ihm ein Intelligenzquotient von über 130 nachgewiesen“, sagt sein Anwalt Niklas Kemper. „Und ich habe viele, viele Jahre lang nicht gemerkt, dass ich nicht bescheuert bin“, sagt Focke. Erst viel später, im Gefängnis, traf er auf einen ranghohen Beamten, der ihn als Mensch sah – statt nur als Zögling und Knacki. Dass er durch die Heimerziehung geradezu in eine kriminelle Karriere gedrängt wurde, steht für ihn außer Frage.

Denn im Heim gab es statt Bildung schwere körperliche Arbeit – und Schläge. Aber auch sexuelle Gewalt. Ausgeübt von Erwachsenen, die Vorbilder hätten sein können, oder von älteren Heiminsassen.

Das frühe Unrecht verfolgt Focke bis heute. Heute ist er 69 Jahre alt. Doch er fordert noch immer Gerechtigkeit. Zwar nicht unverdrossen, sondern verbittert. Aber rastlos und unbeugsam. Jetzt führte ein Gerichtstermin ihn nach Detmold.

Den Lügder Ortsteil Sabbenhausen, wo Focke etwa fünf Jahre lang lebte, hat er Ende 2013 verlassen. Der Gesundheit seiner Frau zuliebe zog er mit ihr an die Küste. „Aber die Wohnung dort war schimmelig“, sagt der Rentner. Nun leben er und seine inzwischen pflegebedürftige Frau in Baden-Württemberg. „Ich muss ja immer sehen, dass ich eine billige Wohnung finde“, sagt er. Mehr als ein paar Hundert Euro Rente bekomme er nicht.

Weil er die Heimerziehung verantwortlich macht für sein in großen Teilen schiefgelaufenes Leben, fordert Focke seit zehn Jahren eine Opferrente vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Denn in dessen Verantwortung wurde er als Kind und Jugendlicher ins Heim gesteckt – und dort in staatlicher Obhut für den Rest seines Lebens gezeichnet.

Doch auch vor dem Sozialgericht Detmold widerfuhr ihm nun nicht die erhoffte Gerechtigkeit. Richterin Echterling baute allein auf das Gutachten des vom Gericht bestellten Sachverständigen, Prof. Wolfgang Trabert. Der Emdener Psychiatrie-Chefarzt hatte Focke zweimal begutachtet. Er sieht in dem Unrecht, das das einstige Heimkind während seiner Zöglingskarriere erlitt, nicht die maßgebliche Ursache für dessen heutige Leiden.

Kinderheim-Zeit laut Richterin nicht Ursache

für Schädigungen

Dass der von Focke auf eigene Kosten beauftragte Neuropsychologe Prof. Hans Markowitsch dieses Gutachten geprüft hatte und in einer eigenen Stellungnahme zu einer gegenteiligen Aussage gekommen war, stimmte die Richterin nicht um. Ihr erschien es eher plausibel, insbesondere Fockes psychische Beeinträchtigungen wie Platzangst und Sozialphobie allein auf die Traumata seiner Kindheit zu Hause zurückzuführen. Sie wies seine Klage ab. In ihrer kurzen Begründung erklärte sie, dem Kläger stünden begründete Ansprüche auf Opferrente nicht zu. Denn es sei nicht nachzuweisen, dass er durch rechtswidrige vorsätzliche Angriffe Schaden genommen habe. „Die weiß doch gar nicht, wie ich geprügelt worden bin“, empörte sich Focke später.

Während der knapp 45-minütigen Verhandlung erwies sich Echterling in ihren ausführlichen Rezitationen aus Teilen der Gutachten als routinierte Schnellsprecherin. Als sie dann nach 15-minütiger Beratungszeit mit ihren beiden Schöffinnen hinter verschlossener Tür ihr Urteil fällte, bestätigte sich die Einschätzung, die Fockes Anwalt schon vor Verhandlungsbeginn abgegeben hatte: „Ich rechne damit, dass wir verlieren.“

Für den beklagten LWL sagte dessen Verwaltungsjuristin Johanna Körbitz, der vom Gericht bestellte Sachverständige Trabert habe zwar eingeräumt, dass durchaus Zusammenhänge zwischen Fockes Beeinträchtigungen und seinen Heimaufenthalten bestünden. Für einen Anspruch auf Opferrente müsse man aber „mindestens 50 Übergriffe haben“.

Für Wolfgang Focke steht fest: Der Kampf geht weiter. Er will in Berufung gehen.

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