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Schnellschuss fürs Image der Osterräderstadt: Warum die Dechen ins Kulturerbe wollen

„Dann weiß jeder Zehnte, wo Lügde liegt“

Lügde. Während andere Städte wie Bad Pyrmont oder Hameln ihre Weltkulturerbe-Bewerbungen generalstabsmäßig angehen, haben die Lügder ganz im Stillen einen Schnellschuss gewagt: Ihre zehnseitige Bewerbung samt Expertisen von Pyrmonts Museumschef Dr. Dieter Alfter und Lippes Heimatbund-Vorsitzendem Friedrich Brakemeier sowie zehn Fotos und der 7-Minuten-Version des Räderlauf-Videos liegt seit fast zwei Wochen im Düsseldorfer Kulturministerium vor (PN vom Samstag). „Jetzt können wir nur noch abwarten“, sagte Oberdeche Uwe Stumpe gestern bei einer kleinen Pressekonferenz im Dechenheim.

veröffentlicht am 12.12.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 09:16 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Was sich die Brauchtumshüter von der angestrebten Aufnahme des „Osterräderlaufs in Lügde“ in die internationale Liste des immateriellen Kulturerbes erhoffen? „Dass unser Osterräderlauf noch bekannter wird – auch, um die durch den Tunnelbau rückläufigen Besucherzahlen aufzufangen“, sagt Dechen-Sprecher Dieter Stumpe. „Wenn es, je nach Wetter, zwischen 5000 und 9000 Besucher sind, kommen wir gut über die Runden.“ Die Jahre des Tunnelbaus hätten die Dechen indes „ganz schön Kraft gekostet“, räumt er ein.

Jetzt aber blickt er nicht zurück, sondern vor allem nach vorn: „Der Emmerauenpark hilft auch wieder, die Attraktivität des Osterräderlaufs zu steigern.“ Sein Neffe und Vereinschef Uwe nimmt ebenfalls ein rundweg positives Klima wahr, wenn er sich nun in Lügde umschaut. „Wenn wir darauf noch das i-Tüpfelchen setzen können, dann haben wir alles getan, was möglich war.“

Denn der prestigeträchtige Kulturerbe-Titel bekäme sicher auch dem Image der Stadt gut. „Dann weiß vielleicht irgendwann sogar jeder Zehnte in Deutschland, wo Lügde liegt“, scherzt Dieter Stumpe – und wird dann wieder ernst: „Es wäre auch eine Bestätigung dafür, dass unsere Arbeit nicht ganz umsonst ist. Denn wir machen das ja alles ehrenamtlich.“ Aktuell mache er sich gerade schon daran, die Sperren für den nächsten Lauf einzuteilen. „Und die Abstände zwischen den Vorstandsitzungen werden schon wieder immer kürzer“, ergänzt Uwe Stumpe.

Derzeit hat Lügdes Dechenverein etwa 600 Mitglieder, „darunter inklusive Vorstand 20 Aktive“, sagt Dieter Stumpe. Eine Jugendabteilung gibt es seit einigen Jahren nicht mehr. „Wir nehmen im Moment keine Neuen auf, weil wir genug Aktive haben“, erklärt er.

Das tradierte Wissen etwa übers Strohbinden oder das Stopfen der Osterräder vor dem Lauf werde in den Familien vielfach vom Vater an den Sohn weitergegeben und somit lebendig gehalten. „Bis vor Kurzem halfen aus einer Familie drei Generationen mit“, sagt er. Die in Lügde seit Hunderten von Jahren betriebene Brauchtumspflege sei, anders als die Feuerräderläufe einiger anderer deutscher Städte „noch die richtige alte Tradition“. Deren Wahrung zu unterstützen, ist der Zweck der Auflistung immateriellen Kulturerbes durch die Unesco. „Was wir machen, gab es früher zwar in 20, 30 Orten in ganz Deutschland“, schätzt Uwe Stumpe. „Aber wir sind die Einzigen, wie es weitergetragen haben.“

Angeregt durch eine WDR-Radiosendung über die Anmeldefrist sowie die PN-Berichterstattung über die Hamelner Kulturerbe-Bewerbung mit dem Rattenfänger-Thema und schließlich eine Nachfrage des lippischen Heimatbundes blieb den Dechen nicht viel Zeit für ihre Bewerbung. „Wir haben ja erst zwei Wochen vor Fristende beschlossen, dass wir in diesem Jahr versuchen, in das Bewerbungsverfahren einzusteigen“, sagt Stumpe. Da die deutschen Bewerbungen fürs nicht greifbare Kulturerbe erst in diesem Jahr angelaufen sind, wollten die Lügder dann doch zu den frühen Kandidaten zählen. „Deshalb haben wir gesagt: Jetzt müssen wir!“

Was dann folgte, war eine „sehr arbeitsintensive Zeit“ vor allem für Joachim Krause. „Dieter Stumpe hat ihn mit den Informationen gefüttert, und er hat das Bewerbungsformular ausgefüllt“, berichtet Uwe Stumpe. Die Herausforderung dabei: Alles Wichtige über die Einzigartigkeit des noch aus vorchristlicher Zeit stammenden Frühlingsbrauches musste in möglichst knappen Worten formuliert werden. „Das war viel Arbeit“, sagt der Oberdeche. Und er ist zuversichtlich, dass die in ein paar Jahren Früchte trägt: „Man hat uns von allen Seiten Hoffnung gemacht, dass der Lauf gute Chancen haben könnte, ausgewählt zu werden.“

Als Warenzeichen hat der Verein sein Traditionsevent schon vor Jahren eintragen lassen. „Aber jetzt habe ich den Patentschutz noch einmal überprüfen lassen“, erklärt der Dechen-Chef die Bedeutung der Exklusivität für die Brauchtumspfleger. „Denn die Räderläufe anderer Orte in Deutschland haben keine Tradition.“

Da die Lügder Bewerbung eine von NRW-weit rund 20 ist, müssen die Ministerialen in Düsseldorf nun aussieben. Denn sie dürfen nur zwei Bewerbungen an die Kultusministerkonferenz weiterempfehlen – wie jedes andere Bundesland auch. Wer sonst noch alles aus NRW ins Rennen gegangen ist, wissen die Lügder nicht. Aber Karnevals- und Schützenvereine gehören ebenso wie Bäcker und Brauer zu den Mitbewerbern. Denn das immaterielle Kulturerbe findet viele Ausdrucksformen.

Dass Lügdes Osterräderlauf schon früher das Zeug dazu hatte, auch international Furore zu machen, beweist die Kopie einer britischen Zeitung. Die widmete dem Frühlingsritual 1932 eine ganze Seite. Und der Autor war deutlich begeisterter als der Fürstbischof zu Paderborn vor 270 Jahren. Der wollte den Osterräderlauf nämlich nach einer Visitation in Lügde 1743 als sündigen, schändlichen Brauch abschaffen. Das geht aus dem ältesten schriftlichen Hinweis auf den Räderlauf hervor – was Dieter Stumpe heute feixen lässt: „Aber wir haben nicht aufgehört.“



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