weather-image
13°

Hohe Rechnungen statt Lohn – was ein Lügder im Minijob erlebte

Arbeitssuchender von Scheinfirma übers Ohr gehauen?

LÜGDE. Bittere Erfahrung für einen Minijobber: Statt des vereinbarten Lohns flatterten ihm Rechnungen für Pakete ins Haus, die sein neuer Arbeitgeber auf seinen Namen bestellt hatte. Das Unternehmen ist nicht zu erreichen. Das mutmaßliche Betrugsopfer ist sicher: „Das ist eine Scheinfirma.“

veröffentlicht am 03.08.2016 um 23:25 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:16 Uhr

Juliane Lehmann

Autor

Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

„Heimarbeit für aktive Menschen! 12-15 Stunden wöchentlich auf 450.- ¤ Basis. Nur Waage, Drucker, Scanner sind erforderlich. Vollzeitjob auch möglich. Mehr Info bei unserer Personalabteilung...“. Als der in einem Lügder Ortsteil lebende Jörg T. (Name geändert) dieses Stellenangebot im April in einem Anzeigenblatt las, versuchte er einfach sein Glück. Denn der arbeitssuchende Industriekaufmann hat die nötige Ausrüstung zu Hause und will dort auch arbeiten. Denn seine gesundheitlich stark beeinträchtigte Lebensgefährtin braucht seine Unterstützung. „Da kann ich keine Stelle annehmen, wo ich den ganzen Tag weg bin.“

Mitte April startete er in seinen Minijob – als eine Art Zwischenlogistiker für eine Spedition in Luxemburg. Diesen Firmensitz weist jedenfalls die Internetseite des Unternehmens aus. Seine Aufgabe: Pakete annehmen. „Die musste ich dann wiegen, abmessen und auf Beschädigungen kontrollieren“, erzählt er. Zu seinen Aufgaben habe zudem die genaue Dokumentation eventueller Macken an der Verpackung gehört. „Wenn da eins richtig kaputt gewesen wäre, hätte ich es zurückschicken müssen.“ Ebenso protokollierte er für seinen neuen Arbeitgeber die Adressen der jeweiligen Absender und die Lieferdienste. Dann musste T. die Sachen zur Post bringen.

Die Ankündigung der Paketer sowie die Aufkleber mit den Daten der neuen Adressaten erreichten ihn per E-Mail. „Mehrmals rief auch eine Frau an“, erinnert er sich. „Sie war sehr nett und entschuldigte sich, weil ich anfangs noch nicht so viel zu tun hatte. Aber es sei ja erst der Probemonat“, habe sie erklärt.

Zu dieser Zeit schöpfte T. noch keinen Verdacht. Misstrauisch wurde er nach einem Monat. Da hatte er gerade mal eine gute Handvoll Pakete geprüft und weitergeleitet, wie er erzählt. „Da bekam ich meine erste Abrechnung – aber keinen Lohn.“ Stattdessen fand T. bald darauf in seinem Briefkasten zwei Rechnungen für Waren, die auf seinen Namen bei Internet-Versendern bestellt worden waren. Die Pakete dazu sah er im Geiste noch vor sich. „Die hatte ich ja weitergeleitet.“ Wer die in Lügde zwischengelandete Lieferung eines Berliner Herrenausstatters in einer Dortmunder Packstation abholte, weiß T. jedoch nicht, erklärt er. „Ich sollte nur plötzlich 700 Euro zahlen.“ Die Rechnung für das zweite Paket habe sogar über 900 Euro betragen. Auf der Online-Wache der Polizei Lippe habe er deshalb Anzeige erstattet. „Am 1. Juni wegen des ausstehenden Lohns, und am 20. Juni wegen der Rechnung aus Berlin.“

Zuvor habe er natürlich versucht, seinen Arbeitgeber unter den Telefonnummern zu erreichen, die in der Annonce und auf der Internetseite angegeben waren. Vergeblich. Und auch seine E-Mails an die vermeintlichen Luxemburger blieben ohne Antwort. T. ist deshalb sicher: „Das ist eine Scheinfirma.“ Der 44-Jährige wittert Betrug. Erst zu spät registrierte er, dass die freundliche Frau am Telefon stets mit unterdrückter Nummer anrief.

Gaben die als Luxemburger Spedition auftretenden Paket-Verschickter dem Lügder den Mini-Job also nur, um ihn übers Ohr hauen zu können? „Ich bin ratlos“, sagt T. „Dass ich die Sachen gar nicht bestellt habe, kann ich ja beweisen. Ich habe alle Unterlagen aufgehoben.“

Wegen des ausstehenden Lohns habe das Arbeitsgericht in Detmold sogar schon einen Gütetermin mit dem Arbeitgeber für Ende August anberaumt. „Aber der ist inzwischen abgesagt. Denn es hat sich herausgestellt, dass die Postadresse gar nicht stimmt“, sagt T.. „Jetzt kann eigentlich nur die Polizei helfen.“

Die ist an dem Fall dran. Unter Hinweis auf das laufende Verfahren hielten sich die Ermittler am Mittwoch auf Anfrage jedoch zurück. Eine kurze Auskunft kündigte ein Polizeisprecher für heute an. Denn, unbesehen vom konkreten Fall, liegt der Behörde viel daran, den Blick der Lipper für unseriöse Angebote zu schärfen.

Die Recherche unserer Redaktion ergab indes: Die Internetseite der Firma „ELLP Transport Logistik GmbH“ ist offenbar noch nicht allzu lange am Start. Darauf weisen etwa die Bildeigenschaften von zwei Fotos hin, die die Netz-Repräsentanz der vorgeblichen Luxemburger dekorieren. Beide Bilder wurden am 8. März erstellt. Die Aufnahmen zeigen Lkw aus Österreich. Der Ersteller der Seite kann sie sonstwo auf der weltweiten Datenautobahn entdeckt und verwendet haben.

Ins Alpenland verweist auch ein Link, mit dem die mutmaßlichen Betrüger ihrer Seite offensichtlich einen seriösen Anstrich verleihen wollten: Wer ihn antippt, landet bei der Wirtschaftskammer Österreich. Der Wiener Organisation ist die fragliche Spedition jedoch völlig unbekannt.

Der Internet-Auftritt der Luxemburger ist der automatisierten „Domain Tools“-Auskunft zufolge eine von über 86 000 Domains eines russischen Servers. In Moskau wurde die Domain am 7. April 2016 für eine namentlich nicht genannte Privatperson registriert. Unter der IP-Adresse des Servers laufen fast 1000 Internet-Seiten.

Die Wut packte den Lügder nun, als er in die jüngste Ausgabe des Anzeigenblatts sah: „Da steht die Annonce schon wieder drin“, musste er feststellen. Nicht ausgeschlossen also, dass noch andere auf das Angebot hereinfallen. Denn die Annoncen erscheinen aktuell in zig Blättern in der ganzen Republik.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt