weather-image
15°
Wie ein Lügder zum Wärmelieferanten für ein halbes Dutzend Familien wurde

Adventskalender Tür 15: Hightech in der alten guten Stube

Bis Weihnachten wollen wir für Sie, liebe Leserinnen und Leser, Türen öffnen. Die Redaktion besucht Orte, die nicht für jedermann zugänglich sind und verrät das eine oder andere Geheimnis, das hinter dem Türchen steckt. Heute: ein Blick hinter die Tür eines historischen Bauernhauses in der Altstadt von Lügde, in dem jetzt ein Hightech-Heizkraftwerk steht.

veröffentlicht am 15.12.2017 um 08:53 Uhr
aktualisiert am 15.12.2017 um 10:29 Uhr

Durch den Einbau seiner Heizung ist Franz-Josef Schlieker (57) – hier vor dem Herzstück des 240-Megawatt-Kraftwerks – zum Wärmelieferanten für ein halbes Dutzend Abnehmer geworden . Um die Beförderung der Schnitzel in die Kessel zu erleichtern, hat e
Juliane Lehmann

Autor

Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite

LÜGDE. Als Frantz Adolph Schlieker und seine Frau Aloysia Wippermann 1861 ihr Bauernhaus in der Ackerbürgerstadt Lügde errichten ließen, hätten sie sich Eines unter Garantie nie träumen lassen: dass ihre gute Stube neben der Diele des Fachwerkgebäudes 156 Jahre später ein ganzes Stück tiefergelegt sein und das Herzstück eines ziemlich potenten Heizkraftwerks beherbergen würde.

Welche Dimensionen diese Anlage annehmen würde, war dem heutigen Eigentümer Franz-Josef Schlieker vor ein paar Jahren allerdings auch noch nicht klar. Bis 2011 diente die ehemalige Stube dem heute 57-jährigen Nebenerwerbslandwirt noch als Stall für seine Limousin-Kühe. Doch seither betreibt der bei einem Umwelttechnik-Unternehmen angestellte Fahrzeugbauer nur noch Ackerbau. „Das Vieh wurde mir zu viel. Mann wird ja auch älter“, sagt er schmunzelnd.

Ein wenig beschäftigt ihn nun aber auch sein Heizkraftwerk. „Vor der Arbeit sehe ich nach dem Rechten, und danach auch gleich“, sagt der Lügder, der durch die Anschaffung zum Wärmelieferanten wurde. Eine App auf seinem Smartphone soll ihm demnächst auch die Fernüberwachung ermöglichen.

270_0900_74434_t16_Logo_Advent_2017.jpg
600 Kubikmeter Hackschnitzel passen ins Lager hinterm Heizungsraum. Die Menge reicht für etwa zehn Tage. Foto: jl
  • 600 Kubikmeter Hackschnitzel passen ins Lager hinterm Heizungsraum. Die Menge reicht für etwa zehn Tage. Foto: jl

„Eigentlich wollte ich nur eine neue Heizung fürs Haus haben“, erinnert sich Schlieker. Doch dann überzeugte sein Heizungsbauer ihn, dass sich der Aufwand zum Einbau einer Hackschnitzel-Heizung nur für den eigenen einen Haushalt allein nicht rechne und eine größere Anlage viel effizienter zu betreiben sei.

Nun stehen dort, wo früher Sofa, Sessel, Tisch und Anrichte und später die Kühe ihren Platz hatten, zwei Heizkessel mit einer Leistung von zusammen 240 Kilowatt (kW). Zum Vergleich: Für ein Einfamilienhaus werden heute im Schnitt 15 kW Leistung als ausreichend angesehen.

Ein gutes Jahr lang ist die Anlage jetzt gelaufen. Mit ihr versorgt Schlieker auch gleich ein halbes Dutzend Nachbarn mit Energie – darunter das ehemalige Kloster samt Kindergarten und großem Veranstaltungssaal. Zwei weitere Abnehmer kommen noch dazu. Sie alle waren gleich Feuer und Flamme, als er ihr Interesse abfragte. Und mit dem städtischen Bauamt war sich Schlieker auch schnell einig.

Das durch die Verbrennung der Holzstückchen auf etwa 75 Grad Celsius erhitzte Wasser landet zuallererst in einem 7500-Liter-Pufferspeicher aus Kupfer, der sich hinter einer dicken Isolierwand verbirgt. Und er geht durch die Decke, ins Obergeschoss. Aus dem Haus fließt das heiße Wasser durch eigens einen Meter unterhalb des Altstadtpflasters verlegte Leitungen zu den Häusern der Abnehmer. „Da haben wir bestimmt 400 Meter Leitungen vergraben“, schätzt Schlieker. Ein Rohr führt sogar unter dem ehemaligen Stadtgraben durch, der Kleinen Emmer. Wieviel das alles gekostet hat, behält er lieber für sich. Aber er hofft, den Kredit abgezahlt zu haben, wenn er in Rente geht. Und: dass die Anlage „20, 30 Jahr hält“.

Das Verbrennen von einem Kubikmeter Hackschnitzeln erzeugt etwa ein Megawatt Energie. Binnen eines Jahres hat es die Anlage auf 550 Megawatt gebracht, erzählt ihr Eigentümer nicht ohne Stolz. Das Hackschnitzel-Lager fasst 600 Kubikmeter Holz, das Schlieker in einer anderen Scheune maschinell mit großem Getöse und 600 Umdrehungen pro Minute großteils selbst maschinell zerkleinert. Einen Teil der Förderschnecke vom Hänger ins Lager hat er selbst gebaut. Und auch seine Anlage kennt er ziemlich gut. Denn an deren Installation war er auch selbst beteiligt.

Größere Zicken hat sie bisher nicht gemacht. Nur einmal fiel ein Kessel aus, weil ein dicker Stein in die Schnitzel geraten war. Und wenn Schlieker jetzt eine Störungsmeldung bekommt, kann er sich meist selbst behelfen: Er checkt die Lage, wischt mit dem Finger ein bisschen Staub weg – und weiter geht‘s.

Auch die Asche kann Franz-Josef Schlieker verwerten: „Das ist ein toller Dünger. Die kommt aufs Feld.“



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt