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Sie holen Hunde aus dem Elend

„Zorro“ aus Aerzen beim großen Tierschutzabend im Fernsehen

AERZEN. „Der große Live-Tierschutzabend“ heißt die Sendung, die am heutigen Donnerstagabend (30. September) vom Fernsehsender Sat.1 Gold ausgestrahlt. Während der Live-Show wird auch ein Beitrag zum Tierschutzverein „Zorro Dogsavior“ aus Aerzen-Dehrenberg gezeigt.

veröffentlicht am 30.09.2021 um 07:00 Uhr
aktualisiert am 30.09.2021 um 12:22 Uhr

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„Gute Nacht, John-Boy“, „Gute Nacht, Großvater“, „Gute Nacht, Olivia“, „Gute Nacht, Dad“. Auf der Farm der Waltons in Virginia gehen danach die Lichter aus und alle schlafen glücklich ein. Auf dem Hof von Marina Mantopoulos (44) und ihrem Lebenspartner Tobias Wittkopf (39) dauert es deutlich länger, bis die beiden Tierheimbesitzer allen zwanzig Hunden „Gute Nacht“ gesagt haben – aber auch hier schlafen irgendwann alle glücklich ein. Erschöpft, aber glücklich.

Große Aufregung hinter dem geschlossenen Tor. Fünf Hunde bellen sich die Seele aus dem Leib, wenn ein Besucher vor dem Tor wartet. Marina Mantopoulos kommt zum Tor, sagt „ruhig, Kira“, und „alles gut, Damian.“ Drei der Schreihälse sind in dem Moment still geworden, als Marina an ihnen vorbeigeht, Damian und Kira verstummen jetzt auch, Marina öffnet das Tor und die Hunde wissen: Hier kommt ein Freund.

Freunde. Die hatten die Hunde nicht, als Mantopoulos sie aus Griechenland nach Aerzen gebracht hat. Dort ist die Einstellung der Menschen zu frei herumlaufenden Tieren eine völlig andere als hier. „Ich habe das Grauen gesehen“, sagt Marina und ihre braunen Augen werden plötzlich ganz dunkel. Der Moment vergeht, sie lächelt wieder und erzählt. Wie das alles angefangen hat, mit dem ersten Hund, den sie in Spanien gerettet haben, wie es nach und nach immer mehr Hunde wurden und wie sie schließlich hier, oben in Aerzen, ein Tierheim gegründet haben.

Marina hat sich als kleines Mädchen schon für Tiere eingesetzt, hat sich mit Leuten angelegt, sich eingemischt, ist angeeckt. Eine starke Person war sie schon immer, Berufssportlerin ist sie geworden, sie hat Firmenlehrgänge gegeben, wo sie den Mitarbeitern gezeigt hat, wie gemeinsames Fitnesstraining geht. Aber: „Ich habe mich immer öfter gefragt: Was mach‘ ich hier eigentlich?“, erinnert sich Mantopoulos, „und was ist der Sinn meines Lebens?“ Dann hat sie Sozialwissenschaften studiert, arbeitet jetzt in der Johann-Comenius-Schule in Emmerthal als Therapeutin.

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Geschundene Tiere finden in Aerzen ein liebevolles Heim. Foto: mik

Aus Ioannina in Griechenland kommen ihre Eltern, und bei Besuchen in deren Heimatstadt sah sie, dass die Hunde dort ein erbärmliches Leben führen müssen. Viele werden absichtlich angefahren oder angeschossen und liegen oft wochenlang unbeachtet verletzt am Straßenrand, bis sie verhungert sind.

Sie entschloss sich, zu handeln. Sie nahm Kontakt mit einem Tierheim in Thessaloniki auf, der nächstgrößeren Stadt. Das wird inzwischen geleitet von ihrer Freundin Natasa. Alle zwei Monate fliegt Marina dorthin, um zu helfen. Dorthin kam im Sommer auch ein Kamerateam, das für den TV-Sender Sat1 Gold Aufnahmen für eine Reportage gemacht hat. Begleitet wurden die TV-Profis von Moderatorin Panagiota Petridou, die vielen Zuschauern aus Sendungen wie „Biete Rostlaube, suche Traumauto“ bekannt ist.

Panagiotou stammt selbst aus der Gegend und kann am Donnerstagabend zeigen, wie wichtig ihr das Tierwohl ist. Auf Sat.1 Gold läuft ab 20.15 Uhr die Sendung: „Der große Live-Tierschutzabend.“ Dort ist dann auch der Beitrag über Marina, Tobias und Natasa zu sehen. Sie waren vor zwei Jahren schon mal Thema einer TV-Sendung. Thomas Gottschalk und Sophia Thomalla spielten mit ihren Teams gegeneinander; der Gewinn kam einer Institution nach deren Wahl zugute. Thomallas Wahl war „Zorro“. „Thomas Gottschalk hat gegen Sophia Thomalla gewonnen“, erzählt Marina. 40 000 Euro für Gottschalk hieß 10 000 Euro für Zorro. „Wenn die sich hätten ausziehen müssen, hätte die Sache wohl anders ausgesehen“, fügt sie trocken hinzu.

Als „Hopeland“, also das Land der Hoffnung, denn so heißt das Tierheim in Thessaloniki inzwischen, aus allen Nähten platzte, entschieden sich Marina und Tobias dafür, das Haus in Aerzen zu erwerben und den Lebensmittelpunkt aus Haverbeck direkt hierher zu verlegen. Im Jahr 2018 erhielten sie die offizielle Zulassung als Tierheim.

Ein Video-Bericht aus dem August 2019.

Die Hamelner Behörden sind ihnen inzwischen wohlgesonnen, weil sie gemerkt haben, wie genau die beiden alle Vorschriften befolgen. „Zu Anfang hatten wir ständig Kontrollen, vom Ordnungsamt, vom Veterinäramt, vom Tierschutzverein“, sagt Marina, „aber jetzt sind alle ziemlich entspannt.“

Das gilt auch für ihre Hunde. Zwanzig sind es im Moment. Zorro, der schwarz-weiße Mischling mit der Querschnittslähmung, ist am längsten bei ihnen. Der Namensgeber des Tierheims trägt kleine Säckchen um die Hinterpfoten, denn er läuft so gerne, und er würde sich die Pfoten verletzen, wenn sie nicht geschützt wären. „Viele Querschnittslähmungen bei Hunden können therapiert werden“, sagt Marina, „denn bei Tieren besteht die Möglichkeit, dass Muskeln einfach die Aufgaben des Rückgrats übernehmen.“ Bei Zorro geht das nicht; seine Verletzungen sind zu schwer. „Aber ihm macht das nichts aus“, sagt Marina und lacht, „zumindest nicht so viel wie mir.“

Im Dezember 2020 haben sie eine einmalige Zahlung erhalten. Diese Corona-Hilfe kam gerade recht, war aber letztlich auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn Marina plant schon lange, die Scheune neben ihrem Wohnhaus zu einem Therapiezentrum umzubauen, damit dort die Hunde mit Lähmungen behandelt werden können. „Langsam, ganz langsam, kriegen wir das hin“, sagt sie.

Ihr privates Tierheim finanziert sich ausschließlich über Spenden, und bei Futterkosten von knapp 3000 Euro im Monat will jede zusätzliche Ausgabe wohlüberlegt sein. Außerdem zahlt Mantopoulos die Miete für „Hopeland“ in Thessaloniki, sie hat Tierarztkosten, die manchen Monat deutlich über 10 000 Euro liegen, und, und und …

Zorro ist die unstrittige graue Eminenz des Rudels; die anderen Hunde haben Respekt vor ihm, aber alle sitzen oder liegen gerade ganz friedlich in der warmen Nachmittagssonne herum, während Marina und Tobias erzählen. Ab und zu kommt einer der Hunde angelaufen, legt seinen Kopf auf das Knie des Besuchers und fordert Streicheleinheiten.

Tucker hat diesen treuherzigen Blick, bei dem man dahinschmelzen könnte. Max sieht einen ernst und wachsam an, bevor er mitten in diesem wachsamen Blick einfach einschläft. Kira wedelt mit dem Stummelschwanz, lässt die Zunge heraus hängen und zack, liegt ihr Kopf auf dem Bein. Kira hat nur zwei Beine. „Das eine Vorderbein wurde ihr abgefahren, das andere hat sie sich danach abgeknabbert“, erzählt Marina. Da sind sie wieder, die dunklen Augen. Was für ein ungeheures Elend diesen Hunden widerfahren ist, kann man sich nur schwer vorstellen, wenn sie hier so fröhlich miteinander herumtollen.

„Hunde passen sich schnell an“, sagt Tobias, „sie arrangieren sich mit ziemlich allem.“ Er holt eine Packung mit Leckerbissen. Offenbar scheinen alle einen sechsten Sinn dafür zu haben, denn ab sofort ist alles andere Nebensache. Tobias geht zu einer Wiese neben dem Haus, um ihn herum das Hundeballett. Für die Hunde ist die Wiese jetzt ihr „Happyland“, im übertragenen und im tatsächlichen Sinn.

Marina kniet neben Zorro und raunt ihm zu: „Du kriegst auch was.“ Dann nimmt sie seine Hinterbeine, zieht sie und damit den ganzen Hund hoch und geht mit ihm den anderen hinterher zur Wiese. Das macht sie zum ungefähr dreißigsten Mal heute. Das hat sie gestern gemacht. Das wird sie morgen machen. Und übermorgen. Immer wieder. Immer und immer wieder.

Information

Kontakt

Wenn Sie die Hunde kennenlernen möchten, können Sie Marina Mantopoulos unter 0173/3835260 anrufen und einen Termin vereinbaren. Sie ist auch per E-Mail unter info@zorro-dogsavior.de zu erreichen. Wer den Verein Zorro unterstützen möchten, kann das auf viele Arten tun: Es gibt ein Spendenkonto bei der Sparkasse Hameln Weserbergland. Auf der Homepage des Vereins gibt es verschiedene Plattformen. Dort gibt es auch eine Rubrik „Glücksgeschichten“. Noch ist diese allerdings leer ...



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