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Von der Schreinerei zur Polizeistation

Grupenhäger „Taubenhaus“ muss der Kindergartenerweiterung weichen

GRUPENHAGEN. Konkrete Pläne und auch Gestaltungsideen gibt es bereits, nur der Platz für die Umsetzung ist noch nicht da. Mit dem Abriss des sogenannten „Taubenhauses“ und der alten Schule in Grupenhagen schafft der Flecken Aerzen nun vor allem erst einmal dringend benötigten Raum für eine Kindergartenerweiterung.

veröffentlicht am 28.08.2021 um 18:00 Uhr

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Reporterin

Erst wenn genau feststeht, wie viel Platz für den Kindergarten inklusive Außengelände benötigt wird, will sich der Ortsrat mit den Grupenhäger Vereinen zusammensetzen und über die mögliche Gestaltung eines Dorfplatzes beraten, wie Grupenhagens Ortsbürgermeister Friedhelm Senke betont.

Schon 2022 soll im neuen Kindergarten-Erweiterungsbau der Betrieb aufgenommen werden, darum ist Eile geboten. War dazu anfangs nur ein zeitnaher Abriss des „Taubenhauses“ geplant, kann mit der Aufnahme des Umgestaltungsprojektes der Dorfmitte in das Förderprogramm „Kleine Städten und Gemeinden“ der Abriss der alten Schule zeitgleich erfolgen. Die Ausschreibungen laufen, wie das Aerzener Rathaus mitteilt.

Das „Taubenhaus“ an der Meinte trägt seinen Namen, weil es zuletzt nur noch von Brieftaubenzüchtern als Einsatzstelle und einigen örtlichen Vereinen als Lagerraum genutzt wurde. Zukünftig werden die Tauben vom Bad Pyrmonter Ortsteil Holzhausen aus auf die Reise gehen, teilt Aerzens Bürgermeister Andreas Wittrock mit, der sich erfreut darüber zeigt, dass die Taubenzüchter so schnell eine neue Bleibe gefunden haben.

Manfred Lücke und Karl-Heinz Schierholz spielen als Kinder vor der Polizeistation in Grupenhagen. Foto: SBR

Auch die Freiwillige Feuerwehr, die Teile des Hauses als Lagerraum genutzt hatte, hat im Ort eine Alternative für die Einlagerung ihres Materials gefunden und das „Taubenhaus“ geräumt.

Das Haus an der Meinte war aber nicht immer nur Vereinsheim und Lagerhaus. Vor rund 125 Jahren wurde es von Friedrich Lücke als Wohnhaus mit Tischlerei sowie Stallung gebaut. Das Handwerksgewerbe betrieb er zusammen mit einem seiner vier Söhne.

Schaut man sich das Gebäude vom Ende des 19. Jahrhunderts von außen genauer an, kann man heute noch erkennen, dass die Familie Lücke bei der Gestaltung der roten Backsteinfassade auf eine gewisse Ausstattung mit Zierrat Wert gelegt hat. Während die Außenwände bereits massiv gemauert wurden, dominiert im Inneren noch Fachwerk.

Friedrich Lücke war nicht nur Handwerker, sondern bis 1934, als er seine kommunalen Ehrenämter auf eigenen Wunsch aus Altersgründen niederlegte, auch Gemeinderechnungsführer und stellvertretender Gemeindevorsteher. Die Bau- und Möbeltischlerei übernahm sein Sohn Wilhelm. Auch er betrieb – wie schon sein Vater – neben der Werkstatt die Landwirtschaft im Nebenerwerb.

Mitte des 20. Jahrhunderts wurde dann aus der Dorf-Tischlerei der Gendarmerie-Posten Grupenhagen. Wie es dazu kam? Wilma, die Tochter von Wilhelm Lücke, heiratete 1941 einen jungen Mann, der zufälligerweise ebenfalls den Namen Wilhelm Lücke trug. Dieser in die Familie Lücke eingeheiratete Wilhelm war aber nicht etwa Tischlermeister wie sein Schwiegervater, sondern Gendarmerie-Wachtmeister. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde so das Tischlereischild abgehängt und das Schild, das das Haus nunmehr als Polizei-Posten auswies, fand seinen Platz an der Hausfassade.

„Das Wohnzimmer war fortan gleichzeitig Vernehmungszimmer. War jemand vorgeladen worden und erschien zur Vernehmung, musste die Familie den Raum verlassen“, erinnert sich Sohn Manfred Lücke an seine Kindheit im Grupenhäger Polizeiposten und findet beim Blättern in alten Fotoalben noch ein Bild, das ihn gemeinsam mit dem Grupenhäger Karl-Heinz Schierholz als Kinder vor dem Polizeischild zeigt.

Auch der Grupenhäger Karl Pape hat noch lebhafte Erinnerungen an eine Vernehmung im Lückeschen Wohnzimmer. „Wachtmeister Lücke hatte mich 1954 kurz nach meiner Konfirmation beim heimlichen Rauchen mit den älteren Jungs aus dem Dorf erwischt. Das war aber erst ab 16 Jahren erlaubt und so wurde ich nach Feierabend in den Gendarmerie-Posten zur Vernehmung einbestellt.

Nach zwei Stunden Levitenlesen auf dem Sofa in der guten Stube war die ursprünglich verhängte saftige Strafe in eine ordentliche Standpauke abgeebbt und ich durfte wieder nach Hause gehen“, berichtet der mittlerweile 81-Jährige. So blieb ihm auch ein Aufenthalt in der weniger bequemen Arrestzelle erspart, die dort eingerichtet worden war, wo früher das Lückesche Vieh im Stall gestanden hatte.

Und beim heimlichen Rauchen ließ sich der Grupenhäger vom Dorf-Polizisten auch nicht mehr erwischen, wie er mit einem verschmitzten Lächeln bekennt.

Der Polizeiposten in Grupenhagen wurde 1964/65 aufgelöst und der Polizeidienst von Aerzen aus übernommen. Auch Wilhelm Lücke wechselte zur damaligen Polizeistation in der Aerzener Doris-Dreier-Straße.

Das Haus an der Meinte wurde ab den 1970er-Jahren von verschiedenen Mietparteien bewohnt, dann kaufte es schließlich der Flecken Aerzen. Bevor die Vereine einzogen, diente es als Notunterkunft.



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