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Blick auf alltägliche Verrücktheiten

Frank Fischer live: Sind wir alle etwas „meschugge“?

AERZEN. „Ausverkauft!“ Heiko Bossog vom Kulturzentrum in der Domänenburg darf sich freuen. Während sich anderswo Besucher von Kulturveranstaltungen noch zurückhalten, hat sich Bossogs Verpflichtung von Frank Fischer als ein Glücksgriff erwiesen.

veröffentlicht am 03.10.2021 um 10:30 Uhr

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Reporter

Kein Wunder, denn der kahlköpfige Comedian gehört zur deutschen Spitzenklasse seiner Zunft, hat von der „Tuttlinger Krähe“ bis zum „Lorscher Abt“ namhafte Preise ebenso abgeräumt wie sich bei Nuhr, Nightwash, Stratmanns oder Ottis Schlachthof und anderen einen Namen gemacht.

Als Titel seines neuen Programms hat Fischer das jiddische Wort „meschugge“ gewählt, was so viel wie „verdreht, verrückt“ bedeutet. „Klar, das ist ein Programm über die Verrücktheiten der Leute. Die werden immer verrückter“, stellt Fischer fest.

Doch der wortgewaltige Künstler verzweifelt nicht am Alltag. „Ich betrachte das eher als belustigend, sehr gut brauchbar für die Form zwischen Comedy und Kabarett.“ Die beherrscht Fischer perfekt, ohne erhobenen Zeigefinger, dafür zwerchfellstrapazierend und mit langsam und nachhaltig wirkenden Denkanstößen.

Er spring auf die Bühne und startet seinen schier endlosen Redefluss, in dem er die Zuschauer gerne mitschwimmen lässt. „Wo sind wir hier? Wo kommen Sie her? Wo ist das? Wieso ,Flecken‘ Aerzen ...?“ Der Kontakt ist direkt da, die Stimmung springt über und auch nach knapp 50 Minuten zieht sein Vortrag noch jeden in seinen Bann.

Fischer liefert Stand-up-Comedy vom Feinsten, setzt gekonnt seine Pointen, braucht nie unter die Gürtellinie zu gehen, erweist sich als scharfsinnigen Beobachter vieler, jedem vertrauter Alltagsverrücktheiten.

Handygespräche im Intercity sind dabei für den aufmerksamen Ohrenzeugen Fischer eine schier unerschöpfliche Quelle. „Da setzt man sich rein, hört zu, und dann ist schon fast ein komplettes Programm fertig“, stellt der Comedian vergnügt fest.

Aber auch ein simpler Besuch beim Bäcker kann überaus anregend sein. „Die Körnerbrötchen heißen ,Powerkorni‘“berichtet er, und auf die Frage der Bäckereifachverkäuferin, ob das Brot „zum Mitnehmen“ sei, rutscht ihm fast ein „Nein, zum Hieressen“ raus.

Alltägliche Verrücktheiten zeigen sich überall, ganz besonders fündig wird Fischer in Baumärkten und bei der Bahn. „Vor Corona bin ich sehr gerne mit der Bahn gefahren, jetzt aber nutze ich mehr das Auto“, erzählt der leidenschaftliche Bahnfahrer. Eigentlich müsste man „die Leute mal ordentlich durchrütteln“, aber die Verrücktheiten seien weder typisch deutsch noch neu. „Hat es wohl schon immer gegeben“, meint er. Heute jedoch trügen die Sozialen Medien stärker dazu bei, den alltäglichen Wahnsinn zu verbreiten. „Ich ziehe irgendwie immer die Freaks an“, analysiert er sich selbst, um gleich anschließend die Beschreibung des Nachfüllens seiner Autoscheiben-Waschanlage zu einem Riesenspaß werden zu lassen.

Natürlich bekommen auch Politiker ihren Teil an Verrücktheiten ab. Philipp Amthor („Sieht aus wie ein alter Mann, der durch ein Morphing-Programm gejagt wurde“), aber auch der scheinbar alle Fehler überlebende Andi Scheuer oder der „so merkwürdig dreinblickende“ Jens Spahn bekommen ihr Fett ebenso ab wie Kanzlerkandidat Armin Laschet.

Doch es sind eher die lieb gewonnenen kleinen Verrücktheiten und weniger die große Politik, mit der Fischer zu überzeugen weiß.

Sind Besserung und Hilfe in Sicht? Kaum, meint Fischer, denn es gehe im Kern um die Spaltung der Gesellschaft. „Das hört nicht auf“, stellt er fest, und fügt beruhigend hinzu: „Mein Ticket für die Arche habe ich schon.“



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