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Rote Karte für rechtes Parolengeschmetter

Ende der Illusion

Die Landkarte der Gewalt ist um einen dunklen Fleck größer geworden. Fast jeden Tag wird irgendwo in Deutschland eine Unterkunft für Flüchtlinge angegriffen, bevorzugt in ländlichen Regionen. Und nun auch in Hameln-Pyrmont. Der Anschlag in Salzhemmendorf reißt uns aus der komfortablen Illusion, so etwas könnte nur woanders passieren. Es ist schmerzhaft, aber der Funke der Gewalt, der es einst gewesen ist, wird zum Flächenbrand.

veröffentlicht am 28.08.2015 um 23:30 Uhr
aktualisiert am 23.09.2016 um 11:36 Uhr

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Es beginnt im Netz. Fremdenfeindliche Hetze im Internet führt nicht automatisch zu Brandanschlägen, aber sie stigmatisiert, senkt Hemmschwellen, erzeugt ein Reizklima der Aggression. Rechte Gedanken treffen in sozialen Netzwerken auf rechte Gedanken, bestätigen und verstärken sich gegenseitig. Diese Eigendynamik, die Gruppen im Internet entfachen, gab es früher nicht. Insofern ist Facebook durchaus Teil des Problems. Die asoziale Seite des Netzwerkes müssen Polizei und Justiz endlich stärker in den Blick nehmen. Und nicht nur die: Es reicht nicht mehr, sich genervt aus Debatten über „Volksverräter“, „Systemverschwörung“ und „Lügenpresse“ zurückzuziehen. Wir müssen den dumpfen Ressentiments und Sündenbock-Reflexen entgegentreten. Flagge zeigen für Toleranz, Mitmenschlichkeit und Rechtsstaat. Nicht defensiv, sondern mit allem Selbstbewusstsein. Denn wir sind die Mehrheit.

Auch Anfang der 1990er Jahre mussten Flüchtlinge in Deutschland um ihr Leben fürchten, nicht nur in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, auch in Mölln und Solingen. Doch anders als damals gibt es heute eine sehr breite, sehr fühlbare Solidarität mit Flüchtlingen. Auch in Hameln-Pyrmont können die amtlichen und ehrenamtlichen Stellen die vielen Hilfsangebote, die unterbreitet werden, kaum noch bewältigen. Auch in Salzhemmendorf wird die Willkommenskultur nicht nur verlautbart, sondern von vielen Menschen gelebt. Die enorme Aufnahme- und Hilfsbereitschaft ist ebenso Teil der Wirklichkeit, und gerade jetzt sollte sie, sollte das „helle Deutschland“, wie Joachim Gauck es nennt, nicht in den Schatten treten.

Aber es geht spätestens seit gestern nicht mehr nur darum, zu spenden. Wir müssen aufstehen und dem rechten Parolengeschmetter die Rote Karte zeigen. Die Kundgebung gestern in Salzhemmendorf war ein eindrucksvoller Anfang.



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