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Überlebensrate wird besser

Frühgeborene: Der Start ins Leben gelingt immer besser

Hannover/Menden/Hamm (dpa) - Marie verfolgt alles um sie herum mit großen Augen. Und wenn ihre Mutter da ist, ist die Welt für sie in Ordnung. Die Einjährige und ihre Mutter Janine Schöneis haben eine ganz besonders enge Beziehung.

veröffentlicht am 16.11.2018 um 09:12 Uhr
aktualisiert am 20.11.2018 um 08:10 Uhr

In der Hand einer Pflegekraft liegt der Fuß eines fünf Tage alten und bei der Geburt 430 Gramm wiegenden Jungen in der Kinderklinik der Medizinischen Hochschule Hannover. Frühchen sind die größte Patientengruppe im Kindesalter. Foto: Holger Hollemann

Autor:

Christina Sticht, dpa

Als das Mädchen auf die Welt kam - drei Monate vor dem eigentlichen Geburtstermin - wog sie nur 830 Gramm. Für die Familie aus Menden im Sauerland begannen damit bange und intensive Wochen. Inzwischen wiegt sie stolze sieben Kilo, robbt durch das Wohnzimmer und zieht sich an Stühlen hoch.

Frühchen sind die größte Patientengruppe im Kindesalter: Rund 60.000 Babys kommen jedes Jahr in Deutschland vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt. Die gute Nachricht: Die Überlebensrate der Frühgeborenen ist kontinuierlich besser geworden.

«Es ist total erfreulich», sagt Wolfgang Göpel, Leiter des Deutschen Frühgeborenen Netzwerks. Das vom Bund geförderte Projekt hat bisher fast 20.000 Frühchen erfasst und bereits über 2000 von ihnen im Alter von fünf Jahren untersucht. «Die meisten überleben gesund», betont der Neonatologe vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck.

So ist es auch bei Marie. Mit 2245 Gramm wird sie nach fast zwei Monaten aus der Klinik entlassen. Regelmäßige Untersuchungen beim Kinderarzt zeigen schnell, dass Marie keine Folgeschäden davon getragen hat. Marie sei zwar ein zartes Kind, sagt ihre Mutter, aber die Entwicklung sei altersgerecht.

In der Frühgeborenenmedizin gibt es dennoch Verbesserungsmöglichkeiten. Forschungsbedarf sieht Göpel vor allem noch bei der Arzneimittelsicherheit. «Wir benötigen mehr Daten, was Nebenwirkungen von Medikamenten angeht», sagt er. So haben häufig eingesetzte Medikamente möglicherweise langfristig negative Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung. Der Intelligenzquotient lässt sich erst ab einem Alter von fünf Jahren messen.

Für die medizinische und pflegerische Versorgung von Frühchen gibt es strenge Vorgaben, die 2013 noch einmal verschärft wurden. Bundesweit haben die sogenannten Perinatalzentren derzeit Schwierigkeiten, ausreichend Fachpersonal zu finden. Zuletzt hatte die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) berichtet, dass sie in diesem Jahr 298 schwerkranke Kinder aus anderen Häusern nicht aufnehmen konnte, weil es nicht genug Intensivpflegekräfte gibt.

«Diese Dinge müssten politisch gelöst werden», sagt die Präsidentin der Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin, Ursula Felderhoff-Müser. «Die gesamte Kinderheilkunde ist unterfinanziert.» In einigen Regionen könnten Perinatalzentren zusammengelegt werden, schlägt die Direktorin der Klinik für Kinderheilkunde an der Universität Essen vor. Dabei sei zu beachten, dass auch die Häuser ohne Perinatalzentren höchster Versorgungsstufe weiterhin genug Geld bekommen.

In Deutschland gab es 2017 insgesamt 165 Perinatalzentren der Stufe 1 und 46 der Stufe 2. Bei der überwiegenden Mehrheit der Fälle ist die Frühgeburt schon während der Schwangerschaft absehbar und damit planbar. Die Eltern können sich unter anderem mit Hilfe der Internet-Seite

www.perinatalzentren.org

eine passende Klinik aussuchen.

Ursache für eine Frühgeburt können Störungen an der Gebärmutter oder Plazenta sein. Dem Verband für das frühgeborene Kind zufolge kommen oft körperliche und psychische Gründe zusammen. So machten Stress und Ängste den Körper anfällig für Infektionen und Krankheiten und könnten eine Frühgeburt auslösen. Psycho-soziale Aspekte sollten Hebammen während der Betreuung in der Schwangerschaft noch stärker beachten, meint Ursula Jahn-Zöhrens aus dem Präsidium des Deutschen Hebammenverbandes. «Die Begleitung muss ganzheitlicher gesehen werden.»

Unterstützung benötigen die Eltern auch, wenn sie oft erst Monate nach der Geburt ihr Kind aus der Klinik mit nach Hause nehmen dürfen. Zuvor gab es eine 24-Stunden-Überwachung von spezialisierten Pflegekräften, jetzt sind sie auf einmal allein verantwortlich. «Es geht darum, dass die Eltern Selbstvertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten gewinnen», sagt Tanja Brunnert aus Göttingen, Sprecherin des Landesverbandes der Kinder- und Jugendärzte für Niedersachsen.

Der Verband für das frühgeborene Kind setzt sich zudem dafür ein, dass Frühchen-Eltern auch über den 14. Lebensmonat hinaus Elterngeld beziehen können. «Häufig sind die Kinder mit einem Jahr noch nicht so weit, dass sie in eine Kita oder zu einer Tagesmutter können», sagt Verbandssprecherin Katarina Eglin.



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