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„Was früher der Konsumtempel Kaufhaus war, ist jetzt das Internet“

Corona pusht E-Commerce

Die Corona-Krise hat den Online-Einkauf alltäglich gemacht. Auch Senioren kaufen jetzt ganz selbstverständlich im Internet ein. Und das immer öfter. Können davon auch stationäre Händler mit ihren Online-Shops profitieren?

veröffentlicht am 21.01.2021 um 17:18 Uhr
aktualisiert am 20.05.2021 um 11:16 Uhr

Von Erich Reimann

2020 war für den Online-Handel in Deutschland ein ganz besonderes Jahr - nicht nur, weil die Umsätze dank der Corona-Krise massiv stiegen. Die Silver Surfer machten sich breit im Internet. Und der Online-Einkauf wurde für viele - auch ältere - Verbraucher immer alltäglicher. „Wir sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, beschreibt der Präsident des Bundesverbandes E-Commerce und Versandhandel Deutschland (BEVH), Gero Furchheim, die Entwicklung. 

„Was früher der Konsumtempel Kaufhaus war, das ist jetzt das Internet“, betont Furchheim. Die Corona-Pandemie habe die Entwicklung hin zum E-Commerce so sehr beschleunigt, dass sie mittlerweile „unumkehrbar“ sei, sagte er und stützte sich auf eine Verbraucherstudie des Verbandes, für die im vergangenen Jahr 40 000 Personen befragt wurden. 

Insgesamt stiegen die Umsätze der E-Commerce-Händler mit Waren im Corona-Jahr 2020 um 14,6 Prozent auf 83,3 Milliarden Euro. Mehr als jeder achte Euro, den die Haushalte in Deutschland für Waren ausgaben, sei damit in den Kassen der Online-Händler gelandet, berichtet Furchheim. Lässt man den noch immer ganz überwiegend vom stationären Handel geprägten Lebensmittelbereich außen vor, so haben sich die Online-Händler mittlerweile fast ein Fünftel des Marktes gesichert. 

Doch es ist nicht nur das steigende Umsatzvolumen, das die Online-Händler so selbstbewusst macht, sondern auch die Veränderung in ihrem Kundenstamm und in der Einkaufsfrequenz in der Pandemie. Waren die Kunden im Online-Handel lange Zeit überdurchschnittlich jung, so haben in der Corona-Krise auch die Älteren das Online-Shopping für sich entdeckt. Mittlerweile stammen laut BEVH mehr als 55 Prozent der Online-Umsätze von den über 50-Jährigen. Vor einem Jahr waren es erst rund 40 Prozent. Rund 40 Prozent der Verbraucher kaufen der BEVH-Verbraucherstudie zufolge inzwischen wöchentlich im Internet ein. Besonders dynamisch entwickelte sich die Nachfrage 2020 bei Waren des täglichen Bedarfs wie Lebensmitteln oder Drogeriewaren, aber auch bei Medikamenten. 

Besonders erfolgreich bei den Kunden waren Online-Marktplätze wie Amazon, Ebay und Co. Sie steigerten ihre Umsätze noch stärker als der Onlinehandel insgesamt - nämlich um über 20 Prozent - und sicherten sich damit 2020 fast die Hälfte des gesamten Online-Geschäfts. Neben dem unangefochtenen Platzhirschen Amazon springen immer mehr andere Händler von der Parfümeriekette Douglas bis zur Supermarktkette Kaufland auf den Zug auf und öffnen ihre Online-Shops auch für Drittanbieter. 

Keinen besonderen Corona-Bonus gab es im Pandemie-Jahr 2020 für die Online-Shops der vom Lockdown hart getroffenen stationären Händler. Ihr Wachstum fiel mit 4,9 Prozent vergleichsweise mager aus. „Dem stationären Handel fällt es nach wie vor nicht leicht, mit einem eigenen Online-Shop Relevanz zu erreichen“, sagt Furchheim. Umso wichtiger sei für viele Händler ihre Präsenz auf den Marktplätzen. 

Einen Rückschlag für den Online-Handel nach dem Ende der Corona-Pandemie befürchtet der BEVH nicht. Der Online-Handel werde einen Großteil der coronabedingten zusätzlichen Nachfrage halten können, ist Furchheim überzeugt. Schließlich seien 95 Prozent der Verbraucher mit ihrem Online-Einkauf zufrieden. Und drei von vier Kunden wollten der Umfrage zufolge in Zukunft genauso viel oder mehr online einkaufen. Die Umsätze im Online-Handel mit Waren und Dienstleistungen könnten deshalb in diesem Jahr erstmals die Grenze von 100 Milliarden Euro überspringen, prognostiziert der Verband.

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Minister: Innenstädte müssen attraktiver werden

Der Online-Handel boomt, das belastet viele klassische Geschäfte in Innenstädten. Dazu kommen die Folgen des Lockdowns. Wie sehen angesichts dieser Entwicklung die Pläne des Bundeswirtschaftsministers aus?

 Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier will Handel und Kommunen mit einem Hilfsprogramm unterstützen, damit Innenstädte angesichts des Online-Booms attraktiver werden. Der CDU-Politiker sagte der Deutschen Presse-Agentur im Januar 2021: „Es muss darum gehen, attraktiven, zeitgemäßen Einzelhandel in der Innenstadt zu ermöglichen. Das wird dann auch bedeuten, dass die Geschäfte stärker an der Digitalisierung teilhaben und wir Kultur und Wirtschaft noch mehr miteinander verzahnen. Es wird bedeuten, dass wir interessante Angebote auch jenseits von Shopping in die Innenstädte holen. Das alles wird ohne öffentliche Unterstützung nicht gehen.“ 

Altmaier sagte, zu den großen Problemen des zweiten Lockdowns, die ihn umtrieben, gehöre, dass der Einzelhandel in den Innenstädten erneut zurückgeworfen worden sei. „Viele kleine und mittelständische Einzelhändler vom Schuhgeschäft bis hin zu Modegeschäften sind enorm unter Druck. Da sind zum einen die Einkaufszentren auf der grünen Wiese, zum anderen die Digitalisierung und die großen Internetplattformen, die jetzt durch den Lockdown noch einmal die Chance haben, ihr Geschäftsmodell auszuweiten.“ Deshalb halte er es für umso dringlicher, den Innenstädten zu helfen, fit zu werden für die Zukunft. 

Andreas Hoenig



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