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Raue Idylle

Wo die Erde Feuer spuckt: Islands Westmännerinseln

Unter den isländischen Westmännerinseln pocht ein Herz aus Feuer. Vor 47 Jahren verschlang der letzte Vulkanausbruch große Teile der Insel Heimaey. Wie sieht es dort heute aus?

veröffentlicht am 21.04.2020 um 09:54 Uhr
aktualisiert am 05.06.2020 um 14:22 Uhr

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Verreisen geht wegen der Corona-Pandemie erstmal für unbestimmte Zeit nicht - doch es spricht ja nichts dagegen, sich schon jetzt ein paar Gedanken über den nächsten Urlaub zu machen. Wie wäre es zum Beispiel mal mit einer Vulkantour auf Islands Westmännerinseln?

Kein Sonnenstrahl, kein Nordlicht, kein Stern am Himmel. Grollendes Meer in Finsternis. Der 22. Januar 1973 war auf der Westmännerinsel Heimaey ein tiefschwarzer Wintersonntag. Am Morgen peitschten Orkanböen das Meer zu meterhohen Wellen auf. Die Boote der Fischer blieben im Hafen - was die rund 5300 Inselbewohner rettete. Alle überlebten.

Ein schwarzer Montag

«Gegen halb drei Uhr nachts zuckten plötzlich Feuer und Blitze durch die Schwärze. Ohrenbetäubendes Getöse hatte mich geweckt. «Das ist der Dritte Weltkrieg» waren meine ersten panischen Gedanken», erzählt Kristín Jóhannsdóttir, damals 13. «Dann quoll hellrote Lava aus einer glühenden Spalte.» Der Helgafell brach aus.

Jeder griff nach dem Nötigsten und eilte aufs Boot in Richtung Festland. Wären die Fischer in dieser Nacht auf dem Meer gewesen, hätte das zu einer Katastrophe geführt.

Monatelang rollte die Glut über die Insel hinweg, begrub Hunderte von Häusern und drückte dabei den 220 Meter hohen Krater des Eldfell aus der Erde. Der Ausbruch hat sich als «Schwarzer Montag» unauslöschlich in die Inselannalen gebrannt.

Mit der Fähre nach Heimaey

Mehr als 47 Jahre später, rund 40 Kilometer vom Flughafen Keflavik auf der isländischen Ringstraße Richtung Osten: Vom Fährhafen Landeyjahöfn aus schiebt sich die leicht angerostete «Herjólfur» nach Heimaey. Am Horizont nähert sich der Archipel als graue, wellige Felskette, 14 Eilande über einem geschlossenen unterseeischen Vulkanfeld. Ein brodelndes, unberechenbares Stück Erde.

Handykameras werden ausgerichtet, als die «Herjólfur» an den Klippen der äußeren Inseln vorbei tuckert. Hoch oben balancieren Mutterschafe an der Grasnarbe entlang. An den Felsen schlackern meterlange Taue im Wind. Daran hangeln sich im Frühjahr wagemutige Schäfer hinauf.

Wozu die Lava fähig ist

In der Ferne ist die kantige Silhouette des jüngsten Inselwunders, Surtsey, zu sehen: 1963 durch einen unterirdischen Vulkanausbruch geboren, wuchs sich das sensationelle Lavababy zur zweitgrößten Westmännerinsel aus. Touristen dürfen sie nicht betreten.

Schließlich tauchen die ersten bunten Häuser Heimaeys auf. Sie schmiegen sich an den von einer 20 Meter hohen, dunklen Lavawand flankierten Hafen. Die düstere Schutzmauer markiert jenen Punkt der rund 13,5 Quadratkilometer großen Insel, an dem die Glutwelle zum Stehen kam. Trostpflaster nach all der Zerstörung: endlich ein geschützter Hafen, der auch hohe Wellen fernhält.

Am nächsten Morgen ist der Frühlingshimmel klar und wolkenlos. Kühler Seewind pfeift um die Ohren, frische sieben Grad treiben zur Bewegung an. Vorbei an violetten Lupinenbeeten und grell leuchtendem Löwenzahn geht es über warme, bröselige Aschefelder hinauf zum Krater des Eldfell. Der Feuerberg, die rostrote Ausgeburt des Ausbruchs, malt Bilder von schlichter Schönheit an den Horizont. In der Ferne trennt der Horizont Himmelsblau von Meeresgrau.

Sehnsucht nach den Inseln

«Wir schämten uns damals, fühlten uns wie Schmarotzer, als wir monatelang auf dem Festland zur Schule gingen», erzählt Kristín Jóhannsdóttir. Fotos von der Rettungsaktion hängen in ihrem Vulkanmuseum Eldheimar. «Die Familien wollten zurück nach Heimaey. Doch ihr Zuhause war unter Asche begraben.»

Vor mehr als zehn Jahren kreierte die Museumsdirektorin am Fuße des Kraters ihr «Pompeji des Nordens», ließ einen Teil der verschütteten Häuser freilegen und baute darum herum das Ausstellungshaus.

In einem Video erinnert sich eine Kapitänsfrau: «Ich hing spät abends noch Wäsche auf, als plötzlich eine große Feuersäule aufstieg, dann ging ein Riss durch die Erde.» Der fast 1700 Meter lange Schlund spie die Glut bis zu 200 Meter hoch in die Luft. Eine Lavawand rollte über Wochen bedrohlich und scheinbar unaufhaltsam auf den Hafen zu.

Für ihre Idee, die zerstörerische Glut mit Meerwasser zu stoppen, ernteten die Insulaner bei europäischen Politikern viel Spott. Nur die Amerikaner halfen, schickten Hochleistungspumpen. Die glühende Erdmasse wurde gestoppt, bevor sie die Hafeneinfahrt verschloss.

Papageientaucher und ewiges Licht

Genug von Asche und Verwüstung. Es geht in den Süden der Insel zur Kolonie der Papageientaucher. Grünes, moosiges Weideland und dahinter der endlose Atlantik säumen die Straße.

Auf der Halbinsel Stórhöfdi markiert ein kleiner Leuchtturm den vielleicht stürmischsten Punkt Europas. Windgeschwindigkeiten von mehr als 150 Stundenkilometer werden hier gemessen. Dann tauchen die munteren Papageientaucher auf. Gleich zu Hunderten bevölkern sie die Klippen - das Wahrzeichen Heimaeys.

Allmählich senkt sich die Abendsonne über den Horizont. Untergehen wird sie in diesen Frühsommertagen nicht. Gegen Mitternacht sitzen die jungen Leute draußen im seidigen Dämmerlicht. Im Hintergrund erhebt sich leuchtend der Kegel des Eldfell.

Die Kraft aus dem Innern der Erde

Mehr als 150 aktive und erkaltete Vulkane prägen Island. Die Inselhistorie ist auch die Geschichte ihrer Ausbrüche. Manche werden berühmt, wie der Eyjafjallajökull, dessen Eruption vor zehn Jahren den europäischen Flugverkehr lahmlegte. Andere kauern Ewigkeiten unter meterdicken Gletschern, bis sie plötzlich ihre Glut durch die eisigen Spalten jagen.

Das Vulkanmuseum LAVA Centre an der isländischen Südküste liegt auf dem Weg zurück nach Reykjavik. Dramatische Animation führen mitten ins Feuerherz. Grollen, Beben, Rumpeln und donnernder Lärm behämmern die Ohren, rotglühende Lichter zucken im schwarzen Nichts.

Ein Panorama zeigt die fünf größten Feuerspeier des Landes, der Helgafell gehört dazu. Ein Klick per Fußtritt löst den Ausbruch aus. Hellrote Lava, in apokalyptischer Düsternis gehen Staub und Asche nieder. Ein beängstigendes Schauspiel. Beim Besuch auf Heimaey hat es ein menschliches Gesicht bekommen.



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