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Serra da Estrela

Im «Sterngebirge» das alte Portugal entdecken

Einsame Wanderpfade, Schäfertradition und archaisch anmutende Feste: In der Serra da Estrela erleben Reisende ein Portugal, das woanders längst verschwunden ist.

veröffentlicht am 30.03.2020 um 18:33 Uhr
aktualisiert am 05.06.2020 um 14:38 Uhr

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Verreisen geht wegen der Corona-Pandemie erstmal für unbestimmte Zeit nicht - doch es spricht ja nichts dagegen, sich schon jetzt ein paar Gedanken über den nächsten Urlaub zu machen. Wie wäre es zum Beispiel mal mit einer Erkundungstour durch die Serra da Estrela?

Da ist es plötzlich, dieses Gefühl, im guten alten Portugal gelandet zu sein. «Die Kirche oben im Dorf ist geschlossen», erklärt ein freundlicher Mann dem fremden Besucher, der Alvoco da Serra durchstreift. «Aber gegenüber wohnt die Dame, die den Schlüssel hat. Einfach klopfen. Das Haus mit den grünen Fensterläden.»

Elena Gomes, eine rüstige Siebzigerin, ist zu Hause und dazu bereit, die Kirche Nossa Senhora do Rosário aufzusperren - ein barockes Juwel. Altarraum und Decke sind überreich dekoriert. Senhora Elena zeigt die Skulpturen der Rosenkranz-Jungfrau und des Heiligen Herzens Jesu, zu dessen Füßen ein Blumenbukett duftet. «Das habe ich gemacht», sagt die Dame stolz.

Das unbekannte Portugal

Elena Gomes ist eine von 105 Einwohnern in Alvoco da Serra, ein Dorf mit ziegelgedeckten Häuschen und steilen Gassen im Süden der Serra da Estrela. Das «Sterngebirge» lockt Reisende mit einsamen Wanderwegen, klaren Bächen, Wasserfällen, Schäferkultur und Dörfern wie aus der Zeit gefallen.

Man kann über Plateaus und durch dichte Wälder streifen. Im Rossim-Tal breitet sich ein See aus, in den Höhenlagen sprudelt auch die Quelle des Mondego, der dort seine 227 Kilometer lange Reise zum Atlantik antritt. Felsbrocken liegen herum wie von Riesenhand verteilt, Ginster und Fingerhüte bilden Farbtupfer in Gelb und Violett. In den Niederungen liegen Orte wie Valezim mit einer unaufgeregten Aura und sehenswerten Sakralbauten.

Wandern in schönster Einsamkeit

Die abwechslungsreiche Gebirgsnatur lässt sich zum Beispiel auf dem Rundwanderweg Rota das Canadas erkunden, mit Start in Alvoco da Serra. Es riecht nach Kiefern, Wacholder und Eukalyptus. Schmetterlinge tanzen über Gräser, Eidechsen huschen über Felsen. Ein Bachlauf plätschert in der Einsamkeit der Landschaft. Als Lager und Tierunterstände für die Hirten dienen Bruchsteinhäuschen. Die vollen Strände und quirligen Metropolen Portugals fühlen sich hier sehr weit weg an - wie aus einer anderen Welt.

Hausmannskost zum fairen Preis

Unterkunft bieten neben Hotels vereinzelt auch private Zimmervermieter und Gasthäuser, wo man selbst in der sommerlichen Hochsaison für ein Doppelzimmer mit Frühstück nur 45 Euro bezahlt. Und wenn man in einem Restaurant wie O Vicente bei Loriga einkehrt, türmen sich für zehn bis zwölf Euro solch gigantische Portionen Hausmannskost auf, dass selbst eingefleischte Vielesser irgendwann kapitulieren. Hier bekommt man noch was fürs Geld.

Ein märchenhafter Wald

Massenbetrieb ist unbekannt in der Serra da Estrela. Vollkommen einsam fühlt man sich auf einem weiteren Rundwanderpfad, der Rota da Caniça. Start ist in der Ortsmitte von Lapa dos Dinheiros auf Höhe der Kirche. Schon nach wenigen Metern wird es still.

Der dreistündige Trail führt durch Farn- und Edelkastanienwälder. In einem zauberhaften Forst tragen die Stämme Überzüge aus Moos und Flechten. Lichtspeere stechen durch das Blätterdach, rotgelbe Wanderzeichen auf Felsplatten geben den Weg vor. Ein «Flussstrand», Praia Fluvial, lädt an warmen Tagen zum Bad in einem glasklaren Becken ein. Schopflavendel duftet.

Besuch in der Schafwollmanufaktur

Östlicher Einstiegspunkt ins Hochgebirge ist das Städtchen Manteigas, gelegen im Tal des Zêzere. Das Wasser des Flusses dient auch dazu, das Rohmaterial der Schafwollmanufaktur Burel zu säubern. Sie liefert Taschen und Mäntel, entworfen von angesagten Designern, in dutzende Länder. Führungen bringen Besucher in die Haupthalle, wo ein antiker Maschinenpark rattert und klackt. Im Saal stricken Frauen und prüfen die Qualität.

Käselaibe und leibhaftige Schäfer

Die kulinarische Spezialität in der Serra da Estrela ist der Bergkäse, Queijo da Serra. Diesen liefern Schäfer wie Fernando Jorge Nunes Cardoso, 43, und Armando Jorge Abreu, 51. Beide stammen aus Schäferfamilien. Abreu ist wortkarg und schiebt sich eine Zigarette vor die löchrigen Zahnreihen, während Cardoso erklärt, dass mindestens fünf Liter Schafsmilch für ein Kilo Käse nötig sind. Die Rasse Bordaleira liefere die beste Qualität.

Cardoso zieht nicht mehr mit seiner Herde auf Wanderschaft in die Berge. Anders ist das bei Luis do Cruz: Im Frühsommer bricht der 58 Jahre alter Schäfer zu den saftigeren Weiden in die Gipfelregionen auf und kommt erst zwei bis drei Monate später zurück. Früher hat er unter Decken und Regenschutz im Freien an einem Fels genächtigt. Und heute? «In meinem Auto», sagt er lapidar.

Archaische Traditionen

Wer ins Sterngebirge kommt, erlebt mitunter besondere Traditionen. Urtümlich geht es unweit von Seia in Folgosa da Madalena um den 24. Juni zu, am Johannistag. Dann treiben Hirten ihre Tiere zur «Segnung der Herden» in den beflaggten Ort. Jeder Schäfer bringt seine besten Schafe und Ziegen heran. Das Ritual besteht darin, die Herde im Dorfkern um die Johanneskirche zu treiben - dreimal rechts und dreimal links. Dann, so glauben die Menschen, sorgt der heilige Johannes bis zum kommenden Jahr für den Schutz des Viehs.

Herde folgt auf Herde. Für eine Runde brauchen die Tiere zwanzig Sekunden, handgestoppt. Das Glockengebimmel geht durch Mark und Bein. Wer in vorderster Reihe steht, kriegt Kotspritzer ab. Wie man eine Herde, die Tempo aufgenommen hat, nach drei Runden bremst und dazu bewegt, in Gegenrichtung zu laufen, ist «wirklich schwierig», erklärt einer der Schäfer. Was er nicht sagt: Nicht nur die Hirtenhunde, auch die Fressköder helfen.

Als das Zeremoniell zu Ende ist, sieht der Boden um die Kirche erbärmlich aus. Die Feuerwehr nimmt mit Schläuchen den Kampf gegen die Exkremente auf - während man als Wildfremder unversehens in ein Privathaus zu Wein und Wurst gebeten wird. Ja, auch hier hält sich das gute alte Portugal lebendig.



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