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Nach Festnahme

Kolesnikowas Kollegen in Belarus hoffen auf Klarheit

Maria Kolesnikowa ist eines der bekanntesten Gesichter der Demokratiebewegung in Belarus. Als sie sich weigert, das Land zu verlassen, wird sie festgenommen. Was mit Kolesnikowa danach passiert ist und wo sie sich befindet, bleibt unklar.

veröffentlicht am 09.09.2020 um 16:45 Uhr

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Nach der Festnahme der Oppositionellen Maria Kolesnikowa in Belarus (Weißrussland) hoffen ihre Kollegen auf Klarheit über ihren Verbleib. Es gebe zwar Informationen, dass die 38-Jährige im Süden des Landes in Gewahrsam sei, teilte ihr Team mit.

Eine offizielle Bestätigung dafür gebe es aber nicht. Auch die Anwälte wüssten nicht, wo sich Kolesnikowa aufhalte. «Wir appellieren an die belarussischen Behörden, den Aufenthaltsort von Maria Kolesnikowa mitzuteilen», teilte das Team über den Nachrichtenkanal Telegram mit.

Die Opposition hat nach eigenen Angaben auch den Kontakt zu einem weiteren wichtigen Mitglied des Minsker Koordinierungsrates verloren. Der Jurist Maxim Snak sei nach einem kurzen Telefonat nicht mehr erreichbar, teilte ein Sprecher der Opposition am Mittwoch dem Internetportal tut.by mit. Snak habe ihm nur noch sagen können, dass Maskierte zu ihm gekommen seien. Dann sei die Verbindung abgebrochen.

Berichten zufolge soll er festgenommen worden sein. Auf Bildern war zu sehen, wie Snak von Maskierten begleitet und abgeführt worden sein soll. Sein Anwalt sagte, dass das Ermittlungskomitee gegen ihn vorgehe. Die genauen Gründe seien unbekannt. Eine Bestätigung der Behörden gab es zunächst nicht.

Die Oppositionelle Swetlana Tichanowskaja rief Russland zur Unterstützung der Demokratiebewegung und zu einem Ende der Lügenpropaganda auf. «Unterstützen Sie das belarussische Volk», sagte sie am Mittwoch in einer Videoansprache an die Russen. Die Unwahrheiten der russischen Staatsmedien würden die Beziehungen der eng verbundenen Völker vergiften, sagte sie. Die russischen Medien sollten ehrlich darüber berichten, warum sich das belarussische Volk gegen den autoritären Präsidenten Alexander Lukaschenko stelle.

Die US-Regierung erwägt laut Außenminister Mike Pompeo mit ihren Verbündeten koordinierte, gezielte Sanktionen «gegen jene, die an Menschenrechtsverstößen und Repressionen in Belarus beteiligt sind». Pompeo verwies am Dienstag (Ortszeit) auf die «angebliche Entführung» Kolesnikowas und appellierte an die belarussischen Behörden, «das gewaltsame Vorgehen gegen ihr eigene Volk zu beenden und all jene freizulassen, die unrechtmäßig festgenommen worden sind».

Kolesnikowa war am Dienstag an der Grenze zum Nachbarland Ukraine festgenommen worden. Sie ist eines der bekanntesten Gesichter der Demokratiebewegung, die sich gegen den autoritären Staatschef Alexander Lukaschenko stellt.

Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International forderte die Behörden auf, Informationen über den Verbleib der Oppositionellen bekanntzugeben und Kolesnikowa unverzüglich freizulassen. «Wir rufen dazu auf, dass die Kampagne der Einschüchterung und politischen Verfolgung von Gegnern beendet wird», hieß es in einer Mitteilung.

Kolesnikowa soll am Montagvormittag entführt und gegen ihren Willen zur Grenze gebracht worden sein. Dort wollten die Behörden sie nach Angaben ihrer Mitarbeiter Iwan Krawzow und Anton Rodnenkow zur Ausreise zwingen. Die beiden seien über die ukrainische Grenze gefahren, weil sie befürchteten, festgenommen zu werden.

Kolesnikowa habe aber ihren Pass zerrissen und sei zum belarussischen Grenzübergang zurückgekehrt, wo die Oppositionelle dann festgenommen wurde. Den Behörden zufolge wollte sie in die Ukraine ausreisen. Es sei zu der Festnahme gekommen, um «Umstände zu klären», hieß es. Details wurden nicht genannt.

Kolesnikowa, die viele Jahre in Stuttgart wohnte und dort Kulturprojekte managte, ist eine der letzten aktiven Oppositionellen, die noch in Belarus ist. Sie arbeitet für den Ex-Bankenchef Viktor Babariko, der sich um das Präsidentenamt bewerben wollte. Zudem ist sie im Koordinierungsrat der Opposition, der einen friedlichen Machtwechsel will. Einige Mitarbeiter des Gremiums sind bereits festgenommen oder zur Ausreise gezwungen worden.

Staatschef Lukaschenko hatte sich nach der Präsidentenwahl vor gut vier Wochen mit mehr als 80 Prozent der Stimmen zum Sieger erklären lassen. Die Opposition hält dagegen Swetlana Tichanowskaja für die wahre Gewinnerin der Wahl. Die Abstimmung steht international als grob gefälscht in der Kritik. Seit dem 9. August gibt es täglich Proteste.

Auch Tichanowskaja lebt inzwischen im Exil im EU-Land Litauen. Sie war unter Druck der Behörden dorthin ausgereist. Die Oppositionelle forderte die sofortige Freilassung ihrer Mitstreiterin. «Wir spüren großen Druck seitens der Behörden auf unser Volk», sagte sie am Dienstag in Litauen. Die Entführung und Festnahme Kolesnikowas schockiere sie. «Es ist nicht normal, dass solche Dinge mitten in Europa im 21. Jahrhundert passieren.»

Am Abend sammelten sich in Minsk aus Solidarität mit Kolesnikowa zahlreiche Menschen. Auf Bildern war zu sehen, wie maskierte Einsatzkräfte Dutzende Demonstranten brutal festnahmen und die Gruppen auseinandertrieben. Die Aktivisten der Menschenrechtsgruppe Wesna sprachen von mehr als 50 Festnahmen.



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