weather-image
16°
×

Dubiose Geldströme

Entlassener Kardinal Becciu geht in die Offensive

Lange hatte Kardinal Becciu das Vertrauen des Papstes. Jetzt muss er im Umfeld von Vorwürfen der Vetternwirtschaft zurücktreten. Am Tag danach geht der Kirchenmann in die Offensive, weist jeden Verdacht zurück und fühlt sich von Franziskus falsch behandelt.

veröffentlicht am 25.09.2020 um 17:24 Uhr

Autor:

Papst Franziskus hat vor dem Hintergrund dubioser Geldströme im Vatikan Kardinal Angelo Becciu aus seinen Ämtern entlassen.

Der 72-jährige Italiener, der lange als Vertrauter von Franziskus galt, wies jedoch am Freitag vor der Presse in Rom alle Anschuldigungen in den Medien zu Vetternwirtschaft vehement zurück. «Bis gestern um 18 Uhr fühlte ich mich als Freund des Papstes, als treuer Diener», sagte Becciu. Das Presseamt des Vatikans hatte am Donnerstag bekannt gegeben, dass Becciu als Präfekt der Kongregation für Heilig- und Seligsprechungen zurückgetreten sei. Er verzichte auf seine Kardinalsrechte. Das katholische Kirchenoberhaupt habe den Rückzug angenommen, hieß es dort.

«Der Papst sagte mir, dass er mir nicht mehr vertraut, weil ihm von den Staatsanwälten mitgeteilt wurde, dass ich angeblich Unterschlagungen begangen habe», berichtete Becciu nun. Offiziell hatte der Vatikan keine Begründung genannt. Becciu hatte schon zuvor im Interview der Zeitung «Domani» gesagt, Franziskus habe den Schritt veranlasst. Er habe jedoch nicht «einen Euro gestohlen».

Hintergrund für die ungewöhnliche Entmachtung eines Spitzenmannes der katholischen Kirche sind nach italienischen Medienberichten auch Geschäfte, die Becciu in früheren Positionen mit Unternehmen seiner Brüder gemacht haben soll. Ein Anwalt der Familie schrieb dazu am Freitag, die Darstellungen seien falsch. Außerdem brachten Medien den Schritt in Zusammenhang mit einem Skandal um eine Investition des Vatikans in eine Luxusimmobilie im Zentrum Londons. In seiner früheren Tätigkeit im Staatssekretariat, der zentralen Bürokratie des Vatikans, beaufsichtigte Becciu das umstrittene Immobiliengeschäft.

Dazu erläuterte Becciu vor der Presse, der Papst habe dieses Geschäft nicht angesprochen. Der Hauptvorwurf beziehe sich auf 100.000 Euro, die er 2017 der Diözese Ozieri auf seiner Heimatinsel Sardinien zugunsten einer von seinem Bruder geführten Genossenschaft gegeben habe. Bei dieser Lebensmittel-Kooperative sei die Summe aber gar nciht angekommen. Das Geld liege noch auf einem Konto der der Diözese. Der Bischof von Ozieri bestätigte Berichten zufolge.

Becciu hatte in der neu gegründeten Zeitung «Domani» erläutert: «Es gibt mit Sicherheit keine Straftaten.» Er ergänzte zum Rückzug: «Ich sagte zum Papst: "Aber warum tust du mir das an? Vor der ganzen Welt?"»

Ein solcher Kardinalsrücktritt ist eine sehr seltene Sache. Die höchsten Würdenträger nach dem Papst wählen das nächste Kirchenoberhaupt. Der 83-jährige Franziskus hatte Becciu selbst zum Kardinal ernannt.

Hintergrund für die Entmachtung dürften auch jüngste Veröffentlichungen sein - etwa im Wochenmagazin «L'Espresso» - über Becciu und seine Brüder. Den Angaben zufolge flossen um die 600.000 Euro zwischen 2013 und 2015 von der Kirche an die wohltätige Lebensmittel-Kooperative, betrieben von einem Bruder in Sardinien. «Ich kann das bestätigen, auch weil es über alles Rechenschaft gibt. Was ist daran falsch?», sagte Becciu «Domani» und wies auf die Einbindung der Hilfsorganisation Caritas hin. Vor der Presse sagte er, dass er selbst dabei keine Rolle spielte.

Außerdem geht es um Aufträge an eine Firma eines anderen Bruders, die Türen und Fenster liefert, etwa für Botschaften des Vatikans im Ausland. Dies war laut Becciu intern abgesprochen.

Die Staatsanwälte des Vatikans untersuchen zudem das Immobiliengeschäft in London seit einiger Zeit. Im Juni nahmen Ermittler Gianluigi Torzi, einen italienischen Finanzier, fest. Er hatte den Berichten zufolge als Mittelsmann fungiert, als der Vatikan versuchte, die volle Kontrolle über das Objekt zu erlangen. Torzi, der jegliches Fehlverhalten bestreitet, wurde unter anderem der Erpressung und des schweren Betrugs beschuldigt. Er kam gegen Kaution frei.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kontakt
Redaktion
E-Mail: redaktion@dewezet.de
Telefon: 05151 - 200 420/432
Anzeigen
Anzeigen (Online): Online-Service-Center
Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
Abo-Service
Abo-Service (Online): Online-Service-Center
Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
X
Kontakt