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Hochwasser

Wahlkämpfer in Gummistiefeln - ein schmaler Grat

Politikerauftritte im Hochwasser sind heikel. Die Kanzlerkandidaten Laschet und Scholz beeilen sich ins Katastrophengebiet. Dabei müssen sie aufpassen, dass ihnen das nicht als Kalkül ausgelegt wird.

veröffentlicht am 15.07.2021 um 15:55 Uhr

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CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet steht vor einer mit schlammgrauem Wasser überfluteten Straße. Gleich am Morgen ist er nach Altena im Sauerland gefahren, mitten ins Hochwassergebiet.

Anwohner hier hätten über Nacht alles verloren, berichtet der nordrhein-westfälische Ministerpräsident, wirkt dabei fast wie ein Reporter vor Ort. «Es ist jetzt wichtig, dass schnelle Hilfe hierher kommt», betont er. Auch sein Konkurrent, SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz, will sich in Rheinland-Pfalz ein Bild vom Katastrophengebiet machen. Das dramatische Hochwasser platzt mitten in ihren Wahlkampf - und weckt Erinnerungen.

Denn Hochwasser haben das Potenzial, Wahlen zu entscheiden - oder zumindest eine große Rolle zu spielen. Das weiß man spätestens, seit Gerhard Schröder 2002 in Gummistiefeln durch die Elbeflut stapfte. Das Bild ist auch fast 20 Jahre danach noch präsent: Über dem blütenweißen Hemd trägt er einen grünen Regenparka, die dunkelgraue Anzughose in die wadenhohen, schwarzen Stiefel gestopft.

Nicht wenige sagen, diese Gummistiefel hätten die Bundestagswahl entschieden. Denn vor der Flut liegt die SPD in Umfragen noch sieben Punkte hinter der Union. Dann kommt der Regen im Osten, die Elbe steigt, bis die gewaltigen Wassermassen Dämme brechen und Häuser wegreißen. Während sein Herausforderer Edmund Stoiber auf Juist urlaubt, präsentiert sich Schröder im Flutgebiet als entschlossener Krisenmanager. Stoiber findet das schäbig - bei der Wahl wird Schröder trotzdem regelrecht ins Kanzleramt gespült.

Seitdem ist in der Politik die Rede von «Gummistiefelmomenten», in denen man alles gewinnen, oder alles verlieren kann. Auch Kanzlerin Angela Merkel schlüpft 2006 beim Elbehochwasser in die Gummistiefel. Bei der Jahrhundertflut 2013 fährt sie nach Passau, sichert den betroffenen Regionen Millionenhilfen zu, während SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in Berlin bleibt.

Einfluss auf die Wahl im September?

Hat das Hochwasser in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ein ähnliches Potenzial für «Gummistiefelmomente»? Der Kommunikationsexperte und Wahlforscher Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim rechnet nicht damit, dass Scholz und Laschet durch ihre Auftritte viele neue Wähler gewinnen. Niemand werde Scholz über Nacht als «Helmut Schmidt 2.0» betrachten. Damit spielt Brettschneider auf das erste Beispiel für Gummistiefel-Politik in den 1960er Jahren an: Bei der verheerenden Sturmflut 1962 holt Schmidt als SPD-Innensenator eigenmächtig die Bundeswehr zur Hilfe, koordiniert Rettungseinsätze und begründet seinen Ruf als Macher und Krisenmanager.

Scholz und Laschet könnten im heutigen Krisengebiet weniger gewinnen, «aber sie könnten Wähler verlieren, wenn sie nicht kämen», meint Wahlforscher Brettschneider. «Wenn sie nicht hinfahren, kann das als Versagen in Krisensituationen interpretiert werden.»

Beim Auftritt im Katastrophengebiet wandeln die Kanzlerkandidaten auf einem schmalen Grat zwischen Krisenhilfe und dem Vorwurf, aus dem Leid der Flutopfer im Wahlkampf Kapital schlagen zu wollen. Mitgefühl darf nicht als kalkuliertes Mittel erscheinen. Politiker in der Exekutive, Ministerpräsidenten und Minister etwa, hätten da einen Vorteil, sagt Brettschneider. «Ihr Besuch ist glaubwürdig, weil sie etwas machen können» - konkrete Hilfe und Geld organisieren etwa.

Regierende im Vorteil

«Jeder Ministerpräsident, der sein Amt ernst nimmt, ist in einem solchen Moment bei den Menschen vor Ort, Wahlkampf hin oder her», betont Laschet im Krisengebiet. Er wolle seinen Besuch nicht für wahlkampfträchtige Fotos nutzen, dazu sei die Lage zu ernst. «Das Wichtigste ist, jetzt zu helfen, und vor allem denjenigen, die helfen, Rückendeckung zu geben.» Parteipolitische Fragen müssten da zurückstehen.

Auch Scholz kommt in seiner Rolle als Vizekanzler, als Vertreter von Kanzlerin Angela Merkel, die gerade bei US-Präsident Joe Biden in Washington ist. Er betont, der Bund müsse im Katastrophengebiet mit anpacken und verspricht: «Ich werde alles dafür tun, dass auch der Bund finanzielle Hilfe leistet.»

Schwerer hat es die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, die zwar ihren Urlaub abbricht, aber keine Exekutivmacht hat. Sie sei besser beraten, aus Berlin Themen wie Klimawandel und Flächenversiegelung anzusprechen, «aber nicht vor der Kulisse der Fluten», meint Brettschneider.

Wichtig sei bei Besuchen im Krisengebiet, als Politiker nicht etwa öffentlichkeitswirksam Sandsäcke zu stapeln, sondern Betroffenen und Einsatzkräften zuzuhören - und das gern auch in Gummistiefeln. In Altena zeigt sich Laschet zumindest mitten in den Fluten - doch ob er Gummistiefel trägt oder doch etwa trocken auf einem Podest steht, ist auf dem Video von «Bild TV» nicht zu sehen.



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