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Internetphänomen: Die Lust am fehlerhaften Schreiben

Was ist das für 1 Sprache?

Wer mit sozialen Medien sonst nichts am Hut hat, sich in denselben aber mal umsehen würde, der dürfte die heutige Meldung über die zunehmende Rechtschreibschwäche unter Schülern und Erwachsenen prompt bestätigt sehen. Bei Facebook, Twitter und Instagram finden sich zahlreiche Seiten, die in einem scheinbaren Kauderwelsch kommunizieren, das vor Rechtschreibfehlern nur so strotzt.

veröffentlicht am 08.08.2016 um 16:37 Uhr
aktualisiert am 06.10.2016 um 13:17 Uhr

Philipp Killmann

Autor

Reporter zur Autorenseite

Der Witz ist: Die Fehler werden mit Absicht gemacht. Wer braucht schon Rechtschreibung, wozu Satzzeichen? Das bekannteste Beispiel ist die Seite „Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“.

Mal mehr, mal weniger kitschige Fotos werden dort mit kitschigen Sprüchen und Rechtschreibfehlern versehen: „Falsche Menschen bauchen kein Karnival um 1 Makse zun tragen“ ist dort etwa vor einem bunten Hintergrund mit Karnevalsmaske zu lesen. Auf einem anderen Foto, das einen steinernen Engel in sinnierender Pose zeigt, heißt es: „Jedes Jahr wird Irgendwo auf Der Welt 1 Baby gebohrn“. Es handelt sich um eine Parodie auf Internetseiten, wie man sie zuhauf finden kann. Auf ihnen finden sich Kitschbilder, bestückt mit Sprüchen, die den Anschein von Tiefsinnigkeit erwecken sollen und sich über die sozialen Netzwerke verbreiten.

Die Persiflage „Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“ ging vermutlich irgendwann im letzten Sommer online. Die Resonanz ist riesig. Inzwischen hat die Seite 188 000-„Gefällt mir“-Angaben. Unter den Bildern finden sich Hunderte Kommentare von Fans der Seite, die in demselben Kauderwelsch ihren Senf dazugeben.

Der Macher der Seite, der seine Identität nicht preisgibt, wurde inzwischen von mehreren Medien zum Interview gebeten. Auf die Frage nach den Rechtschreibfehlern antwortete er gegenüber dem „Focus“, er verstehe „nicht gans was sie mit Rechschreib Gramatik Fehler meinen? Manchmal ist evl wegen t9 auf meine #iphone“.

Ein anderes sprachliches Stilmittel, das in den sozialen Netzwerken kursiert, ist die Ziffer 1. Sie ersetzt den unbestimmten Artikel. „Was ist das für 1 Life?“ lautet der Name einer Facebook-Seite mit rund 53 000-„Gefällt mir“-Angaben. Dort zeigen Memes, also hier mit dem Satz „Was ist das für 1 Life?“ versehene Fotos, Banalitäten wie etwa eine leere Klopapierrolle, aber auch Politiker wie Beatrix von Storch, die vorzugsweise mit fragwürdigen Aussagen von sich reden machen. Inzwischen gibt es auch eine Facebook-Seite namens „Was ist das für 1 Hameln?“ Dort finden sich mit der entsprechenden Frage versehene Hamelner Kuriositäten oder Fragwürdigkeiten.

Aber woher kommt sie plötzlich, diese 1? Vieles deutet auf Money Boy aus Wien hin. Der umstrittene Rapper baut schon seit Jahren wie kein anderer vor ihm Anglizismen in seine Rap-Texte ein, verballhornt sie und hat damit einen eigenen Slang kreiert.

Gegenüber „Jetzt“, dem Online-Magazin der Süddeutschen Zeitung, erklärt sich Sebastian Meisinger alias Money Boy, der vor seiner Rap-Karriere eine Diplomarbeit über „Gangsta-Rap in Deutschland“ geschrieben hat, zum Urheber der 1: „Ich habe die ,1‘ einfach erfunden.“ Er habe viel Slang erfunden, so auch das Austauschen von „t“ und „k“ und „ß“ und „ss“, wodurch aus Straße „Skrasse“ wird, oder „i“ statt „ich“ und „i bims“ statt „ich bin’s“.

Aber vielleicht war es auch Tennis-Legende Boris Becker, der sich nicht zuletzt mit seinen unbedarften Tweets auf Twitter eine ureigene Fanbase aufgebaut hat. Zumindest führte Autor Jan Wehn unlängst einen Tweet von Boris Becker aus dem Jahr 2011 als „Beweis“ für Beckers Urheberschaft der „1“ an. Damals tweetete Becker: „Wann sehen wir 1 beweisfoto?“

Praktisch ist die „1“ allemal, nicht zuletzt bei Twitter, wo der Nutzer mit 140 Zeichen pro Tweet auskommen muss.

Ein weiterer digitaler Sprachvirtuose ist Twitter-Nutzer Paul Rippé, angelegt als Satire auf den Fotografen Paul Ripke. Letzterer arbeitete etwa für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, Die Toten Hosen und Marteria. Vielleicht ist Paul Rippé auch Paul Ripke selbst.

In den Tweets von Paul Rippé jedenfalls wird aus seinem selbst erklärten Lieblingsgetränk Jim Beam „Jim Birn“, aus Kumpel Mats Hummels wird Heumels und aus Frauke Petry wird Frau Peketry. Zwischendurch gibt der „Fotirgraf“ spannende Einblicke in sein Leben: „War ganzen Tag bei REWES einfach bisschn guckn was so gibts von Sortiment her ganz schön viel.“ 7300 Follower und Nachahmer danken es ihm.

Und was soll das alles? Geht es hierbei bloß um Besserwisserei, wird sich hier über die Rechtschreibschwäche anderer lustig gemacht oder ist es sogar ein Aufbegehren? In einem Artikel für das „Vice“-Magazin meint Autor Linus Volkmann: „So reden, dass sich Lehrer und Eltern gruseln, das besitzt etwas wahnsinnig Befreiendes. Ein Urlaub von der Kontrollgesellschaft. Denn kaum etwas schafft mehr Abgrenzung, als nicht dieselbe Sprache zu sprechen.“

Im Selbstversuch kommt Volkmann zu dem Schluss: „Fehler finden und gleichzeitig produzieren – einfach ganz schön (selbst)befriedigend.“

An besten eimfahc mal selbs ausprobirn.



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