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Als düstere Rattenfänger haben Brian Boyer und Claus Lindner bei der Sport-Gala ihren ersten Jubiläumsauftritt

Hamelns Pfeifer – ein Typ, der mit den Menschen spielte?

Von Karin Rohr

veröffentlicht am 08.02.2009 um 17:55 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 09:23 Uhr

Von Karin Rohr

Verführer? Scharlatan? Gauner? Halunke? Auf jeden Fall: Ein geheimnisvoller Fremder, der aus dem Nichts auftauchte und im Nichts verschwand. Was für ein Typ war er – der Rattenfänger von Hameln? Darüber zerbrechen sich nicht nur Historiker den Kopf. Diese Frage rückt auch im Jubiläumsjahr in den Brennpunkt, wenn die dunkle Seite des Pfeifers beleuchtet und bedient wird: Als düstere Rattenfänger sind Brian Boyer (22) und Claus Lindner (47) im Einsatz.

„Er hat den Mut, zu

tun, was er will!“

Ihr erster Auftritt: bei der Sport-Gala. In zwei von 14 Kostümen, die Studentinnen der Fachhochschule für Design in Hannover im Auftrag der Hameln Marketing und Tourismus GmbH (HMT) eigens für die beiden entwarfen. Zwar hat die Jury noch nicht entschieden, welches der Kostüme das Rennen macht, aber schon die beiden dunklen Outfits, die Boyer und Lindner an diesem Abend tragen, sind Aufsehen erregend.

Beide haben keine Probleme, sich mit den dunklen Seiten des Rattenfängers zu identifizieren. „Ich komme aus Aachen“, erzählt Claus Lindner, „da wird immer ausladend Karneval gefeiert.“ Als er zum ersten Mal mit Hamelns buntem Rattenfänger konfrontiert wurde, habe er das wie einen „Karnevals-Auswuchs“ empfunden: „Zu glatt, zu bunt, nichts Mittelalterliches“, so sein Urteil. Der Pfeifer sei ihm wie „eine Puppe aus dem Kinderspielwarensortiment“ vorgekommen. Kein Wunder, dass er den dunklen Rattenfänger favorisiert: „Toll, dass man sich traut, den Rattenfänger auch einmal von seiner nicht nur sympathischen Seite zu zeigen“, meint Lindner.

Natürlich hat er sich Gedanken zum Rattenfänger gemacht: „Er ist ein Außenseiter, aber trotzdem gesellig“, glaubt Lindner. Ein Überlebenskünstler mit viel Charme und der Gabe, Leute mit seinem Flötenspiel zu betören. Er sei eine ambivalente Persönlichkeit, die sowohl einnehmend, als auch abstoßend sein kann. Was er an dem Pfeifer bewundert: „Dass er den Mut hat, zu tun, was er will!“

Seit seinem sechs

ten Lebensjahr setzt

sich Brian Boyer mit

dem Rattenfänger

auseinander. Wie

Claus Lindner findet

auch er an der Figur

problematisch, dass sie

in Hameln bisher im-

mer nur als sehr anspre-

chend, bunt, nett und

mit einem gewissen

„Till-Eulenspiegel“-

-Effekt im Hinblick aufL das Kostüm dargestellt worden sei. Die Vermarktung der Figur sei nicht darauf angelegt, dass man Angst vor ihr habe: „Sie ist bunt, hell und freundlich“, so Boyer. Die neue Seite, die jetzt gezeigt werde, beinhalte alle Facetten, die bisher verschwiegen wurden. Brian Boyers Hoffnung: „Dass im Jubiläumsjahr bei

den Hamel-

nern der

Wunsch aufkommt, sich noch einmal und intensiver mit der Figur zu befassen.“ Die Unberechenbarkeit dieses mysteriösen Mannes, der einst die Stadt von den Ratten befreite und – um seinen Lohn betrogen – aus Rache die Kinder entführte, ist für Boyer das Faszi-

nierende an der

Figur. Dabei

sind sich beide

Rattenfänger-Darsteller durchaus darüber bewusst, dass erst die Gebrüder Grimm die zwei Sagenstränge „Befreiung von der Rattenplage“ und „Auszug der Kinder“ zu einer Geschichte verwoben haben.

Eine Geschichte, die ihr Potenzial nicht zuletzt aus dieser Verdichtung schöpft. Hätte der Rattenfänger so radikal reagieren müssen, nachdem ihm der Lohn verweigert worden war? „Wenn jemand einen Fehler macht, sollte man ihm immer eine zweite Chance geben“, argumentiert

Boyer und findet:

„Auch Hamelns Bürger

hätten eine zweite

Chance verdient

gehabt.“ Statt-

dessen habe sich

der Rattenfän-

ger gleich

böse ge-

rächt. Für

ihn ist der

Pfeifer ein

Typ, der mit

den Leuten

spielt, den

man nicht

einschätzen

kann und

dessen Mas-

kerade nie-

mand durch-

schaut: „Ob-

wohl er letztlich

erkannt und verstanden

werden will“, meint

Boyer: „Sein Gegen-

über soll für sich selbst

durch die Erfahrung

mit ihm zur Lösung

kommen.“

Eins ist sicher: Die Faszination von Hamelns Sagengestalt ist ungebrochen und bietet im Jubiläumsjahr so viel Diskussionsstoff wie selten zuvor. „Ein Teil des Tages ist die Nacht. Wenn man die abschneidet, fehlt etwas“, plädiert Lindner für die dunkle Seite des Pfeifers. Die zwei Gesichter dieser Figur, ihr „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“-Charme, machen die Auseinandersetzung besonders spannend, sind sich die beiden Darsteller einig. Für Boyer könnte der Rattenfänger sogar „noch eine Spur dunkler“ angelegt sein.

Ein reizvoller

Archetypus

Ob das alles den Hamelnern gefällt? „Sie sollten sich gerade in diesem Jahr noch einmal offen zeigen für diese Archetypus-Figur“, wünschen sich Brian Boyer und Claus Lindner. „Geheimnis, Magie und Verführung“ lautet das Motto für das Jubiläumsjahr, das auch bei der Sport-Gala bedient wird. Wie ungemein reizvoll das sein kann, erleben die Ballgäste beim Einmarsch der Sportler zur mystischen Jubiläumsmusik. Und sie sehen zum ersten Mal Rattenfänger, die nicht zuletzt dank ihrer Kostüme das Klischee vom heiteren, bunten Pfeifer sprengen.

Verführer? Scharlatan? Gauner? Halunke? Hamelns Rattenfänger ist auf jeden Fall ein Typ, an dem man sich immer wieder aufs Neue reiben kann. Und das nicht nur im Jubiläumsjahr.

Haben sich intensiv

mit der dunklen Seite des Pfeifers befasst: Brian Boyer (li.) und Claus Lindner (re.).



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