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Vor dem Krieg in die Musik geflüchtet

Rinteln. Sie sind zwar nur zu dritt. Aber zusammen sprechen sie insgesamt neun Sprachen. Ihre Musik ist Rap – die Musik, die wie keine andere der Sprache Platz einräumt und somit wie geschaffen ist für Jikens. So nennt sich die Gruppe. Jikens, das steht für in der Diaspora lebende Afrikaner. Einer von ihnen lebt in Rinteln, wo sich unsere Zeitung mit den Künstlern getroffen hat.

veröffentlicht am 16.04.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 13.03.2019 um 15:48 Uhr

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In einem Fachwerkhaus in der Rintelner Altstadt soll das Treffen mit der Rap-Gruppe Jikens, bestehend aus A.D. Tos, Jona Jona und J-JD, stattfinden. Aber noch ist von Jikens nichts zu sehen. Allein der Bruder von Andre dos Santos Maquina alias A.D. Tos, mit dem er sich die Wohnung teilt, öffnet die Tür, gewährt Einlass und hat eine Erklärung parat. „Ach, das ist bei uns so: Wenn wir 16 Uhr sagen, meinen wir eigentlich eine Stunde später. Andererseits ist zumindest John eigentlich immer pünktlich – und ein recht skeptischer Mensch, also sehr deutsch“, sagt er lachend. John Pedro Mpiango (35) heißt bei Jikens Jona Jona. Der Elektroinstallateur und zweifache Familienvater lebt in Lübbecke. Der Dritte im Bunde ist Johannes da Costa (24) alias J-JD, er lebt in Leverkusen, studiert in Köln. Die drei zusammenzubringen, ist daher nicht ganz einfach. Heute soll es klappen. Und um kurz vor fünf ist es dann auch so weit. Die Stimmung ist ausgelassen. Schließlich haben die drei sich auch schon länger nicht gesehen.

Insgesamt neun Sprachen sprechen Jikens: Deutsch, Portugiesisch, Lingala, Kikongo, Französisch, Spanisch, Niederländisch, Englisch und Türkisch. Jeder Einzelne beherrscht allein sechs Sprachen. In den Raps von Santos und Jona Jona dominiert allerdings Portugiesisch, die Amtssprache ihres Heimatlandes Angola. J-JD, geboren und aufgewachsen in Deutschland, rappt und singt meistens auf Englisch.

„Jikens ist ein Begriff für Afrikaner, die in der Diaspora leben, so wie wir. Und seit wir einmal in Frankreich als ,Jikens‘ bezeichnet und begrüßt wurden, nennen wir uns so“, schildert Jona Jona die Entstehungsgeschichte des Gruppennamens. „Zuvor hatten wir überlegt, uns ,Fugees‘ (engl. ,refugee‘: Flüchtling; Anm. d. Red.) zu nennen, weil wir, also Santos und ich, ja auch als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind.“ Aber da es die Fugees schon gab, kam Jikens wie gerufen.

Geflohen sind Jona Jona und sein Cousin bereits im Alter von 14 Jahren vor dem Bürgerkrieg in Angola, der dort nach dem ersehnten Ende der Kolonialherrschaft Portugals 1975 entbrannte. „Uns drohte die Rekrutierung durch die Armee, denn spätestens mit der Volljährigkeit wurde jeder gesunde Angolaner eingezogen“, erklärt Jona Jona. Und da er und sein Cousin „schon immer unzertrennlich gewesen“ seien, war es für sie nur folgerichtig, dass sie auch gemeinsam ins Exil gingen.

Das war 1991. Erste Anlaufstation in Deutschland war Santos’ älterer Bruder, der schon jahrelang in Köln lebte und sich ihrer annahm. Nach zwei Jahren in einem Internat am Rhein wurde ihr Quartier jedoch in das Internat Ludwig-Steil-Hof in Espelkamp im Kreis Minden-Lübbecke verlegt. „Mein Bruder wollte, dass wir unter möglichst günstigen Bedingungen Deutsch lernen, also möglichst wenig mit Landsleuten zu tun haben, mit denen wir uns sowieso nur in unseren eigenen Sprachen unterhalten hätten“, erläutert der 34-jährige A.D. Tos, den alle nur Santos nennen.

All das – die Bürgerkriegserfahrung, das Exil, das Heimweh, aber natürlich auch positive Lebenserfahrungen – sind Themen, die sich in den Texten von Jikens widerspiegeln. Wenn es sich ergibt, beziehen sie auch Stellung gegen Rassismus. Viel Raum nimmt das leidige Thema bei Jikens aber nicht ein. Dabei wurden Jona Jona und J-JD erst am Mittag in Minden rassistisch beleidigt. „Eine wirklich freundliche Begrüßung war das“, kommentiert J-JD, der gerade angereist war, kopfschüttelnd den Vorfall. Bei der ersten Begegnung hätten sie den Mann noch ignoriert, erzählt Jona Jona. „Aber als der Typ später auch noch eine schwarze Frau und ihr Kind beleidigte, sagte ich mir: Jetzt reicht’s! Als ich ihn dann zur Rede stellte, merkte ich, der Typ ist genauso fertig, wie er aussieht.“ Wenn er sich jeden Tag über all die Sprüche auf der Straße, auf dem Bau oder im Sportverein aufregen würde, „dann wäre ich ein frustrierter Mensch“, sagt er. „Aber vielleicht mach ich doch mal einen ganzen Song über Rassismus.“

Aber Jikens betreiben nicht bloß Nabelschau, die in ihrem Fall ja noch nicht mal von Belanglosigkeiten geprägt wäre. Sie schauen sehr wohl über den eigenen Tellerrand hinaus. Mit „Abandonados“ etwa haben sie einen Song über Straßenkinder (port.: abandonados) geschrieben. „Uns selbst hat es zwar nie an Zuwendung und Unterstützung gemangelt, aber in Angola haben wir viele Kinder gesehen, die verlassen, ohne Eltern auf der Straße ums nackte Überleben kämpfen“, sagt Santos über den Song. Das in Berlin-Oranienburg gedrehte Video setzt sich zum Großteil aus Aufnahmen von Straßenkindern weltweit zusammen. „Diese Sequenzen wurden uns von der Unicef (dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen; Anm. d. Red.) zur Verfügung gestellt unter der Bedingung, dass wir die Unicef als Urheber der Bilder nennen“, erläutert Santos.

In Portugal, erzählen sie, wurde der Song von dem Fernsehsender RTP (laut Santos hier mit RTL zu vergleichen) zum besten Video des Jahres 2008 gewählt. Und in Angola wurde Santos, als er im vergangenen Jahr das erste Mal nach 19 Jahren seine Heimat besuchte, ins Fernsehen eingeladen, „in die angolanische Version von ,Wetten dass...?‘“, wie der passionierte Fußball- und Tennisspieler sagt.

Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Musik- und vor allem Rap-begeistert waren sie schon immer, als prägend nennen Jona Jona und Santos die beliebte Fernsehshow „Yo! MTV Raps“ aus den frühen 90ern. Aber zunächst sprangen die beiden auf den damals sehr populären Zug des Euro-Dancefloors auf. Zusammen mit einem Freund, zwei Produzenten und einer Sängerin bildeten sie die Gruppe Jis & Joyce. Trotz mangelnder Sprachkenntnisse rappten sie damals noch auf Englisch, dazu studierten sie viele Tanzchoreografien ein. Aufgenommen wurde im Bielefelder Mühlenstudio, durch das wiederum Kontakt mit der Extener Veranstaltungsfirma Carambolage-Music-Hall geknüpft wurde: Nur wenig später traten sie schon als Vorgruppe von Dancefloor-Stars wie Fun Factory, Captain Hollywood und La Bouche auf.

Doch als sich die Gruppe 1997 auflöste, besannen sich Santos und Jona Jona wieder auf das, was sie wirklich machen wollten: richtigen Rap. Dazu fanden sie mit Produzent Christian Brauer aus Löhne genau den Richtigen, wie sie sagen. Fortan fungierten sie gemeinsam mit Brauer, den Sängerinnen Corinna G. und Aisha Stanley und Sänger Ange da Costa unter dem Namen Soylent Green. „Nicht nur, dass wir in Christian einen begnadeten Beatmacher fanden. Er machte uns auch mit Ange mit einem wirklich begnadeten Sänger bekannt, der noch dazu, wie es der Zufall so wollte, Angolaner ist wie wir“, erzählt Santos lachend. Von nun an versuchten sich die beiden Rapper bei ihren Texten auch zunehmend auf Portugiesisch. Im Schnitt standen sie einmal im Monat auf der Bühne, es lief gut. Aber dann löste sich auch diese Gruppe auf: „Aisha ging zur Armee, Ange nach England“, erzählt Santos.

Drei Jahre lang passierte gar nichts, zumindest was die Musik angeht. Santos war inzwischen Vater geworden. Priorität hatte bei allen zunächst der Beruf oder die Familie. „Trotzdem: Im Hinterkopf hatten wir immer, mit der Musik weiterzumachen“, merkt der Industriemechaniker Santos an, aber es habe eben lange die nötige Motivation gefehlt.

2002 machte Ange da Costa den beiden den Vorschlag, doch mal seinen kleinen Bruder Johannes, der auch Musik machte, in Westfalen zu besuchen. Aber die beiden winkten ab. „Wir hatten ihn bloß als neunjährigen Jungen in Erinnerung“, erzählt Santos schmunzelnd. Erst ein Jahr später gab er sich einen Ruck und fuhr in das kleine Willebadessen, wo ihn zu seiner Überraschung nicht bloß ein ausgesprochen hochgewachsener, sondern auch ein ebenso herausragender Musiker begrüßte. „Ich hatte damals nur ein kleines Kellerstudio mit einem Computer, einem billigen Keyboard und einem schlechten Mikrofon“ erzählt J-JD. „Trotzdem war Santos von meiner Musik fasziniert und wollte sofort was auf die Beine stellen.“ Santos fuhr mit Beats von J-JD im Gepäck direkt zu Jona Jona, der ebenfalls begeistert war. Santos organisierte besseres Equipment für J-JD und im Dezember 2003 begannen die drei mit den Aufnahmen für ihre erstes Album („Sucesso“, port.: Erfolg), das sie in nur drei Monaten fertigstellten. Auch auf der Bühne standen sie nun wieder, jetzt zu dritt. Jikens war geboren.

Doch trotz guter Resonanz geriet der künstlerische Prozess bald wieder „ins Straucheln“, wie J-JD sagt: „Ich ging zum Studium nach Köln, Jona Jona wurde zum ersten Mal Vater und der Unterhalt musste auch finanziert werden.“ Zwar wurden noch Demos aufgenommen, etwa die EP „Trabalho Pesado“ (port.: schwere Arbeit), gemastert in den namhaften Trixx-Studios in Berlin, auch die Nachfrage von Freunden oder via Internet aus Portugal und Angola stieg. Aber so richtig ging es nicht weiter.

„Bis wir uns 2010 zusammengesetzt und gesagt haben: Ganz oder gar nicht!“, rekapituliert J-JD, der inzwischen ein Soloalbum („One“) veröffentlicht sowie eine eigene Produktionsfirma, Corason, gegründet hat.

Seitdem laufen die Aufnahmen für das neue Album auf Hochtouren. Elf Songs sind bereits fertig. Die Weiterentwicklung seit „Sucesso“ sei schon auf der EP nicht zu überhören gewesen, sind sich Jikens einig. Und nach „Abandonados“ und „Party on“ wurde, diesmal von der Computer-Station in Stadthagen, bereits ein neues Video gedreht: „Cabo Escorpo“ (allesamt auf youtube.com zu sehen).

Und obwohl es sich bei Jikens’ Musik zweifelsohne um Rap handelt, begreifen sie selbst ihre Musik „gar nicht unbedingt als Rap“, wie Santos sagt. „Wir verarbeiten verschiedene Einflüsse, nicht nur Hip-Hop, auch Soul oder R’n’B“, sagt J-JD. „Wir wollen mit unserer Musik Gefühle vermitteln.“ Und Jona Jona ergänzt: „Sprachlich sind wir vielleicht nicht für jeden verständlich, aber unsere Melodien bringen die Leute trotzdem zum Tanzen.“

Wie professionell Jikens arbeiten, zeigt sich auch beim abschließenden Foto-Shooting in der Abendsonne auf der Hindenburgbrücke – auch wenn J-JD der Name der Brücke wegen Hindenburgs Ernennung Hitlers zum Reichskanzler übel aufstößt. Sie posen wie die Großen, jedes Foto sitzt. Der Name ihres Debütalbums („Erfolg“) könnte sich als Programm erweisen.

Info: www.jikens.de



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